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Die Welt · 1898-07-01 · 26 (1.7.1898) · p. None

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
26 (1.7.1898)
Date
1898-07-01
Page
None (sequence 1)
Language
German
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Die mannigfachen Wahlen in den (Kulturländern geben zwar nicht das zuverlässige Bild der Volksseele, das die Verehrer des parlamentarischen Systems behaupten, indem sie nicht entfernt die sinnliche Anschauung von Land und Leuten ersetzen; aber sie zwingen dem nachdenklichen Betrachter manche wertvolle Beobachtung auf. Besonders dem Juden muss sich in diesem Zusammenhänge der ganze wunderliche innerhalb der europäischen Culturrvelt einzige Zustand seines Volkes mit wunderbarer Deutlichkeit in's Bewusstsein drängen. Alsdann muss es ihm klar werden, wieerdemMann im Syrerland gleicht, derimSchachte des Brunnens an einem Brombeerstrauch schwebte und über sich von einem furchtbaren Kameelhaupte, unter sich von dem aufgesperrten Rachen eines entsetzlichen Ungethüms bedroht wurde, während ein Mänsepaar an des Brombeerstrauches Wurzeln nagte. Durch die Wahlen wird der Jude aus dem privaten, wurzellos individuellen Leben, in das er sich zumeist eingesponnen hat, aufgestöbert. Wenn der Prophet nicht zum Berge kommt, kommt hier wirklich der Berg zum Propheten. Und den staatsbürgerlichen Pflichten, dem gesammten Politischen Getriebe kann er sich nicht entziehen, sofern seine Stellung nicht völlig unhaltbar werden soll. Ihm wird, sobald er sagt, dass ihm die Kämpfe der Parteien gleichgiltig wären, und er sich der Wahl enthalten würde, in anzüglichem Tone die Antwort zu theil: „das glaube ich, dass Ihnen die Wahl oder das Schicksal des Landes überhaupt gleichgiltig sein kann". Dergestalt müsste die Kluft und Kälte zwischen den Juden und den Wirtsvölkern nur immer wachsen; ja es müsste ein allgemeiner, freiwilliger Verzicht auf die Ausübung eines so wichtigen staatsbürgerlichen Rechtes, sogar ihr rein menschliches Ansehen innerhalb ihrer Wirtsvölker Herabdrücken. Und hinwiederum: Sobald sich der Jude einer Partei thatträftig anschließt, wird die gegnerische Partei nicht verfehlen, ihm sein Judenthum aus eine unfreundliche Weise in Erinnerung zu bringen. Selbst in Schweden, wo die Zahl der Juden eine minimale und demgemäß die Assimilation wirklich ernsthaft weit fortgeschritten ist, kann ein jüdischer Rechtsanwalt nicht als Reichsrathscandidat der liberalen Partei aufgestellt werden, ohne dass in conservativen Wahlaufrufen und Zeitungen das Judenthum des Bewerbers als unfein und gehässig hervorgehoben würde, und sogar liberale Grosshändler sich offen gegen seine (Kandidatur erklären, weil sie meinen, dass in nationalen, besonders militärischen Fragen ein Jude doch nicht genugsam das Interesse des Landes wahrnehmen könne. In Deutschland vermindert sich denn auch immer mehr die Zahl der — nichtsozialdemokratischen — jüdischen Reichstagscandidaten. Wenn vor einiger Zeit die „Freisinnige Zeitung" in einer Presspolemik erklärte, dass nur darum so wenige Juden auf der freisinnigen Candidatenliste ständen, weil vorzüglich die jüdischen Wähler in den einzelnen Wahlkreisen gegen solche Candidaten eingenommen wären, so mag das schon den Thatsachen entsprechen; aber es kommt doch auch hinzu, dass die Ausstellung eines jüdischen Candidaten, die Aussichten der betreffenden Partei herabdrückt. Ist ein jüdischer Candidat im Kreise aufgestellt, dann heißt es vor und in allen Wahllocalen: „Ihr könnt wählen, wen ihr wollt, aber ihr werdet doch keinen Juden wählen"; daher vornehmer empsindende Naturen eine Scheu empfinden, sich all den mannigfachen Kränkungen auszusetzen. Ein alter Parlamentarier wie Ludwig Bamberger tritt freiwillig von jeglicher Bewerbung zurück, wiewohl er eine Niederlage nicht hätte zu fürchten brauchen, da sein Wahlkreis Alzey-Bingen der einzige war, den die freisinnige Partei im ganzen deutschen Reiche mühelos im ersten Wahlgange behauptet hat. Freilich, noch einmal sei es gesagt, diese Indolenz ist begreiflich. Der letzte jüdische Candidat der Freisinnigen, ein Dr. Bernstein in dem vor den Thoren Berlins gelegenen Kreise Teltow - Beeskow - Storckow - Charlottenburg, der sogar ein getaufter Jude ist, kam in diesem ehedem freisinnigen Kreise mit einer unverhältnismäßig geringen Stimmenzahl hinter den sozialdemokratischen und den conservativ-antisemitischen Candidaten, und sogar die — Sozialdemokraten hoben immer wieder in bewusster Absicht seine Abstammung hervor. Nach vollzogener Wahl wurde die Qual noch größer für die Juden, welche all die mannigfaltigen Schachereien der Stichwahlvorbereitungen büßen mussten, und wo nur ein Parteiinteresse gekratzt wurde, ward ein unverständig blinder Judenhass offenbar. Wenn das „Berliner Tageblatt" für ein Bündnis aller bürgerlichen Parteien gegen

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