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Die Welt · 1898-06-24 · 25 (24.6.1898) · p. 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
25 (24.6.1898)
Article
Die Goldschilds
Date
1898-06-24
Page
16 (sequence 2)
Language
German
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Seite 16 j*s>wcr Nr. 23 Mit fiebernder Hast öffnete er den Brief. In der Erregung hatte er den Umschlag aufgerifsen, ohne ihn auch nur anzusehen. „Wie dumm!" dachte der dreizehnjährige Jsak. „Hatte ich das gewusst, so würde ich jetzt den Inhalt des Briefes kennen!" Aber es blieb ihm nicht lange Muße, um seine unnütze Ehrlichkeit zn bedauern. Der Oheim athmete tief auf — wie ein Mensch, der ein lang erwartetes Unglück Hereinbrechen sieht. Er schien die erhaltene Nachricht vorhergeahnt zu hoben. Dann trat er an das Pult und setzte die Feder an. Aber gleich darauf zerriss er wieder das Papier und wandte sich an den Neffen: „Jsak — laufe schnell zur Großmutter, und bitte sie, sich zu mir zu bemühen!" Das ließ sich der Knabe nicht zweimal sagen. Es musste sich um etwas sehr Wichtiges handeln, wenn die Großmutter gerufen wurde. Die Bertrauensrolle, die ihm in dieser Angelegenheit zufiel, schmeichelte seinem Selbstgefühl nicht wenig. Das hinderte ihn aber nicht, fortgesetzt lebhaft zu bedauern, den Brief nicht geöffnet zu haben. Er fand die alte Sarah trotz der frühen Stunde schon auf, und damit beschäftigt, ihre Aepfel zu ordnen. Kaum dass sie Jsak's Botschaft vernommen, brach sie in laute Klagen darüber aus, dass man ihren alten Gliedern einen so beschwerlichen Weg zumuthe. „Gott über die Welt!" jammerte sie. „Was kann mein Sohn Rüben von mir wollen!" In den klugen Augen des kleinen Goldschild zuckte es aus. „Ich weiß es!" prahlte er höchst unverfroren. „So sag' es Deiner Babe, mein Jüngelchen!" bat die Alte neugierig. „Was gibst Du mir dafür?" fragte Jsak. Die Großmutter reichte ihm stumm einen Apfel. „Nein", lachte der Enkel, „den krieg' ich ja alle Tage! Einen Silber-Sechser will ich für mein Geheimnis haben!" Und als er auch diesen unter vielen Wehklagen und Ermahnungen, das schöne Geld ja zu sparen, erhalten hatte, stellte er sich direct vor die Thüre und rief: „Sagen will Dir der Rabbi etwas!" Damit war er auch schon im Freien und der Rache der geprellten Llpfel-Jüdin entzogen. „Dummer Junge!" zeterte sie hinter ihm her. „Dass er mich nicht zum Tanze führen will, weiß ich auch!" Aber Klein-Jsak hatte seinen Sechser in der Tasche und obendrein auch noch die moralische Befriedigung, dass er aus dieser leidigen Angelegenheit für seine eigene Person den größtmöglichsten Nutzen herausgeschlagen hatte. Der Helle Zorn der Babe machte ihm nicht bange. Bis znm Abend war dieser sicher verraucht, und er erhielt als Belohnung für die bewiesene Schlauheit noch einen Exttaapfel von der größten und süßesten Sötte. Bald daraus saß die alte Sarah in der dumpfen Giebelstube ihrem Sohne gegenüber. Raphael's Abschiedsbrief lag in ihren zitternden Händen. Der Rabbiner hatte ihr den ganzen Hergang erzählt und ettvartete jetzt ihr Urtheil. Er hatte nichts verschwiegen, aber auch nichts schwärzer gemalt. Nach bestem Wiffen und Gewissen war der Glaube des Sohnes gerichtet worden. Die alte Frau hatte der Schlag schmerzlich getroffen. „Raphael ist also ein Posche Jisroel *) geworden?" frug sie mit gebrochener Stimme, das furchtbare Wort nur widerwillig aussprechend. „Schon Maimuni sagt, dass, wer nicht an die Einheit Gottes glaube, kein Rechtgläubiger sei!" erwiderte Rabbi Goldschild düster. „Welche Sttafe schreibt das Gesetz vor?" forschte Sarah wetter. Rüben schwieg. Ein entsetzlicher Kampf entspann sich in seinem Herzen. Er brauchte nur zu schweigen, und die Schande war von seinem Hause, das Verderben von seinem einzigen Kinde abgelenkt. Gab es nicht viele tausend Juden, die mit Israel noch weit tiefer zerfallen waren als Raphael und doch dem Anscheine nach in der Gemeinde blieben, da sich kein Ankläger erhob? Aber der starre Geist des Rechtes siegte. Der Rabbiner ttchtete seine mächtige Gestalt auf und entgegnete: „Solches Verbrechen' sühnt nur der Cherem!"*) „Dann muss der Bann über Raphael Goldschild ausgesprochen werden!" entschied die Apfel-Jüdin mit einfacher Seelengröße. „Es ist mein Sohn! Mein einziges Kind!" klagte der Vater tonlos, als hoffe er noch das strenge Herz der Matrone zn rühren. „In der Geschichte unseres Volkes hat es Fälle gegeben..." Aber die alte Sarah ließ ihn nicht vollenden. Sie tippte mit ihrem Stocke auf die Diele, um seine Rede zu unterbrechen und ttef, jede Entschuldigung abweisend, heftig: „Es steht geschrieben!" Nun wusste der Rabbiner, dass alles vergeblich sei. Wenn die Mutter sich auf die heilige Schrift berief, gab es keine Ausflucht, keine Barmherzigkeit. Sie hätte nöthigenfalls selbst die Anklage erhoben. Er ttat an das Fenster und blickte lange schweigend gegen Osten. Alles Menschliche in ihm bäumte sich empört gegen das hatte Gebot auf. Er sprach zu seinem Gotte. Als würdiger Priester war er bereit, das Opfer zu bringen. Aber unerschütterlich hoffte er, dass ihm der Allmächttge rechtzeitig wie seinem Stammvater Abraham in den Arm fallen würde mit den Wotten: „Strecke Deine Hand nicht aus über den Knaben!" So tief wurzelte der Glaube dieses Mannes, dass er allen Ernstes das Aufgehen eines zweiten Sonnenballes als Zeichen der Gnade zu sehen erwattete. Aber nichts war sichtbar, als ein lachender, blauer Himmel, der in seiner ungetrübten Klarheit des Schmerzes des frommen Rabbi zu spotten schien. Da plötzlich sank dieser auf einen Stuhl, legte den müden Kopf auf die schmale, harte Lehne und schluchzte laut auf, wie ein Kind. Eine Weile ließ ihn die alte Sarah ruhig gewähren. Dann stand sie leise auf und humpelte zu ihm. Mit ihren welken, zitternden Händen strich sie ihm liebkosend über das lange, wirre Haar. Vierzig Jahre schienen spurlos an dem Verhältniffe dieser zwei Menschen vorübergegangen zu sein. Er — der große, gelehrte Mann ward wieder das hilflose Kind, das der Mutter bedurfte. Und die alte Sarah füllte ihren Platz aus — gerade wie vor einem halben Jahrhundert, wo sie ungezählte Nächte an der Söhne Wiege gewacht und ihnen alle Morgen und alle Abend unermüdlich den Vers vorgesyrochen, der den Grundstein des israelitischen religiösen Bekenntnisses bildet: „Höre Israel! Der Ewige, unser Gott, der Ewige ist einig und einzig!" „Mein Jüngel", suchte sie Rüben zu trösten, „mein liebstes Jüngel! Der Herr hat's gegeben — der Herr hat's ge nvmmen!" Und verklätt nach Osten blickend — wo der Rabbiner vergebens den Aufgang einer zweiten Sonne erwartete fügte sie mit starker, überzeugter Stimme hinzu: „Der Name des Herrn sei gelobt!" Ende des ersten Buches. Eherein — schwerster Bann. *) Posche Jisroel Abtrünniger. (Fortsetzung folgt). Herausgeber: P. ^sschsurr. Berantw. Red.: Dr. Siegln. Wrrnrr. Buchdruckerei „Industrie" (S. Bergmann), VUL, Schlöffelg. U.

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