Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 25 (24.6.1898)
- Article
- Bialystok
- Date
- 1898-06-24
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 12 Pk^WdC Nr 25 Volkes dcrhingerafft hat. Nun ließen auch wir unserem Schmerze freien Lauf, und ein fast nimmer endenwollendes Schluchzen erfüllte das Haus. Mit Windeseile hatte sich die traurige Nachricht in der Stadt verbreitet, und gegen 8 Uhr war die Straße voll von Menschen. Händeringend, weinend kamen sie und drängten sich ungeduldig in die Wohnung des Todtcn, um au seinem Lager zu beten. Unter Weinen und Klagen, unter Beten und Trauerreden gieng der Tag vorbei. Bis spät in die Nacht hinein stand auf der Straße die Menge, das Haus war gefüllt von Betenden, welche die ganze Nacht am Todtenlager wachten. Am nächsten Morgen, den 29. d. M. (10. Juni), begann sich das Volk schon um 6 Uhr früh auf der Straße anzusammeln, und mit jeder Viertelstunde wuchs die Menge von Hunderten auf Tausende, von Tausenden auf Zehntausende. Kein Wunder, da die ganze Stadt da war, alle Läden waren geschlossen, die Fabriken außer Betrieb, in den Schulen fiel der Unterricht aus. Bon den umliegenden und auch entfernteren Städten und Städtchen eilten die vom Tode unseres Führers Benachrichtigten herbei, um dem Todten das letzte Geleite zu geben. Das Wetter war des Morgens etwas trübe, doch heiterte der Himmel sich immer mehr und mehr auf, so dass beim schönsten Sonnenschein um 10 Uhr die Bahre von den angesehensten Bürgern unserer Stadt aus dem Hause getragen werden konnte. Kaum erblickte die Menge dieselbe, so brach sie in lautes Weinen und Schluchzen aus. Der Zug begann sich zu bewegen, Alles strömte hinaus, den großen Mann zur Gruft zu geleiten. Männer, Frauen, Kinder, alle waren sie hier auf dem Weg zum Friedhof. Bis zur Gruft — vom Hause des seligen Rabbiners ungefähr drei Werst — wurde die Bahre getragen, und trotz der glühenden Hitze begleitete sie das Volk bis dahin. Bevor die Bahre nach dem Friedhofe getragen wurde und nachher auch daselbst wurden mehrere Trauerreden gehalten. Am deutlichsten offenbarte sich der Scbmerz des Volkes bei der Rede unseres bekannten Volksfreundes, des Herrn Nißenb a u m. Als Secretär unseres unvergeßlichen Rabbiners hatte er Gelegenheit, gründlichen Einblick in deffen Wirken und Schaffen zu thun. Mit ergreifenden Worten schilderte er Mohilewers Liebe zum Volke, seine Liebe zu Zion, die Aufopferung seines Vermögens, seiner Zeit und Arbeitskraft im Jntereffe des Judenthums. Es waren Worte von wahrer Ueberzeugung durchdrungen, die das Herz Aller riihrten, und einen Strom von Thränen hervorriefen. Und dann wurde, was sterblich war au Rabbi Samuel Mohilewer, der Erde übergeben. Gott tröste uns Alle mit den Trauernden Zions und Jerusalems. Menachem. Moskau. Der seinerzeitige Erlass vom Jahre 1887 fixierte das Percentverhältnis aller aufzunehmenden jüdischen Hochschüler in beiden Residenzen Petersburg und Moskau mit 3 Percent der Gesammtzahl der neu immatriculierten Hörer. Nunmehr geht man in Moskau auf Grund eines Erlasses des Unterrichtsministeriums daran, auch diese 3 Percent illusorisch zu machen, und das in der Weise, dass die 3 Percent Auswahl nicht für die Gefammtuniversität. sondern für die einzelnen Facultäten in Anwendung gebracht werden. Da aber die Juden nach Absolvierung der mathematisch-philosophischen und der philologischphilosophischen Facultäten absolut keine Aussichten haben, irgend welche Beschäftigung zu finden, so ist es soviel wie ausgeschlossen, dass die auf Grund der vorjährigen Aufnahmsresultate festgestellte Anzahl von zulässigen jüdischen Hörern jemals aufzutreiben sein wird. Ta die am stärksten von Christen frequentierte Facultät die juristische ist, so entfallen auf dieselbe 10 jüdische Hörer und auf die medicinische im ganzen 7 Hörer. Und so werden die Unglücklichen vor die Alternative gestellt, entweder auf die Hochschulbildung zu verzichten oder eine Facultät zu frequentieren, die, wie die juristische, an den Juden das unglaubliche Ansinnen stellt, sein Leben in der Hoffnung zu verbringen, einst aus einem Advocaturs-Concipieuten durch glücklichen Zufall ein Rechtsanwalt zu werden; denn für die Rechtsanwälte gibt es ein zweites Sieb, ein 10 percentiges Verhältnis der Gesammtheit der christlichen Advokaten. Die neue Maßregel dürfte allmälig' an allen Universitäten durchgeführt werden. A. W—f. Odessa. Zu den empfindlichen Verlusten an treuen Kämpfern, die der Zionismus in jüngster Zeit erlitten, zählt man, besonders in den Kreisen der akademischen Jugend in Russland, das Hinscheiden N. W a s i l e w s k i' s, der im Alter von 21 Jahren hier verschieden ist. Wasilewski war inPolt a w a geboren, welche Stadt er auch am ersten Baseler Congresse vertreten hat. Trotz seiner Jugend erfteute er sich einer großen Beliebtheit, wegen seiner Anlagen und Fähigkeiten, die ihm eine große Zukunft verhießen. In den letzten drei Jahren hatte er sich ganz dem Zionismus gewidmet und entwickelte eine sehr erfolgreiche Propaganda durch glänzende und stylvolle russische Aufsätze über diese Bewegung. Das Leichenbegängnis fand unter großer Betheiligung der jüdischen Bevölkerung statt. Jekaterinoslaw. Auf den vacanten Posten des Oberrabbiners von Jekaterinoslaw wurde einer unserer tüchtigsten russischen Gesinnungsgenossen berufen. Dr. L e w i n. der nunmehr an der Spitze einer der reichsten und blühendsten jüdischen Gemeinden Russlands steht, ist in dem Städtchen S w i s l o c z, Gouv. Minsk, geboren und widmete sich bis zum 17. Jahre dem ausschließlichen Studium des Talmuds; erst später absolvierte er eine Mittelschule und wendete sich nunmehr nach Berlin, wo er das Rabbinerseminar und die Universität zu gleich frequentierte. Nach der Erlangung des Doctorgradcs kehrte er nach Warschau zurück, wo er in die Redaction des „Achiasaf" eintrat. Zu dieser Zeit schrieb er die „Geschichte der jüdischen Lyrik" in neuhebräischer Sprache. Sein hervorragendes oratorisches Talent lenkte die Aufmerksamkeit der Cultusgemeinde von Grodno auf ihn, die ihn auch zum Rabbiner be stellte. Nun verlässt er nach einem kaum anderthalbjährigen Wirken diese Stadt, wo er sich die allgemeine Sympathie, besonders wegen seines lauteren, uneigennützigen Charakters zu erwerben verstand. Dr. Lewin wurde mit 600 Stimmen gewählt gegen 300, die auf den Mitbewerber entfielen. In einer Probcpredigt hob er als besonders wichtige Ziele seines Strebens hervor: Pflege des hebräischen Schriftthums, Liebe zum eigenen Volke und Bekämpfung der Assimilation. Nach seinem bisherigen Wirken ist nicht zu zweifeln, dass er dieses Programm auch mit vollem Eifer durchführen wird. Türkei. Jaffa. Hier wird ein eigenes Gebäude für eine Kinderschule erbaut, die auf dem von unserem Gesinnungsgenossen, dem Großhändler W. Wyssotzky, in Moskau und Herrn G. W e i n st e i n gespendeten Grundstück aufgeführt werden soll. Tie Schule wird von dem Odeffaer Comite subventioniert. Die andere Schule, die rühmlichst bekannte landwirtschaftliche Schule „Mikwe .Israel" bei Jaffa, mit ihrer Musterfarm hat einen glänzenden Jahresabschluss mit cirka 20.000 Frcs. Reingewinn zu verzeichnen. Die Pflanzungen werden in ganz besonderer Weise von den Cvlonisten in Anspruch genommen und bewähren sich aufs Glänzendste. & Utreiilsnachrichtku. Wien. Der Einzelverein „Wien" des „Zion" veranstaltete am 21. Juni eine Trauerfeier für Rabbiner Samuel Mohilewer und Prof. Hermann Schapira, bei welcher die Mitglieder sämmtlicher zionistischer Vereine Wiens zahlreich vertreten waren. In einer kurzen Eröffnungsrede machte der Vorsitzende Herr Dr. Kahn die traurige Mitlheilung, dass außer den beiden ron der zionistischen Welt so tiefbetrauerten Männern, das Judenthum noch mehrere Verluste erlitten habe, und gedachte in Ehren der in jüngster Zeit verstorbenen jüdischen Gelehrten S M o dl i n g e r in Wien, B. Goldenberg in Tarnopol und eines unserer jüngsten Gesinnungsgenossen N. Wasilewski in Hierauf ergriff Herr B r a u d e s das Wort und schilderte in einer glänzenden Rede die Bedeutung der beiden Männer, deren Andenken der Abend gewidmet war. Hier haben sich, nach dem alttalmudischen Worte „Himmel und Erde berührt". Ter orthodoxe Gaon und Rabbiner einer lithauischen Stadt nnd ein Professor der Mathematik an der Universität Heidelberg, die sonst im Leben bekanntlich weiter von einander geschieden find, als Himmel und Erde, reichten sich brüderlich die Hände und arbeiteten einträchtig an einem Werke, kämpften gemeinsam rar