Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 25 (24.6.1898)
- Article
- Berlin / H. T.
- Date
- 1898-06-24
- Page
- 11 (sequence 1)
- Language
- German
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Äkr. 25 Seite 11 Deutschland. Berlin. Einen neuen Beitrag zum CapitelderRes i g n a t i o n bot jüngst die Repräsentantenversammlung der hiesigen jüdischen Gemeinde. Es handelte sich um die Berathung der Gebetordnung für die neu zu eröffnende Synagoge im Westen Berlins. Die mit der Borberathung betraute Commiffion war dahin schlüffig geworden, zwar provisorisch sich dem Cultus der anderen Orgelsynagogen Berlins anzuschließen, sodann aber eine Specialcommiffion einzusetzen, die die Revision der Gebetbücher vorzunehmen hätte. Herr Geh. Sanitütsrath B l um ent h a l verurtheilt, dass in der jetzigen Faffung des Gebetbuches die fundamentalen Lehren des Judenthums nicht zum Ausdruck kommen, dass man das Wort „Z i o n" daraus gestrichen, und dass die freie Uebersetzung durchaus die Wärme des Tones vermissen lasse. Er stellt sogar den Antrag — honibile dictu — man solle das alte Sachs'sche Machsor wieder einführen! Erst die geltend gemachten Einwände seitens einiger Herren, dass dieses doch für die Orgelsynagogen durchaus nicht verwendbar sei, bewogen ihn dazu, diesen Antrag zurückzuziehen. Die Herren aus der Repräsentanz lheileu in der Mehrheit die Anschauungen des Herrn Blumenthal; allein der Borstand wendet sich energisch dagegen und wünscht ängstlich Vermeidung jeder Neuerung. Und wie begründet er das? Hören wir einmal die Erwiderung des Commissärs, Herrn Rechtsanwalt Dr. Fuchs: „Auch ich bedauere lebhaft, dass der Gedanke an Zion und die Auserwähltheit des Volkes Israel, den wir Jahrtausende lang gepflegt, und der so innig mit dem Judenthum verN'achsen ist, aus dem Gebetbuch ausgemerzt ist. Ich bin nicht einer von denen, die dem Gegner zuliebe darauf verzichten wollen, die den Antisemiten die Cvnceffion machen zu müffen glauben. Ich bedauere es lebhaft, aber — wir müssen Resignation üben! Die Steuerung ist vor nunmehr 17 Jahren geschaffen, warum also jetzt wieder daran ändern? Lassen wir das Buch, wie es ist!" — — Das war unserem temperamentvollen Herrn Profeffor L c v i n denn aber doch etwas zu viel. „Ich bin mit den Aussührnugen des Herrn Cvmmistärs durchaus einverstanden — bis auf die C o n s e q u e n z: Wir wollen die Religionsgrundsätze wieder in das Gebetbuch hincinbringen, die Grundgedanken darstellen. Sie aber setzen sich die Tarnkappe aus und sagen, cs wäre nicht opportun, Reformen einzuführen, wir müssen resignieren! Heute aber heißt es, recht s oder links Stellung nehmen und nicht Opportunitätsgründe gelten lassen. Mittelparteien gehen überall da zu Grunde, wo sie nicht im Bedürsniffe begründet sind." Freilich zogen sich beide Herren Redner den Tadel des durchaus nicht neuerungssüchtigen Herrn Justizrath Tiktin zu, der sich darüber beklagte, hier solch pathetische Ergüsse mit anhören zu müffen, während man das doch geschäftsmäßig ruhig berathen könnte. Wozu denn hier den „Zionismus" (er gebrauchte diesen Ausdruck wohl nicht absichtlich) in die Debatte ziehen? Man könne ja ruhig eine Commiffion zur Berathung einsetzen, zu Tage käme ja bei solchen Berathungen nichts, also bester den Gegnern diese unerhebliche Concession machen, als diese Debatten führen. Die Commistion wurde beschlosfen. Wird Herr Justizrath Tiktin Recht behalten? — H. T. Frankreich. Paris. Der Neffe des im Panamaprocesse vielgenannten Baron Reinach, Josef Rein ach, der sich bei den letzten Wahlen vergebens um ein Mandat bewarb, soll nunmehr sein Auftreten zugunsten der Revision des Dreyftlsprocestes büßen. Ter ehemalige Kriegsminister Billot verfügte die Einleitung der Untersuchung gegen Reinach, der als Hauptmann der französischen Armee angehört, weil Reinach im „Siecle" einen von dem Archäologen Conybeare in der „National Review" publicierten Artikel in getreuer Uebersetzung veröffentlicht hatte. Der Artikel Cvnybeares, der von dem ehemaligen ttalienischen Militärbevollmächtigten in Paris, Oberst Panizzardi, inspiriert sein soll, erklärt Esterhazy als den Berräther, welcher dem deutschen Generalstabe alles Wistenswette mitgetheitt habe. Kaiser Wilhelm besäße die Documcnle, deren Publicierung den französischen Generalstab moralisch vernichten und noch vor Aufbruch eines Krieges ein Sedan herbeiführeu würde, da die Franzosen dann alles Zutrauen zur Armeeleitung verlieren müssten. Wegen der Uebersetzung dieses Artikel soll sich Reinach am 24. Juni verantworten. Als Zeugen sollten der General Saus sie r, Br ug 6 r e, der ehemalige Minister des Aeußeren H a n o t a u x, Senator Rane, Oberstlieutenant Picquart und der Untersuchungsrichter B e r t u l u s von Reinach gefühtt werden. Jndess erklärte dieser plötzlich, dass er infolge eines Briefes eines hervorragenden Patrioten auf alle Zeugen verzichten werde. Die Affaire Reinach scheint der Anfang einer ganzen Reihe von Processen zu sein, da die Militärpartei allen Anhängern der Revision den Process wegen Hochverrathes machen möchte. Paris. Das Cabinet S a r r i e n, das bereits als gesichert galt, scheiterte im letzten Momente an dem Widerstande der gemäßigten Republikaner, welche Cavaignac, der sich in der letzten Session durch seine Borliebe für die Militärpartei und seine schroffe Gegnerschaft gegen die Revision des Dreyfusprocefses hervorthat, nicht als Kriegsminister acceptieren wollten. Das war der Hauptgrund, der allerdings durch die Vereitelung mancher Aspirattonen der gemäßigten Republikaner noch mehr Stütze erhielt. Es scheint, dass die Parteien nnd mit ihnen Frankreich die Sünden, die in der Dreyfusangelegcnheit begangen wurden, noch schwer werden büßen müffen. In allen für Frankreich lebenswichtigen Angelegenheiten taucht immer wieder die Gestalt des unglücklichen Deportierten auf, und man kann heute in Frankreich von allen bedeutenden Geschehnissen sagen: Fades non omnibus una, Kon diversa tarnen .... Russland. Bialyftok. Ein tieferschütterndes Ereignis hat am 28. d. M. (9. Juni) unsere Stadt betroffen. Unser hochverehrter Rabbiner Rabbi Samuel Mohilewer ist am genannten Tage 440 Uhr des Morgens verschieden. Obwohl er schon die letzten zwei Jahre sehr schwach gewesen ist, so traf uns doch diese Nachricht ganz unerwartet. Den Tag vorher hatte er noch um 8 Uhr des Morgens mit seiner Gemahlin gesprochen, aber kurz darauf verlor er infolge eines Schlaganfalles die Sprache. Tie Aerzte, die sofort zu Rath gezogen wurden, konnten nur den hoffnungslosen Zustand unseres heißgeliebten Rabbi constatieren. In diesem sprachlosen Zustande verblieb er bis au sein Lebensende. Seine Krankheit hatte viele Leute nach Bialyftok geführt, die kamen, sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Man wagte kaum sich die Hände zu reichen und ein leises „Guten Tag" zu murmeln. Alle Anwesenden weinten, denn sie ahnten, dass die letzte Stunde unseres unvergesslichen Rabbi gekommen sei. Auf der Straße standen die Leute in dichtgedrängten Gruppen und schauten ängstlich zu den Fenstern hinauf. Eue tiefe Trauer lag auf dem Gesichte eines Jeden. Um Mitternacht kam ein telegraphisch herbeigerusener Professor aus Warschau, aber auch seiner Kunst gelang es nicht, dem Tode sein Opfer zu entreißen. Trotzdem haben wir den Muth nicht sinken lassen. Solange das Herz des Kranken noch schlug, solange wir noch das schwache Athmen hörten, lebte in uns noch Hoffnung auf Rettung. Wir — ungefähr dreißig Personen — hielten die ganze Nacht abwechselnd Wache am Krankenlager. und am 28. d. M. (9. Juni) merkten wir leider zu deutlich, dass Rabbi Samuel Mohilewer die letzten Athemzüge that. Die Psalmen wurden unter Thränen recittert. aber das schien ohne Wirkung auf den Geist unseres heißgeliebten Rabbi zu sein, der mit Herz und Seele diese heiligen Laute liebte. Immer schwerer und immer seltener athmete er, immer langsamer hob sich seine Brust, bis sein Herz schließlich zu schlagen aufhörte. Regungslos lag er da — ist er wirklich gestorben? Nein, er lebt noch, er schläft nur, er schläft süß und ttäumt von seinem geliebten Zion, von der Erlösung seiner bedrängten Brüder. — Doch er regt sich nicht, sein Herz schlägt nicht mehr, eiskalt ist seine Hand. Das sind unverkennbare Zeichen des Todes. Ja, er ist gestorben, er lebt nicht mehr, wie wir. Jetzt erst kommen wir zur Besinnung, jetzt erst wird es uns klar, dass der grässliche Tod euren Großen unseres