Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 25 (24.6.1898)
- Article
- Wien / Munk
- Date
- 1898-06-24
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10. PJtOWdC Nr. 25. überschüssigen Mitbürger hinausführen wollen, nach Afrika oder nach Asien. Hier heißt es aber nicht Verrath am Vaterlande, wenn man diese Bestrebungen propagiert. Und darum, wollen wir uns trotz aller VerleumoUng auf unserem Wege nicht beirren lassen. Wir haben uns Muth und Kraft geholt am ersten Zionistencongresse. Den Juden im Kaftan und den modernen Juden durchglühte da nur eine Begierde, das jüdische Volk wieder zu einen. In dem einen Gedanken haben sie sich gefunden und haben damit bekundet, dass sie eines Stammes sind. Unterdessen ist die Bewegung mächtig angeschwollen. Ueberall, wo es Juden gibt» wurde der zionistische Gedanke bekannt und discutierr. Und ein weiterer Schritt ist die Gründung einer jüdischen Bank, einer Bank des Judenthums, welche nun zur Thal wird. Sie bitte ich aber, mit uns zu gehen Und zu kämpfen, die Sehnsucht jener, welche nach einem neuen Lande, dem Lande der freien Entfaltung ausschauen, zur That werden zu lassen." Ms der Referent geendet hatte, brach stürmischer Beifall aus, welcher sich erneuerte, als der Vorsitzende für die lichtvollen Ausführungen des Redners dankte. An der äußerst lebhaften Debatte betheiligten sich die Herren Sternberg, Dr. S ch n i r e r,. Birnbaum, Rosenthal, Schwarz. Dr.Kahn,Fischer, Dr. Werner, Herzog und Piekarski. Ueber Antrag des Dr. Werner wurde eine Resolution angenommen, in welcher die Versammelten dem Zionismus ihre Sympathie bekunden und versprechen, ihre ganze Kraft der Verbreitung der Idee zu widmen. Schließlich forderte Tr. Kahn zur Einzahlung des Schekels und zur Subseription auf Actien der jüdischen Colonialbank auf. Der größte Theil der Versammlung leistete dieser Aufforderung Folge so dass auch in dieser Hinsicht ein positives Resultat erzielt wurde. M u n k. Freiburg i. Br. Am Montag, den 18. d. fand Hierselbst eine besonders von Studenten besuchte Versammlung statt, in welcher der Zionismus zur Discussion kam. Das einleitende, treffliche Referat des Herrn cand. phil. M. Braude suchte, das Baseler Programm interpretierend, unter energischer Betonung des völligen Bankerotts der Assimilationsbcstrebungen die Bedeutung des Zionismus zumal für die deutschen Juden darzustellen. Die anschließende Discussion, an der sich zionistischerseits die Herrn Dr. med. Kupfer und Theodor Z l o c i st i bethciligten, ließ die „Thätigkeit" unserer Protestrabbiner in schaurigem Licht erscheinen. Das Tollste lcistcteten sich zwei Schüler des Herrn Dr. Vogelstein, der seine „Rcligionsstunden" nicht mit der Bekämpfung des Zionismus, sondern mit der Belehrung wenigstens in den primitivsten .Kenntnissen unserer Vergangenheit ausfüllen sollte. Ordentlich wohlthncnd wirkte cs, wie Herr Dr. .K up fer e r z ä h l l e. er hätte sich lange m i t ict F r a g c der Assimilation beschäftigt und sei gerade daran gewesen a n ch die C o n s e g u e n z e it z u ziehen,; w a r n i ch r sich selb st, a der sei n e K ind erlauf e n zu l a s s e n. d a Hörle er vom Z i o n i s in u s. Eine neue Seit hätte sich i h in erschlossen. Was er selbst d u in pf empfunden hätte, was er aber als ein Hirngespinst von sich gewiesen, weil-er niemals so etwas gehört hätte, weder in der ,.R e l i g i o n s st u n d e" noch sonst in jüdischen Kreisen, das fand er klar ausgesprochen im Zionismus: den Gedanken der gemeinsamen A b st am nt ung. der gemeinsame n Geschichte und der g e m e i n s am e n Zukunft. Der Zionismus h ä t t e i h m tvieder einen Boden unter die Füße geschoben. — Was sagen die Herrn Protestrabbiner zu dieser „zerstörenden" Macht des Zionismus? Als Ergebnis dieses Abends dürfen mir die Gründung einer kleinen zionistischen Ortsgruppe betrachten. Z Tirgu ocna (Rumänien). Durch die Bemühungen der Damen Wechsler und Grünberg - wurde hier ein zionistischer Frauenverein namens „B'n o t h Zion" (Töchter Zions) gegründet. Eben diesen Damen ist die Veranstaltung eines Balles zu verdanken, deffen Reinerträgnis laut Beschluss des Vereines zur Anschaffung von 50 Shares der Jüdischen Colonialbank bestimmt ist. Möge das Beispiel eifrige Nachahmung finden! . Swenigorodna, Gouv. Poltowa. „Birschew. Wjedomosti,, berichten: „In der hiesigen jüdischen Bevölkerung macht sich ein lebhaftes Treiben bemerkbar. In den Synagogen und den Gebeihäusern werden jedesmal lange Predigten über die nationale ■ Wiedergeburt und die Gründung eines jüdischen Staates nach dem Vorschläge des bekannten ausländischen Zionisten Dr. Herzl gehalten. Hiebei werden auch gedruckte Flugschriften vcrtheilr, die von den zionistischen Hauptagitatoren in Warschau herausgegeben werden. Die Maffeu sind durch diese Predigten hingerissen, besonders die Jugend, die vot kurzem einen Verein gegründet hat, dessen Präses Herr Spiegel ist". Manchester. Am 12. Juni veranstalte: e der hiesige Verein „Dorsche Zion" eine Trauerfeier für den verstorbenen Rabbi Samuel Mohilewer. An demselben Tage fand eine zionistische Massenversammlung statt, in welcher mehrere Redner die zionistische Bewegung von verschiedenen Gesichtspunkten aus beleuchteten. Einer derselben, Mr. Masel, widmete dem seligen Rabbiner Mohilewer einen warm empfundenen Nachruf. ComspmdkllW. Oesterreich-Ungarn. Prag. Der Bezirksschulrath in Klattau hat unter dem i:r. d. an sämmtliche Schulleitungen folgendes Rundschreiben gerichtet: „Die judenfeindlichen Ausschreitungen, welche sich in der letzten Zeit an einigen Orten ereigneten und zum großen Theile bis zur Beschädigung des Eigenthums dem jüdischen Bekenntniffe angehörender Personen gediehen sind, machen es nothwendig, dass der antisemitischen Bewegung besondere Aufmerksamkeit gewidmet werde. In dieser Beziehung muss die Schule dahin wirken, dass die Heranwachsende Jugend von Allem abgewendet werde, was sich nicht mit der Humanität verträgt, welche die Schule zu pflegen hat. Indem ich auf den Erlass vom 8. März 1895, der von der Ermunterung zur Verträglichkeit in nationaler und religiöser Hinsicht an den Schulen handelt, verweise, trage ich den Leitungen der öffentlichen und privaten Volks- und Bürgerschulen auf, den ihnen unterstehenden Lehrkräften diesen Erlass in Erinnerung zu bringen und sie nachdrücklich aufmerksam zu machen, dass es ihre Erzieherpflicht ist, die Schüler zur Verträglichkeit auch gegen die Angehörigen des israelitischen Bekenntnisses anzuleiten, und dass jede einzelne Lehrkraft in dieser Beziehung der Schuljugend nicht m:r selbst mit gutem Beispiele voranzugehen, sondern auch über das Verhalten der Schüler in und außer der Schule auf das eifrigste zu wachen hat. Den Bezirksschulinspectoren wird aufgctragen, dieser Angelegenheit ihre volle Aufmerksamkeit zu widmen und insbesondere bei den Schulinspectionen in dieser Richtung strenge Aufmerksamkeit zu üben. Sollten sich bei den Schülern Erscheinungen von Hass gegenüber den Israeliten zeigen oder sollte irgend eine Lehrperson der oben erwähnten Pflicht nicht völlig Nachkommen, oder vielleicht gar die Schule zur Förderung von gegen die Bekenner des..jüdischen Glaubens feindlichen Anschauungen missbrauchen, so ist sofort mit aller Strenge nach den geltenden Disciplinarvorschristen einzuschrciten." Lemberg, 19. Juni. Dem „Knrycr Lwowski" wird ans Jaslo geschrieben: Die antijüdische Bewegung ist im Zanehmeu begriffen, trotzdem in fast allen Gemeinden des Bezirkes Militärpatrouillen nmherziehcn. Die Stojalowski-Partei arbeitet unablässig an der Verhetzung der Bauern, unter denen sie allerlei Schancrgerüchte verbreitet. Es herrscht nämlich kein Zweifel mehr darüber, dass alle Gerüchte, die den Bauernmassen beigebracht wurden, von den Agitatoren dieser Partei herrühren. Einer dieser Leute stellte sich dem Gemeindevorsteher in S z e r z y n y, der es versucht hatte, die Excedenten zu beschwichtigen, mit den Worten entgegen: „Der W «'> j l hat hier nicht mitzureden; ich bin Anführer und übernehme jede Berantlvortnng. Der Wüjt wird bestraft werden, weit er uns den aus Wien ein gelangten Auftrag zur Ermordung der Juden verheimlicht." Thatsächlich herrscht in fast allen Gemeinden die feste Ueberzengung, dass die Ermordung der Juden von Wien aus anbefohlen sei, und dass nur die Vorstände der Gemeinden dieses Berdict verheimlichen wollen. Eine eigenartige Legende ist inPielgrzymka verbreitet: „Die Juden müssen totgeschlagen werden, weil sie dem Kaiser nach dem Leben trachteten. Sie hätte» für ihren ruchlosen Plan den Friseur des Monarchen gewonnen, der die schreckliche That beim Rasieren ausüben sollte. Als dieser aber das Verbrechen verüben wollte, erstarrte seine Hand, und er brach in Weinen aus. Vom Kaiser über die Ursache befragt, entdeckte er ihm das schauerliche Geheimnis." Aehnliche Legenden sind auch in anderen Gemeinden zu hören. Eine derselben hat noch den Zusatz, dass die Erlaubnis zur Niedermetzelung der Inden nur ans 14 Tage ertheilt sei, da die Kaiserin, die den Juden freundlich gesinnt sei, sich vom Kaiser diese Einschränkung des strengen Erlasses erbeten habe." In der „P s z c z n k k a". dem Organe Stojalowski's, stand zu lesen: „Wenn 10.000 Juden abgeschlachtet würden, so wird die Lage sich b.essern." Und so hörte ich vielfach, wie Bauern erzählten, dass die Gendarmen solche Leute befreien, die mit den betreffenden Nummern der „PszczöUa" beweisen, dass-die Ermordung der Inden gestattet sei. .