Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 25 (24.6.1898)
- Article
- Die Juden in Mähren
- Date
- 1898-06-24
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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JPKOW: Nr. 25 Die Socialdemokraten sind bei uns nicht anders als anderswo. Die Zugehörigkeit zum Judenthum macht ihnen oft Schwierigkeiten. Sie glauben sie zu beseitigen, wenn sie sich für confeffionslos erklären. Die neueingeführten nationalen Organisationen zwingen sie jedoch, auch bezüglich ihrer nationalen Eigenschaft Farbe zu bekennen. Sie lösen die Frage wie die anderen Assimilanten. Sie betrachten sich als derjenigen Nation angevörig. deren Sprache sie sprechen. Das wird ihnen und der Socialdemokratie gefährlich werden, wenn sich die Organisationen, was zweifellos geschehen wird, in Hinsicht des Nationalen verfeinern werden. Ihre Zahl ist bei dem Mangel eines eigentlichen jüdischen, Proletariats nicht groß. Mitunter werden ihre Reihen in possierlicher Weise. von der jüdischen Bourgeoisie verstärkt, die auf einige Stunden oder Tage die rothe Nelke anlegt. Damit soll gewöhnlich ein Trumpf ausgespielt werden gegen die ungetreuen Liberalen oder gegen die bösen Antisemiten. Vielleicht auch wollen sie damit durch die Blume sagen, dass sie sich nicht mehr zu helfen wißen. Und wirklich klammern sich noch viele verzweifelt an das Wort: Wir Juden müffen Socialdemokraten werden, sonst.kann uns nicht geholfen werden. Sie wissen nicht recht, was die Socialdemokratie ist. Aber sie haben das dunkle Gefühl, dass nur etwas Großes, Ungewöhnliches den Juden helfen könne. Bon den Socialdemokraten erwarten sie, dass sie das Unmögliche möglich machen werden. Die Bourgeoisie erwartet das Heil von den größten Feinden der Bourgeoisie, von den Gegnern des Capitals und des Zwischenhandels. Die Naivetät der Juden ist so lächerlich, dass man weinen möchte. Es ist jetzt ungefähr zwei Jahre her, dass der Zionismus in Mähren arbeitet. Wir haben oben geschildert, wie das Milieu beschaffen ist, in dem die Zionisten ihre Thätigkeit zu entfalten haben. Man sieht daraus, dass die Arbeit keine leichte sein kann. Doch ist sie ungemein wichtig und wird voraussichtlich großen Lohn bringen. Die mährischen Juden sind ein wertvolles Glied in der Kette der jüdischen Volks-Angehörigen. Es gibt da sehr viel- Intelligenz, die vom fremd-nationalen Boden auf heimische Erde verpflanzt, für die moralische Förderung des Zionismus von großem Nutzen wäre. Die zionistische Agitation ist, wie anderswo, so auch in Mähren von Studenten ausgegangen und hat sich naturgemäß zunächst der Studentenschaft zugewendet. Die Studenten waren vorher die begeistertsten Vorkämpfer für die Interessen und die Güter der ftemden Nation gewesen. Umso überraschender war der Erfolg; Gerade sie haben sich am ehesten zu ihrem Volke heimgefunden. In kurzer Zeit wurde an der Brünner technischen Hochschule eine zionistische Verbindung, die „Beritas" begründet. Auch in der Provinz wurde die Studentenschaft organisiert. Hier wurde, da die mährischen Studenten ftemde Universitäten beziehen, zum erstenmale die Gründung von Fercal-Verbänden durchgeführt, eine Einrichtung, die sich seither auch anderswo bewährt hat. Durch die festgefügten Verbände haben die Studenten die Möglichkeit, während der Ferien alle Kräfte für die Agitation zu organisieren, für die ihnen bestimmte Bezirke zugewiesen sind. So sind bisher acht studentische Ferialvereine entstanden. Die Erfolge bei der Bürgerschaft waren nur mühsam und bei angestrengtester Propaganda zu erringen. Die Studenten hatten anfangs große Noth, ihre eigenen Verbände gegen den Widerstand der Aelteren zu behaupten. Die Erfolge der studentischen Veranstaltungen haben wenigstens diesen Widerstand gebrochen, und man lässt sie jetzt ungestört ihre nationale Arbeit verrichten. Bei der, wenn auch nicht sonderlich günstigen, so doch nicht verzweifelten äußeren Situation der mährischen Juden und bei der unbedingten Autorität, deren sich trotz aller Misserfolge die bisherigen Führer und Berather erfteuten, kann die Agitation im Volke nur schrittweise und mit großer Vorsicht entfaltet werden. Es ist keine leichte Arbeit noch viel Altes hinwegzuräumen, ehe man das Neue an seine Stelle setzen kann. Man hat oft und lange zu reden, ehe man einen mährischen Juden zu dem ganzen Inhalt des Zionismus bekehrt. Misst man die bisherigen Resultate der Agitation von diesem Gesichtspunkte aus, dann wird man mit den Erfolgen nicht unzuftieden sein. Bisher hat man in den vier größten Städten zionistische Bolksvereine geschaffen. Doch ist die Zahl derjenigen Zionisten in allen Orten Mährens, die vorläufig nur durch den Schekel an die allgemeine Organisation gegliedert sind, natürlich beiweitem größer als die der Berbandsmitglieder. In vielen Gemeinden, wo man bis jetzt — und mit Recht — sich mit wiederholten Auftlärungsabenden und der Feier nationaler Feste begnügt hat, wird bei fortgesetzter Arbeit der Boden für Bereinsgründungen bald reis werden. In letzter Zeit hat sich eine recht beträchtliche Zahl von zionistischen Handelsangestellten in Brünn zu einem Agitationsverband organisiert. Sie hoffen die Idee unter ihre Berufsgenoffen in der Provinz, deren Acquisition wertvoll wäre, mit Erfolg hinaustragen zu können. Auch ein zionistischer Mädchenverein, die „Jehudith" in Brünn,. hat sich bereits gegründet. Wichtig für die Ausbreitung des Zionismus in Mähren ist die Thatsache, dass mehrere Rabbiner für unsere Sache gewonnen wurden, die sich als tüchtige Kämpfer im Streite erweisen. Auch an jüdischen Lehrern fehlt es nicht, die die Erziehung der Jugend, der übrigens auch die Studentenschaft besondere Aufmerksamkeit zugewendet, in nationalem Sinne leiten. Die zionistische Bewegung in Mähren steht, wie bereits erwähnt, vorläufig noch in ihrer ersten Entwicklung. So schwierig auch die Arbeit ist, so kann doch gerade Mähren eine der festesten Stützen des Zionismus werden, wenn die Agitation, jede Ueberstürzung vermeidend, geschickt ihren Weg nimmt und dabei insbesondere -die oben geschilderten Unterschiede zwischen der städtischen und ländlichen jüdischen Bevölkerung genau berücksichtigt. Als Aufgabe der mährischen Zionisten für die nächste Zeit dürste es sich empfehlen, die bisher errungenen Positionen zu befestigen, damit sie sich im Sommer mit aller Kraft der Propaganda für den zweiten Congress und der Eroberung neuer Bezirke zuwenden können. 4" Die Iudenexcesse in Galizien. Wie». Seitdem sich die Regierung entschlossen hat, in den bedrohten Dörfern und Städten Militär einzuquartieren respective die vorhandenen Garnisonen zu verstärken, ist in Galizien bis aus wenige Orte Ruhe eingetreten. Erst musste eine Anzahl Todter am Platze bleiben, mussten Hunderte in den Kerker geworfen werden, bis „die Ordnung wieder hergestellt wurde." Die Ordnung, wie man sie in Galizien versteht. Was aber sein wird, wenn Gewehr und Bajonnett nicht mehr in Action treten können, das ist leider ziemlich klar. Die Juden wenigstens sind darüber nicht im Zweifel. Zu Hunderten treibt sie die voraussichtliche Gefahr vom flachen Lande und den kleinen Märkten in die großen Städte, wo sie wenigstens das nackte Leben geschützt glauben. Geradezu erschütternd sind die Nachrichten, welche aus Galizien gekommen sind. Man findet es begreiflich, wenn unser Gesinnungsgenoffe Dr. Kornhäuser aus Jaslo in einem ausführlichen Telegramme an einen der so stillen jüdischen Abgeordneten sich zu den Berzweiflungsworten veranlasst sah : „B i e r z i g t a u s e n d Seelen machen die jüdischen Abgeordneten verantwortlich für ihr Leben und Eigenthum. Biele sind schon jetzt Bettler geworden und haben kaum ihr nacktes Leben nach Jaslo flüchtend gerettet, wo auch größte Gefahr bevorsteht." Diese und ähnliche Aufforderungen haben bekanntlich erst dann gewirkt, als es auch gegen die Gutsbesitzer losgieng. Aus Jelesina, Dukla,- Jaslo, aus Gorlice, Zmigrod, Biecz, Swiechowa, Saybusch, Frysztak, S i a r y und S o k o l e liegen uns ausführliche Berichte vor. Ueberall dasselbe: Drohung, Zusammenrottung, Diebstahl und Raub und Misshandlungen, bei denen die jüdische Bevölkerung nicht nur ihre ganze Habe, sondern auch ihre ganzen Glieder einbüßte. Es wird erst durch die amtlichen Erhebungen festgestellt werden, wie viel Schaden angerichtet wurde. Wenn es nicht zu neuen Krawallen kommt, so dürste von der Verhängung von Ausnahmsmaßregeln auch weiterhin abgesehen werden