Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 25 (24.6.1898)
- Article
- Köln
- Date
- 1898-06-24
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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J*0*wr Seite 5 macht allenthalben große Fortschritte. Zeichnungen nnd Anfragen kommen neuerdings in großer Anzahl aus Südafrika, Canada, Nordamerika :c. Mit Rücksicht auf die weiten Entfernungen dieser Länder wird eine Verlängerung der Frist für die Subscription gewünscht. Wir werden diesem Wunsche Rechnung tragen. Wir bemerken noch, dass von jetzt ab, außer dem A. Sch aaffh ausen'scheu Bankverein unserer Centraldepotstelle, auch die Norddeutsche Kreditanstalt in Königsberg i. Pr. und das Bankhaus GebrüderAronsin Berlin, Mauerstraße 34 Depots für die Zwecke der Gründurig der jüdischen Colvnialbank entgegennehmen. Die beiden letzteren Banken nehmen schon Depots von hundert Mark und darüber an, die auf den Namen der Einzahler deponirt werden. K Die Frenrdrn und die Lords. Verehrte Redaction! Darf ich bitten, mir einige Bemerkungen über den in der „Welt" vom 10. d. M., erschienenen Artikel: „Die Fremden und die Lords" zu gestatten. Er behandelt die am '■j.Z. Mai im englischen Oberhaus eingebrachte Bill wegen der Zulassung mittelloser Fremden (aliens hili). Ich Labe diesen Artikel mir Befremden und großem Bedauern gelesen. Dass Länder wie England und die Vereinigten Staaten, welche sonst der ärmeren Classe von Einwanderern ihre Thore gastfrei öffnen, dazu kommen könnten, diese Thore aus Furcht vor zu starkem Zufluss eines Tags zu schließen, — diese Sorge hat gewiss jedem denkenden Juden sehr lange vorgeschwebt. Sie hat das hiesige Comite, welches bei der letzten großen russischen Auswanderung, die Expedition besorgte, aufs ernsteste beschäftigt; ein beschränkendes amerikanisches Gesetz ließe, obwohl milde gehandhabt, auch nicht lange auf sich warten. Ist es doch gerade diese Sorge, die Schwierigkeit, Massen ärmerer Juden auf fremdem Boden unterzubringen, welche bei vielen den Hauptanstoß zum Zionismus gegeben hat — Anzeichen, dass man auch in England das Anwachsen dieser Bevölkerung im Osten Londons nicht gern sah, haben nicht gefehlt. Man wusste, dass ihre Concurrenz den einheimischen Arbeiter drückte und seinen Groll erregte Und können wir, wenn wir gerecht sein wollen, diese Missstimmung tadelnd Sie wendet sich in überseeischen Ländern auch gegen Chinesen und Indier. Die englische Regierung hat den vorgebrachten Klagen lange ihr Ohr verschlossen, Gladstone wie Lord Salisbury haben — ich erinnere mich dessen genau, die bezüglichen Anträge bekämpft. Und wenn letzterer jetzt, leine früheren Einwande gegen Beschränkung fallen lassend, der Bill zustimmt, so muss er gute Gründe dafür haben. — Antisemitismus ist bei den englischen Ministern nicht im Spiel. Nach Herrn Leo Raphaels Schilderungen kann der, mit englischen Verhältnissen und englischem Wesen weniger Vertraute, leicht zu ganz irrigen Schlüssen kommen. Ich habe den Bericht über die Debatte (Times vom 24. Mai) heute nachgelesen und kann nichts darin finden, was zu den heftigen Aeußerungen des erwähnten Artikels berechtigt. Alles vollständig sachlich, ruhig, nichts für Juden Verletzendes. Der Antragsteller (Earl of-Hardwicke) hob hervor, dass der Groll der englischen Bevölkerung im Osten Londons, nichts mit Racenhass oder irgend welcher Form von Antisemitismus zu thun habe. Es ist der pecuniäre Verlust des englischen Arbeiters, der ihn hervorbringt. Gesteigerte Mieten, geschmälerter Gewinn, da der neue Ankömmling mit geringen Bedürfniffen, auch mt geringerem Lohn zufrieven ist. Auch Lord Salisbury hat seine Zustimmung in klarer Weise motiviert, und ich glaube, mancher guter Jude wird seine Gründe, so sehr ihn die Sache selbst schmerzen mag, einleuchtend finden. Wir müssen gerecht sein und anderen, die aus Nothwehr handeln, oder glauben so handeln zu müssen, keine niedrigen Motive unterschieben. Ohne Zweifel lässt sich gegen die Anschauungen der Verfechter der Bill, manches, auch vom wirtschaftlichen Standpunkte aus, Vorbringen. Das geschah auch in jener Sitzung. Wer Recht hat, darüber kann ich mir ein Urtheil nicht erlauben, ich wollte hier nur die Einseitigkeit und Heftigkeit des besagten Artikels tadeln. Auch was der Verfasser über das Gelächter während der Debatte sagt, ist geeignet, irre zu führen. Ich habe die drei betreffenden Stellen, bei denen gelacht wurde, bemerkt, sie enthielten nichts über die Einwanderer, sondern bezogen sich auf nebensächliche Dinge, wie das Unfruchtbare einer Enquete re. Was aber meiner Ansicht nach, abgesehen von allem andern, in dem Artikel verletzten muss, ist die Gehässigkeit des Tons. Wozu z. B. solche Stellen, wie: „das von.Gottesfurcht und Menschenliebe triefende England", wozu die Aufzählung von Lord Salisburys (angeblichen) Misserfolgen auf politischem Gebiet, allüberall in der Welt? Dinge, über welche man noch lange nicht im Klaren, und die jedenfalls mit dieser Discussion nichts zu thun haben. Ich gestehe, ich hatte nicht erwartet, das Echo solcher wohlbekannter, in der anglophoben Tages-Presse vorkommender Aeußerungen, in den Spalten der „Welt" zu vernehmen. Hamburg, 14. Juni 1898 ■£. Löbliche Red aetion! Ob mich, die Einwürfe des Herrn £. gegen den Artikel: „die Fremden und die Lords" genieren? Ganz und gar nicht: im Gegentheil. Ich habe auf seinen Vorwurf nicht ein Wort zu erwidern, den er hat vollkommen Recht. Ich war heftig in maßlosem Zorne über die Urheber der Bill. Gewiss, ich bin es noch, ich bin es inhöherem Grade, und fühle mich sehrversucht, meinen, wieich zeigen werde, nur zu berechtigten Zorn auch den Stammesgenossen fühlen zu lassen, der mit so beredten Worten die Fremdenbill zu vertheidigen versteht. Also, die englische Bevölkerung im Osten von London ist schon seit längererer Zeit über die Zunahme der jüdischen Einwanderung verstimmt? „Und können wir" — fragt der Herr Einsender — „wenn wir gerecht sein wollen, diese Missstimmung tadelnd" Wahrhaftig, ein großes Wort gelassen ausgesprochen! Wenn des Herrn Einsenders „Gerechtigkeit nicht nur England, sondern allen Ländern gegenüber zur Geltung käme, dann müssten die Juden durch einen Massenselbstmord die Judenfrage aus der Welt schaffen, denn wo haben wir durch unser Erscheinen denn keine Missstimmung erregt? Wo immer wir einen Antheil haben wollen an Gottes Licht und Luft, da haben wir Missstimmung erregt „und wenn wir gerecht sein wollen, können wir diese Missstimmung tadeln?" Der Herr Einsender findet meinen Ton den Lords gegenüber unbegreiflich, er hat die Debatte in der „Times" nachgelesen und er findet „Alles anständig, sachlich ruhig. Nichts für Juden verletzendes", der Antragsteller hätte sogar ausdrücklich hervorgehoben, dass die Klage des englischen Arbeiters über den jüdischen Concurrenten „nichts von Rassenhass oder irgend welcher Form von Antisemitismus an sich habe", es handle sich nur um „Nothwehr". Wenn der Einsender nur wüsste, wie naiv diese Objectivität ist! Es gibt verschiedene Arten, einem den Garaus zu machen; der Bauer erschlägt mit einer Keule oder Axt, der Edelmann mit einem Rapier, ein Lord mit einer Bill. (Wenn man von englischen Verhältnissen spricht, kommt einem unwillkürlich ein pun in die Feder). Dasselbe wirtschaftliche Motiv, nur mit etwas anderen Worten, haben Wagner und Stöcker in Deutschland. Schönerer und Lueger bei uns in Wien, P. Stojalowski und seine Leute in Galizien vertreten. Der Herr Einsender fühlt sich durch meinen gehässigen Ton England gegenüber für das er eine besondere Achtung zu haben scheint, verletzt. England mit seiner Stärke und Schwache ist mir nicht ganz unbekannt, eben daher aber der Zorn gegen „das von Gottesfurcht und Menschenliebe triefende England". Wenn irgend ein Land auf der weiten Erde aus Selbstachtung, aus Scham vor der Welt verpflichtet ist, den armen, verfolgten, arbeitssuchenden Juden die Thore zu öffnen, so ist das England. Allen Nationen kann man. wenn man fo objectiv ist, wie der Herr Einsender, ihre Judenpolitik verzeihen, nur nicht den Engländern. Wenn ein ackerbautreibendes, in sich geschloffenes Land, wie z. B. Russland, erklärt, dass es fremden Juden den Eintritt verwehre, so wird man in diesen Verboten den Ausdruck von tiefer Cultur erkennen, aber man wird den Vertretern dieser elementaren Politik keinen Vorwurf der Jnconsequenz machen können. Aber England! Gibt es einen Fleck Erde, wo die Engländer nicht im Namen der Cultur ihre Intelligenz und ihre Arbeitskraft einer widerwilligen Bevölkerung aufgedrängt haben? Dieselbe Rolle, welche die von dem Einsender so warm vertheidigten Engländer jetzt spielen, haben vor fünfzig Jahren die Chinesen gespielt — und gegen wen? Gegen die Engländer! England hat China im Namen der Cultur gezwungen, dem europäischen Unternehmungsgeist und der europäischen Arbeit Thür und Thor zu öffnen, gezwungen durch einen blutigen Krieg : und dasselbe England weigert sich, eine handvoll Menschen durch schwere Arbeit eine trockene Brotrinde verdienen zu lassen! Der Herr Einsender hat — ich wiederhole es — Recht, ich bin sehr heftig in der Sache und im Ton. Aber der Vorwurf ist mir einmal auch von einem antisemitischen Amtsgenoffen gemacht worden, der mir durch tausend Gründe, in vornehmster Ruhe, die Berechtigung des Anttsemitismus bewies. Meine Antwort lautete: Wenn der Wolf das Lamm an der Kehle hält und ihm erklärt, er habe tausend Gründe, es zu fressen, so wird das Lamm sich zwar vergeblich wehren, aber es wird ihm gestattet sein, den Wolf einen Wolf zu nennen. Prof. Dr. Leon Kellner. E Me Juden in Währen. Von Berthold Feiwel. (Schluss.) Zwei Gruppen haben sich aus der großen Masse der meür oder minder assimilationsfreundlichen jüdischen Bevölkerung Mährens losgelöst: Die Socialdemokraten und die Zionisten.