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Die Welt · 1898-06-24 · 25 (24.6.1898) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
25 (24.6.1898)
Article
[Ohne Titel]
Date
1898-06-24
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4 Nr. 25 Zeichen (!) finden. Das ist der Judenstempel. Ein Eigenname (!), auf den ein in Klammern stehendes Rufzeichen folgt, ist als jüdisch gebrandmarkt. Das Ausrufungszeichen in Klammern ist der gelbe Fleck unter den Typen des Setzkastens. Es hat dieselbe Wirkung wie die Hieroglyphen, die in der Hauptstadt der böhmischen Wälder an die Thüren der Juden gemalt wurden. Wehe dem unglücklichen Eigennamen, dem irgendwo in einem antisemitischen Blatte der gelbe Fleck angeheftet wird. Der Name ist von diesem Momente an vogelftei. Er verliert das Recht auf Ehre, er wird zerzaust, besudelt; wenn er einer Geschästsfirma angehört, wird er von ehrsamen christlichen Bürgerssrauen boykottiert und kann materiell zugrunde gehen — ja er ist noch viel schlimmer daran als die Prager Juden, er kann noch so sehr nach der Polizei schreien, den gelben Fleck wird ihm niemand werwischen. In Gablonz herrscht unter den Glasarbeitern großer Nothstand, die Hungernden schreien um Hilfe. Ein Wiener antisemitisches Blatt weiß ein Auskunftsmittel: „Wenn einmal die Verzweiflung auf's Höchste gestiegen sein wird, wenn dann das Volk, wie jetzt in Galizien, ^eine eigentlichen Feinde erkennen wird, dann erst wird dem permanenten Nothstande im Jsergebirge ein Ende gemacht werden können". — Also warum stellen sich die Gablonzer Arbeiter so verzweifelt? Galizien zeigt ja den Weg, wie man jedem Nothstande abhelfen kann. Wozu sind denn Juden da? Und ist es nicht bequem für die Nothleidenden aller Länder, dass in allen Ländern auch Juden sind? Das ist ja der Bortheil der Zerstreuung. Wie unbequem wäre es zum Beispiel für die Gablonzer Arbeiter, wenn sie, um ihrem Hunger durch Beraubung von Juden ein Ende zu machen, erst zu den galizischen Juden reisen müssten; nein, Gott sei dank, das Jsergebirge hat auch seine Juden, und die Glasarbeiter können, wenn einmal die Zeit gekommen ist, ihren Bedarf an nothwendigen Gütern sofort in Gablonz und Umgebung decken. Die Zerstreuung der Juden ist da, um die darbende Menschheit bei der Beseitigung des Nothstandes aller Berkehrsschwicrigkeiten zu entheben. * Die darbende Menschheit von Galizien hat, wie die antisemitische Prefle betont, in den letzten Excefien noch keinen einzigen Juden erschlagen. Das ist allerdings eine auffallende Erscheinung, die eigens hervorgehoben werden muss. Judenexceffe ohne Judenmorde — das erregt allgemeines Kopsschütteln. * In einem Wiener Blatte lesen wir die Beschwerde einer Wienerin, der die Segnungen des Tiroler Curortes Kitzbühel von den dortigen Machthabern deshalb vorenthalten wurden, weil sie eine. Jüdin ist. Die biederen Tiroler! Mit welcher innigen Fürsorge treiben sie alljährlich ihre lieben Rinder rc. auf die Alm, aus dass den braven Thieren dort eine gesunde Kost und eine gute, würzige Lust und kräftiges Gedeihen und Wohlbefinden zutheil werde. Aber wage es einmal eine Jüdin, die gleichen Ansprüche zu erheben, wie dos Hausthier! Die wackeren Tiroler! Die Ehrlichkeit und Treuherzigkeit leuchtet ihnen aus den gutmüthigen Augen, und sie sind gar so sympathische Erscheinungen, wenn sie in grünen Kniestrümpfen, das kecke Gemsbartl auf dem Hütchen über den Bergeshang schreiten und dabei jodeln. Der Ethnologe würde entrüstet auffahren, wenn man behaupten wollte, dass dieser vielbesungene Menschenschlag etwas mit dem galizischen Bauer gemeinsam habe. Und doch — * Einen Theil der Wiener antisemitischen Presse erfüllt es mit großer Genugthuung, dass sich irr Böhmen die judenreinen Ortsgruppen des deutschen Schulvereines zusehends mehren. Tie Juden dürfen also nicht mehr ihr Geld hergeben, wenn es sich darum handelt, der Jugend jene Elementarbildung, besonders im Lesen,- beizubringen, die späterhin für die verständnisvolle Lectüre eines deutschnativnal-antisemitischen Blattes unumgänglich nothwendig ist. Manchem Juden wird das vielleicht ganz angenehm sein, er wird in Anbetracht des aufwachsenden antisemitischen Leserkreises so einer judenreinen Ortsgruppe alle möglichen Geldcalamitäten an den Hals wünschen — vielleicht, dass hie und da ein Analphabet, dem die geldarme Ortsgruppe nicht die entsprechende Schulbildung verschaffen konnte, der antisemitischen Jnfection entgeht. Leider haben die Prager Judenexceffe gezeigt, dass für die Analphabeten aller Nationen einige kärgliche Hieroglyphen ausreichen, um die weitläufigste Hetzbroschüre zu ersetzen. & Me jüdische ColsniMnlr. (Mittheilungen des Bankcomites.) Alle Zuschriften und Anmeldungen sind an Herrn D. W o lf fs o hn, Köln a. Rh. zu richten. Wir könnnen die höchst erfreuliche Mittheilnng machen, dass die vom Vorsitzenden des Bankcomites mit einigen hervorragenden deutschen Financiers geführten Verhandlungen zu einem vollständig befriedigenden Ergebnis geführt haben. Sobald die für die zweite Hälfte Juli in Aussicht genommene Berathung aller dem Emissions-Eonsortium angehörenden finanziellen Persönlichkeiten stattgefundeu haben wird, soll eine Verlautbarung der festgestellten Einzelheiten erfolgen. Eine gesunde kaufmännische Basis des populären Bankunternehmens erscheint schon durch den Charakter und die Stellung der für die Sache gewonnenen Männer gewährleistet. Der Prospect der Bank, welcher seine endgiltige Form in der eben erwähnten Collectivberathung erhalten soll, wird jetzt ausgearbeitet. Die bisherigen Bekanntmachungen wendeten sich, wie man weiß, zunächst an die Parteigenossen. Die weitere Oeffentlichkeit soll erst herangezogen werden, bis der endgiltige Prospect mit sämmtlichen Unterschriften der Mitglieder des Emissionsconsortiums herausgegeben wird. Bon Auftufen in den Tagesblättern wurde bisher absichtlich Umgang genommen. Die jüdische Colonialbank ist zunächst Sache der Zionisten, und erst wenn diese sich ihre materielle Betheiligung an der Bank gesichert haben, gedenken wir an das große Publikum heranzutreten. Es ist in der That ein vitales Interesse unserer Bewegung, dass der auf den Actienbesitz gegründete Einfluss auf die Bankpolitik hauptsächlich von Gesinnungsgenossen ausgeübt werde. Vortreffliche Mittheilungen über das Fortschreiten der Subscription treffen täglich ein. Seit dem Bulletin der vorigen Woche kamen Anmeldungen von Shares aus: B r e st - L i t.. Charkow, Berlin, Lemberg, Johannesburg (Südafrika), P i a t r a (Rumänien), C a n a d a (Amerika), Belgrad, Lemberg, Wien, Moskau, Leeds, Sichron Jacob (Palästina), Basel, Czastochowa, Nowo Radomsk, B e l f a st, T r i e st, P l o n s k :c. Ans Minsk und Riga wird uns mitgetheilt, dass dort noch keine größeren Beträge gezeichnet wurden, nur einige hundert Shares. Dagegen wird aus Kisch in e w gemeldet, dass auch in vielen kleinen Dörfern nicht weniger als 30—40 Shares gezeichnet werden, selbstverständlich mit Anzahlung. L. B. Goldfarb aus Miendzyrzec, Gouvernement Siedlec, theilt mit, dass die dortigen Vertrauensmänner eine Zeichnung von mindestens 500 Shares erwarten. Kola. (Telegramm). Diese Woche war für unsere Banksache eine überaus ereignisreiche. Die Verhandlungen mit einigen bedeutenden Financiers, haben zu sehr günstigen Resultaten geführt. Weitere Unterhandlungen sind angebahnt. Im Interesse des ungehinderten Fortschrittes derselben können Einzelheiten noch nicht publicirt werden. Auch die Subscription

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