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Die Welt · 1898-06-24 · 25 (24.6.1898) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
25 (24.6.1898)
Article
Feuer in Galizien
Date
1898-06-24
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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«*. 25 Unglück betroffen? Wieder diejenigen, die genug zu tragen die Früchte der Arbeit gesichert sind. Die Sicherheit des haben. Wieder die Armen, Elenden, Mühseligen unter den Besitzes ist die große Stärkung des Bauers in seinem Juden. Man hört sagen, die Wirte, deren Schänken gewahrlich harten Kampfe mit der Ackererde. Dem Juden plündert und niedergebrannt wurden, seien Wucherer und fehlt nun in Galizien — vielleicht auch anderswo — die Ausbeuter des kümmerlichen Landvolkes. Danach könnte Hoffnung aus einen in aller Zukunft ungestörten Besitz, man glauben, es wäre eine leichte Existenz, trunksüchtigen In einer langen Ruhezeit pflegt ja auch beim Juden all- Bauern, die auf eine Bitte um Zahlung mit einer Drohung mählich und schüchtern diese Hoffnung zu erwachen. Ein oder- Misshandlung antworten, den Rausch zu creditieren. Beispiel dafür liefern die Juden in Ungarn. Feindselige Wir im Mittelpunkte der zionistischen Bewegung haben Ausschreitnngen der Mitbürger zerreißen aber die beleider täglich Gelegenheit, vom galizischen Proletariate zu gonnene Hoffnung und damit die Arbeitslust. Darin hören und es in jammervollen Gestalten zu sehen. Keine sehen wir die Bedeutung aller judenseindlichen Excesse, Arbeit ist diesen Menschen zu schwer und — mit Schmerz auch der letzten galizischen. Waren es die letzten? Diese und Mitleid sagen wir es — keine Beschäftigung Manchen haben jedenfalls auch die Arbeitslustigen auf Jahre hinaus von ihnen zu ehrlos. Tont coinprendre, c’est tout purdemoralisiert, von den tiefer in den Bettel gesunkenen donner. Leben wollen diese Aermsten, und sie wollen ihre Proletariern ganz zu schweigen. verhärmten Weiber, ihre kranken, schwachen Kinder nicht Hungers verenden lassen. Wer wagt es, einen Stein aus sie zu werfen, wenn sie im Hausier- und Wirtshandel nicht die moralischen Eleganzen einestadellosen Gentleman haben? Wenn sie sich gegen das Gesetz vergehen, nimmt es sie schon gehörig beim Kragen. Und die moralischen Eleganzen wer hat sie denn? Etwa die hochmüthigen Emporkömmlinge, die von diesen galizischen Unglückssällen als von etwas Fernem, außerhalb ihrer Sphäre Spielendem, kühl reden, und die sich zu einer großen solidarischen Hilfsaction für die leiblich und sittlich Verkommenen ihres Stammes nicht verpflichtet halten? Da ist die tiefe Wurzel aller Uebel, von denen die Juden heimgesucht sind. Von außen wird unsere Solidarität angenommen, und danach handeln unsere Feinde. Für- Fehler und Vergehen einzelner unter uns wird die Gesammtheit haftbar gemacht, aber im jüdischen Volke besteht das Gefühl der Solidarität nicht noch nicht. Und doch scheinen Vorfälle, wie beispielsweise die letzten in Galizien, heftig zur Solidarität zu mahnen, sticht einmal das Mitleid mit unverschuldetem Missgeschick braucht da zu sprechen. Das Weh, das wir nicht mit eigenen Augen sehen, die Klagen, die wir nicht unmittelbar hören, pflegen uns nicht stark aufzuregen. Aber die galizischen Juden und ihr Elend sind auch eine colossale Gefahr. Man denke, dass in Galizien ungefähr eine Million Juden in schauerlichen Zuständen leben. Es sind keineswegs Bauern von geringer Intelligenz, es fehlt ihnen die, man möchte sagen: glückliche Fühllosigkeit und Bewusstlosigkeit. Auch der Aermste und Letzte ist durch einige elementare Kenntnisse zum Verstehen aufgeweckt. Und diese Menschen fristen unter geradezu untermenschlichen Bedingungen ein Leben, das diesen Namen kaum noch verdient. Ist es zu verwundern, wenn das namenlose Elend sie auf Abwege bringt? Manche Erscheinung in diesen gequälten Massen spricht erschütternd zu uns. Man hat unter Anderem beobachtet, dass galizische Jüdinnen in den letzten Jahren auffallend zahlreich der Prostitution zufallen. Sie kommen als Ware nach allen Weltgegenden in den schrecklichsten Handel. Bedenkt man die alte Reinheit des jüdischen Familienlebens, so schnürt einem eine solche Thatsache das Herz zu. Und die so in ihrer moralischen Widerstandskraft Geschwächten sind nicht nur den grimmigsten Entbehrungen, sondern auch Verfolgungen und Misshandlungen durch den Pöbel ausgesetzt. So ist wahrlich für sieAnlass genug vorhanden, ihre „Heimat" zu verlassen. Aber wohin sie auch kommen, man stößt sie zurück. Es gibt heutzutage vielleicht in der ganzen weiten Welt keine verzweifelteren Menschen, als die armen galizischen Juden. Sie wissen buchstäblich nicht mehr wo aus,, wo ein. Und wenn sie sich verstörten Blickes an ihre glücklicheren Stammesgenossen wenden, weist man sie ab, oder, was noch schlimmer ist, gibt ihnen Almosen. So werden die drohenden Bettler und die feigen Bettler gezüchtet, Arbeit brauchten sie. Nur durch Arbeitshilfe sind sie zu retten. Aber die Arbeit ist nur dann denkbar, wenn Da gibt es jedoch getröstete jüdische Menschenfreunde, welche die Berichte über die Unruhen in den Blättern beim Morgenkaffee lesen und constatieren, das§ nur in ein paar Dutzend Ortschaften Häuser demoliert, Läden geplündert und einige Juden verletzt worden sind. Was ist da weiter daran? Es gibt auch anderswo Unglücksfälle, Menschen und Güter gehen zugrunde; nur unsere Leute - sind so wehleidig, dass sie gleich schreien, als ob die Welt zugrunde gienge. Jawohl, es gibt Juden in günstiger Lage, die so gefasst raisonnieren; freilich sind diese der Auswurf unseres Volkes, und jeder rechte Zionist kann nur mit Ekel und Verachtung von ihnen reden. An solche Bursche, die zuweilen durch gar bedenkliche Streiche zu ihrer gesicherten Lage gelangt sind, wenden sich unsere Worte nicht. Nur mit unseren ernsten und rechtschaffenen Volksgenossen erörtern wir diese furchtbar ernsten Fragen. Auf d en Zusammenhang zwischen den Excessen und dem moralischen Verkommen wollen wir Hinweisen. Diese Unruhen in Galizien haben die breiten Massen unserer dortigen Brüder vielleicht aus zehn Jahre aus dem Gleichgewicht gebracht. Für wieviele jüdische Kinder in Galizien werden die unvergesslichen Schreckensbilder im Sanok- Jasloer Kreise ein tiefster Eindruck aus der Jugendzeit bleiben ihr Leben lang. Die Sterblichkeit ist groß unter diesen Kindern der Elenden; aber wenn sie mit dem 2eben davonkommen, werden sie sich jemals von den frühen grausamen Erfahrungen innerlich freimachen können? Diese Betrachtungen haben keineswegs den Zweck, die galizischen Juden zu vertheidigen. Sie haben ja nichts angestellt, weswegen man ihnen den rothen Hahn aufs Dach setzen musste. Sie haben nur das Verbrechen begangen, zu leben, kümmerlich und sorgenvoll zu leben. Gerade darum müssen die unbegründeten, unbegreiflichen Ueberfälle in moralischer Beziehung auf unsere Massen einfach verheerend wirken. Der Mittelstand unserer galizischen Juden, die Advocaten, Aerzte, Techniker, Fabrikanten und besseren Kaufleute sind schon durch ihre Bildung befähigt, ihr Rechts- und Ehrgefühl, ungeachtet der Excesse, ja diesen zum Trotze zu bewahren. Das Rechts- und Ehrgefühl der Unteren aber wird vernichtet. Der Socialpsychologe kann an solchen Erscheinungen nicht achtlos vorübergehen. Israel! Andere Völker werden auch von Missgeschicken heimgesucht, aber es kommt ihnen immer wieder eine ungetrübte Zeit. Jedem Kriege folgt ein Frieden. Nur das verstreute Israel wird immer besiegt und kommt nach den Niederlagen nicht zur Ruhe. Die materielle Sicherheit ist aber die Grundlage der moralischen Gesundheit, und darum wünschen wir mit aller Inbrunst, erstreben wir mit aller unserer Kraft für unser Volk die materielle Sicherheit, die es nur auf seinem eigenen Boden finden kann. Und die moralische Gesundheit eines thatsächlich in der ganzen Welt verstreuten Volkselements ist von Wichtigkeit für die ganze Welt. &

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