Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 24 (17.6.1898)
- Article
- Die Goldschilds
- Date
- 1898-06-17
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
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S eite 16 kannte der Jüngling den starren Sinn des Vaters genügend,, um sich über die Folgen dieser Entdeckung klar zu sein. Ein ferneres Zusammenleben war schlechtweg unmöglich Entweder musste Raphael sich rückhaltslos der väterlichen und rabbintschen Autorität unterwerfen oder mit dem Eltcrnhansc brechen. Zur Ehre des 18jährigen Schwärmers sei es gesagt, dass er keinen Augenblick die Möglichkeit eines Comprvmiffes auf Kosten seines Gewissens in Betracht zog. Aber auch der Verlust der Heimat lastete schwer auf ihm. Was wusste er vom Leben und den Anforderungen, die cs in der Zukunft an ihn stellen würde? Hatte doch Salomon Spacierer in Krakau ihm zu wiederholten Malen jedwede Fälligkeit rundweg abgesprochen. - So saß er nun, nicht weniger hilflos als ein junger Vogel, der aus dem Neste gefallen, dem Mediciner im engen Gasthofzimmer gegeniiber und erbat sich seinen Rath. David lag im Bette auf dem Rücken und überflog mit der seiner Rasse eigenen Gedankeuschärfe die ganze Lage. Der Augenblick,-den er seit zwei Wochen herbeigesehnt, war nun da! Er fühlte sich wieder dem Vetter überlegen. Dass es freilich auf einem nichtsweniger als metaphysischen Gebiete war, störte ihn vorderhand nicht. Gemächlich zündete er sich eine der auf dem Nachtkästchen liegenden Zigaretten an und blies den Ranch durch die Nase, wie er es beim Studieren zu thun pflegte, wenn das Gehirn zu ermatten drohte. Noch war der letzte Nest Tabak nicht verglommen, da war der Entschluss bereits gereift. Er stützte sich mit einem "Arme auf uird sprach dem Freunde, einem Arzte gleich, der seinem Kranken eine Operation verschlägt und dessen moralischen Murh prüft, scharf ins Gesicht blickend: „Tu musst fort — und zwar heute Nacht — auf der Stelle — noch ehe Du Deinen Vater gesprochen!" Und da Raphael Einspruch erheben wollte, fuhr er unerbittlich fort: „Du wirst gleich meinen Rath begreifen. Tie Kluft zwischen Dir und Onkel Rüben ist unüberbrückbar. Das siehst Tn selbst ein? Was werden nun die Folgen einer Unterredung sein? Versprichst Du Dir etwa irgend ein Resultat davon? Glaubst Tu, Deinen Vater zu Deiner Ansicht bekehren zu können oder von ihm zu der feinen bekehrt zu werden? Nein! Jedes Wort, das Du zu Deiner Rechtfertigung sprechen würdest, gleicht daher einem Spatenstiche, der den Abgrund, der euch trennt, noch tiefer gestaltet. Wozu das? Du würdest morgen Abend das elterliche Hans nothgedrnngen verlassen müssen! Thue cs heute freiwillig — und manches bittere Wort wird unausgesprochen bleiben!" Wie David es vorhergesagt, fügte sich der Vetter der erbarmungslosen Logik seiner Rede. „Wohin soll ich mich wenden?". fragte er ergeben. „Nach Wien!" „Was dort thun?" „Das wird sich zeigen! Aber sei so freundlich, ein wenig aufznstehen! Du sitzest auf meinem Hemde und zerknitterst die Mancheltcn!" Schon seit einiger Zeit hatte der Student — das Kleine über dem Großen nicht vergessend — besorgte Blicke ans seine misshandelten Kleider geworfen, was aber von Raphael nicht beachtet worden war. Nun aber sprang dieser beschämt auf und suchte den angerichteten Schaden durch eifriges Glätten wieder gut zu machen. „Könntest Du mir nicht einige Empfehlungen mitgeben?" bat er dann leise. „Wozu?" erwiderte David. „Ich werde Dich selbst cinführen". „Ja — aber bis Tu nach Wien kommst; einige Wochen werden immerhin vergehen — und ich kenne keinen Menschen dort!" Der Mediciner blickte den Freund erstaunt au. Tann fragte er fast belustigt: „Meinst Du, ich werde Dich etwa allein reisen lassen?" „Wie", rief Raphael, „Du wolltest — wirklich? Jetzt auf der Stelle — bei Nacht und Nebel?" „Das versteht sich von selbst!" entgegnete der Student trocken. Ohne dem anderen Zeit zu lassen, seiner Rührung über so treue Kameradschaft Ausdruck zu verleihen, befahl er ihm nachhause zu geheu, sich mit dem Allernvthigsten zu versehen und sich in längstens einer Stunde wieder im Gasthofe einzusindcm Raphael gehorchte blindlings. In dieser Krise, die seine ganze Gefühlswelt aufgewühlt, verspürte er die völlige Unterwerfung unter einen fremden, starken Willen als eine unschätzbare Wohlthat. Gleich den meisten Menschen, die sich anhaltend und angestrengt mit abftracten Thesen beschäftigen, war der Sohn des Rabbi nur allzu gerne bereit, seine irdische Wohlfahrt anderen Händen anzuvertrauen. Das Schwerste und Schmerzlichste stand ihm noch bevor. Das konnte ihm der kluge David nicht ersparen. Es galt, von der Mutter Abschied zu nehmen. Er fand sie — gerade wie er sie vor seinem folgenschweren Besuch beim Mediciner verlaßen — noch in seinem Kämmerlein in der Ecke sitzen und vor sich hinbrüten. Das Unglück schien sie ganz niedergeschmettert zu haben. Raphael fand nicht den Muth, ihr seinen Entschluss milzutheilen. Er wusste cs ja, dass er in diesem nüchternen Hanse ihre einzige Freude sei. "Auch fürchtete er auf heftigen Widerstand zu stoßen, c i Hatte sich doch die Mutter wie eine Verzwerfelte gegen seine Reise nach Krakau gewehrt. "Als er aber etwas Wäsche in sein Felleisen legte, erhob sich Mirjiam plötzlich und war ihm schweigend dabei behilflich, ^ie holte sogar einen Imbiss ans der Küche und packte ihn sorgsam in den leichten Ranzen. Raphael wollte ihr wehren. Aber er fühlte, dass er bei dem ersten Worte in Thränen ausbrechen würde und schwieg daher. Die merkwürdige stille Frau hatte das Vorhaben dec- .Sohnes sogleich verstanden. Sie wusste, dass er es thun musste. Ja — sie harre diese bange Stunde schon lange Jahre hindurch kommen gesehen und im Voraus all ihre Bitrerkeiren durchkostet. Bis in den engen, dunklen Flur gab sie ihrem Kinde das Geleite. Aber als hätte nur die alte, qualmende Lampe in der Stube nicht Zeugin ihrer Zärtlichkeit sein sollen, sanken sich hier Mutter und Sohn laut schluchzend in die Arme. Lange lange hielten sie sich stumm umschlungen — sich die Thränen von den nassen Wangen küssend. „Mutter", flüsterte der Jüngling, „thue ich recht?" Ta nicht gleich Antwort erfolgte, frug er noch einmal: „Sag, thue ich recht?" Da sprach Mirjiam'? Muud leise, dicht an seinem Ohr — so dicht, dass er den Hauch ihres leisen Athems am Halse verspürte: „Ja — Raphael! Dein Herz begehrt nach dem Thau des Himmels! Hier aber würden sie Dir mit den Strahlen ihrer Sonne die Seele versengen. Der Gott Abrahams Jsak's und Jacob's segne Deine Wege!" Tann riss sie sich gewaltsam los. An der Straßenecke aber blieb Raphael stehen und blicttc sich noch einmal um.. Ter massige, viereckige Thurm der Synagoge hob sich nur sicherer Ruhe vom dunklen Nachthimmel ab. Gleichsam im Schutze seines weißen Gemäuers lag das unscheinbare Häuschen des Rabbiners. In der Giebelstube brannte noch Licht. Dort saß der glaubensstarke Rnbcn über die Schriften seines Sohnes zu Gericht! (Fortsetzung folgt.) Herausgeber: P. Ltastkauer. Berantro. Red.: Dr.Siegln.Werner. Buchdruckerei .Industrie" (S.Bergmann), V'llliJSchlüsselg. U.