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Die Welt · 1898-06-17 · 24 (17.6.1898) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
24 (17.6.1898)
Article
Rabbi Amnon
Date
1898-06-17
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr 24. Da erzitterte der Rabbi. Seine Lippen schienen blutlos. Und auf seiner bleichen Stirne Hoben sich die blauen Adern. Und es zuckten seine Augen, Und er sprach mit hohler Stimme: „Kurfürst, meine Antwort will ich In drei Tagen Dir verkünden." Dreimal hatte schon die Nacht sich In den hellen Tag gewandelt. Dreimal sandte schon der Kurfürst Seine Ritter nach dem Rabbi. Und es schrie der Kurfürst zürnend: „Will der Jude nicht gehorchen. Legt ihm Ketten um die Arme, Schleppt ihn her zu meinen Füßen!" Wieder klangen die Pokale, Wieder hob der Fürst den Becher, Und er sprach zu Rabbi Amnon, Der als Sclave vor ihm kniete: „Jude, sprich! Bei diesem Becher, Der die Augen Dir geblendet. Schwör' ichs, musst Du selber eine Strafe über Dich verhängen." Lange schwieg der Rabbi Amnon. Sterne standen schon am Himmel, Als errief: „Die Zunge, Kurfürst, Die Bedenkzeit sich erbeten. Meine Zunge, die gelogen. Lass mir aus dem Munde reißen!" Also wollte Rabbi Amnon Seine große Sünde büßen. Doch der Kurfürst lachte höhnend: „Deine Zunge soll Dir bleiben. Aber Deine krummen Füße, Die mir dreimal nicht gehorchten. Will ich meinem Messer opfern. Und desgleichen sollen Deine Judenhände, Deine Nase, Deine Ohren, ihm verfallen." Da erhoben sich die Ritter. Wie verrohte Henkersknechte Packten sie den alten Juden Und vollführten die Befehle. Dreimal hatte schon die Nacht sich In den hellen Tag gewandelt. Rausch Haschonoh war's. Die Juden Wallten in Jehovahs Tempel. Und den armen Rabbi Amnon Trug man vor die heil'ge Lade. Und bevor man Kodausch sagte. Rief der Rabbi zu Jehovah: „Alle Wesen, die da pilgern. Zählst Du, wie ein Hirt die Herde, Und verhängst ihr Lös, bestimmst den Lebensgang der Creaturen. Am Neujahrstag wird's geschrieben. Am Versöhnungstag besiegelt. Wer da leben, wer da sterben. Wer am Ende seiner Laufbahn, Wer durch Feuer, wer durch Wasser Werdurchs Schwert imKriege, wer durch Hungersnoth erliegen sollte. Wess' der Ruhm ist, wes die Schande. Wess' derReichthnm, wes die Armuth Aber Reue und Gebete Und die Nächstenliebe wenden Ab das drohende Verhängnis." Also dichtete der Rabbi, Und es leuchtete sein Anrlitz, Ehe ihn sein großer Schöpfer Von dem Erdenleid erlöste. Die Goidschilds. Roman aus dem Ende des 19. Jahrhunderts Friedrich Fürst Wrede. (6. Fortsetzung.) Während Raphael sofort neugierig den Deckel des Buches aufschlug, blickte David dem Schnorrer nach, der buchstäblich, wie seine Losung lautete, sein Leben auf der Reise von und nach Jerusalem zubrachte. Wie er so dahinschritt, immer den äußersten Rand der Straße, mochte diese noch so breit sein, benützend, vermittelte er den Verkehr des nüchternen Europa mit dem sonnigen, gelobten Lande. Wer aber hätte in diesem schmutzigen, verwahrlosten Manne den Märtyrer eines großen, mystischen Gedankens vermuthet? Das überbrachte Schriftwerk musste seltsame Dinge enthalten. Schon die ersten Zeilen hatten genügt, um Raphael derart gefangen zu nehmen, dass er alles um sich her vergaß. David musste ihn wiederholt zur Vorsicht und zur Heimkehr mahnen. Davon wollte der Jüngling durchaus nichts wißen. Er bedeutete vielmehr dem Freunde, ihm in den nahen Forst zu folgen. Dort wolle er ihm aus dem Buche vorlesen, denn es enthalte wahrhaft göttliche Weisheit und sei fast dem Sohar gleichzustellen. Da der Mediciner aus Erfahrung wusste, wie fruchtlos jeder Widerspruch sei, that er dem Vetter den Willen. Bald lagerten sie auf einer mit hohem, verschwiegenem Farrenkraute bewachsenen Waldlichtung, und Raphael Hub mit singender Betonung zu lesen an. Dabei musste er freilich oft genug innehalten, um" einzelne Stellen dem Studenten, der im Hebräischen keineswegs sattelfest war, zu erklären. Aber selbst wenn das Buch des Elieser in glatter, deutscher Sprache verfasst gewesen wäre, David blieb es doch ein Buch mit sieben Siegeln. Denn es fehlte ihm die erste Voraussetzung — der Glaube! Er hörte wohl die klingenden Worte — aber er vermochte mit seinem nüchternen Verstände nicht den Geist zu fassen, der sie durchwehte. So kam es, dass, während Raphael mit glühenden Wangen die tiefsten Probleme des Alls zu erforschen bestrebt war, die Gedanken des Mediciners allmählich vom heiligen Gegenstände abirrten und dem armen Schnorrer — der von Jernscholajim kam und nach Jeruscholajim zog — auf die staubige Landstraße folgten. War es nun natürliche Veranlagung oder nur die Folge seines trockenen, positiven Studiums, die Lebeusbedingungen des niedrigsten und ärmsten Geschöpfes erregten in höherem Maße David Goldschilds Jnteresie als die gelehrteste Grübelei über die Person des uncrforschlichen Schöpfers. VI. Das Buch Eliesers sollte indessen für Raphael verhängnisvoll werden. Wenige Tage nach dem Besuche des Schnorrers hatten die drei Vettern Goldschild den Abend gemeinsam im Stübel der alten Sarah zügcbracht und sich dann zu ziemlich vorgerückter Stunde auf dem Ringplatze getrennt. Aber kaum, dass sich David zur Ruhe gelegt und das Licht ausgelöscht hatte, klopfte es an seine Thi'ire, und Raphael begehrte mit aufgeregter Stimme Einlass. Der Mediciner erschrack beim Anblick seines Freundes. Sein Gesicht war blass und verstört, seine Hände zitterten. Mit den Worten: „Ich bin entdeckt!" sank er erschöpft auf den Stuhl, auf den der Student seine Kleider und Wäsche gelegt hatte. Dann erzählte er, wie zu Hause in seinem Zimmerchen alles vom Obersten zum Untersten gekehrt liege. Die Kästen seien erbrochen, die Lade des Schreibtisches gewaltsam geöffnet, Bücher und Schriften zum Theile achtlos auf die Erde gestreut, zum Theile geraubt. Selbst die Bettlade sei umgestürzt, und der Strohsack dnrchwühlt. Der erste Gedanke des Jünglings war die Vermuthung eines Einbruches gewesen, und schon hatte er laut um Hilfe rufen wollen, als er die Mutter in einer dunklen Ecke sitzen und leise vor sich hinweinen gesehen. Aus ihrem Munde war ihm Aufklärung geworden. Schon lange hatte der Rabbiner Verdacht geschöpft, dass sein Sohn Schiffbruch im Glauben gelitten. Eine peinliche Hausdurchsuchung und Prüfung der Bücher und Schriften sollte ihm Gewissheit verschaffen. Wie das Ergebnis dieser Prüfung ausfallen würde, wusste Raphael nur zu gut. Die erste Seite im Werke Eliezer's allein genügte, um das sichere Verdammungsnrtheil heraufzubeschwören. Auch

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