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Die Welt · 1898-06-17 · 24 (17.6.1898) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
24 (17.6.1898)
Article
Convention der amerikanischen Zionisten
Date
1898-06-17
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10. Nr. 24-. Die Convention hat gezeigt ein wie großes Stück Weges zurückgelegt, und welch ein ehrliches Stück Arbeit in dieser kurzen Spanne Zeit geleistet worden ist. Damals Gelächter, widerstreitende Ansichten und zweifelndes Bangen, ob das Kind lebensfähig sei — heute ein großer Ernst, Einigkeit im zionistischen Lager und ruhiges Vertrauen, dass die, Bewegung ihren stolzen Weg vollenden werde. Direct durch Delegaten waren vertreten 16 Vereine aus New- Jork undBroocklyn, Bayonne, Ionkers, Newark, P l ainfield, Elisab eth p ort und Eleve l an d. Außer den Delegaten der unserem Verbände angehörigen Vereine hatte auch das Publicum Zutritt. Auch Vertreter der Presse waren anwesend. Ein interessanter Zug war die Zulassung von weiblichen Delegaten, die sich einer von Galanterie wie Geringschätzung gleichweit entfernten Gleichachtung erfreuten. Die Eröffnung der Sitzung geschah durch den Vorsitzenden des Verbandes, Rabbiner Dr. Philipp Klein, in einer zu Herzen dringenden Ansprache. In schönem Gegensatz zu der famosen Ansicht, dass es sich mit dem Patriotismus des Amerikaners nicht vertrüge, während des Krieges mit Spanien sich zur Besprechung jüdisch-nationaler Angelegenheiten zusammenzufinden, führte er aus, dass nur dem ein liebevolles Gefühl für Gemeinde, Vaterland und Menschheit geglaubt werden könne, der seine innige Liebe in erster Linie an" seinen nächsten Verwandten bethätigt. Im weiteren Verlaufe seiner Rede wies der Vortragende daraus hin, wie jeder, wenn er nur wolle,' an dem großen Werke mithelfen könne. Er führte eine schöne talmudische Sage als Beispiel an dafür, dass, wer nicht mit seinem Gelde oder seiner Macht an der Arbeit sich betheiligen könne, doch mit Anstrengung und Schweiß einen Stein beitragen könne, zum Bau der heiligen Stadt, und so es nur mit Lust und Liebe geschehe, so würde ihm die Arbeit von der Hand gehen wie mit Engelshilfe. Der glänzende Vortrag weckte lebhaften Beifall. Nach Verlesung des Protokolls der organisierenden Versammlung des Verbandes ergriff Dr. Michael Singer das Wort zu einem Referat über die Entstehung und Entwickelung der Bewegung. Aus seinen mit gewohntem Feuer vorgetragenen Ausführungen verdient die Erläuterung des Baseler Programmes hervorgehoben zu werden. Verschiedene Einwendungen eines der anwesenden Delegaten gaben dem Redner Veranlassung, seinen Standpunkt in brillanter Weise zu vertheidigen. Nachdem er unter nicht endenwollendem Beifall seinen Platz wieder eingenommen, nahm Rabbiner Dr. Klein Gelegenheit, die Ausführungen des Vorredners dahin zu erweitern, dass eigentlich von einem Willen, sich zu assimilieren, nicht gut die Rede sein könne. Dr. Singer habe von einem i n u e r l i ch e n „Nicht können" gesprochen; dem stehe auch em äußerliches „Nicht können" gegenüber, das seit den Tagen von Basel sich in ungeahnter Weise neue Gebiete erobert habe. Er erläutert dies "an einem ihm persönlich nahegehenden Beispiel aus der französischen Hauptstadt. Des Weiteren ermahnte er, sich nicht zu stolz auf die amerikanische Freiheit und Gastlichkeit zu verlassen. Er sei in anderen Großstädten — in Berlin, Wien und Petersburg — gewohnt gewesen, am Sukkoth-Feste in feierlichem Zuge von seiner Wohnung zur Synagoge zu wallen, die Sicgespalme in der Hand tragend nach jüdischer Sitte: in dem gepriefenen, freien New- Pork habe ihn der Versuch in Lebensgefahr gebracht, und er habe davon abstehen müssen! Nach erfolgter Wiedererwählung des bisherigen Präsidenten, des Vorsitzenden der Executive und des Schatzmeisters hielt Davis T r i e t s ch einen Vortrag über die Beschlüsse und Resultate des ersten Baseler Congresses. Als diese Resultate den jetzigen Stand der Bewegung ansehend versuchte er die am häufigsten vorgebrachten Argumente gegen den Zionismus zu beleuchten. Der Zionismus als Weltanschauung und der culturelle Zionismus bildeten den Grundton des Vortrages. Im Vordergründe stand — gegenüber der umstrittenen Rassen- und Religions- Einheit — die jüdische Ethik, als der Allen gemeinsame Boden, der groß genug sei, dereinst die ganze Menschheit aufzunehmen. Auch dieser Redner will den Zionismus mindestens ebenso sehr als einen Ausfluss des Judenstolzes, wie als Folge der Judennoth aufgefasst sehen und verspricht sich viel von der Schaffung eines nationalen Arbeitsfeldes für den jüdischen Geist, der bisher — überall in Mizrajim — sich ausrieb, um Ziegel zu machen ohne Stroh. Hatte der letzte Redner mehr zur Tribüne gesprochen, so sollte das große Publicum sofort reichlich entschädigt werden. Herr Stampfer aus der Eolonie Pessach Tickw ah sprach über Palästina und die jüdischen Evlvnien. Dieser Mann mit dem orientalischen Typus und seinem ruhigen Wesen spricht nie vorbereitet — und er hat es auch nicht nöthig. Er lebt seit 28 Jahren in Palästina und ist seit 20 Jahren Colonist in Pessach Tickwah. Die Wiederverbindung des Judenvolkes mit dem Judenlande ist sein erlebtes Thema, und er führt wunderbare Beziehungen zwischen den beiden an. Vor 20 Jahren gab es keinen jüdischen Landbesitz in Palästina; Pessach Tickwah war die erste Eolonie. In diesen 20 Jahren hat Ere; Israel keine Heuschrecken mehr gesehen, von denen es vorher jedes zweite oder dritte Jahr heimgesucht war. Dem jüdischen Eolonisten gibt das Land doppelt, was es dem arabischen Bauer trägt. Seit den letzten Jahren fällt auch wieder der Spätregen, der lange Zeit ausgesetzt hatte. Die Fülle derartiger Daten, im Plauderton vorgetragen, macht den denkbar tiefsten Eindruck aus die Zuhörerschaft, und da ist keiner, der nach Stampfer's Rede noch an der Schönheit und Ausführbarkeit unseres großen Vorhabens zweifelt. Nur eine Sache gefällt nicht Allen: Er mahnt zur Geduld; denn schöner als flackernde Begeisterung ist ein ernstes, beständiges Streben. Das zweite Referat Dr.^S i n g e r's über die Tagesordnung des nächsten Baseler Eongreyes kann hier füglich ubergangeil werden, da seine Vorschläge weiter unten als Resolutionen der Convention figurieren werden. Nach ihm ergriff das Wort Rabbiner S chönbrunn aus Cleveland, der als Delegat des dortigen Vereines „Menachem Zion" im Laufe des Nachmittags eintraf. Er bewies in einerzündenden Ansprache die Nothwendigkeit des Zionismus und die Unmöglichkeit einer anderen Lösung der Judenfrage. Er bedauert die Assimilationsjuden, die nach jahrelangen Anpassungs-Versuchen sich plötzlich unerwarteten Schranken gegenüber bestnden, und denen der Zionismus ein Trost und ein Ausweg sein könnte, wenn sie nicht selbst jedes jüdische Gefühl in sich ertötet hätten. Seine feurigen Worte fanden begeisterten Beifall. Nun folgte zum Schluffe die Hauptarbeit des Tages: die Reorganisation der Vereine wurde besprochen, das Verhältnis derselben zum Verbände festgestellt, und die Resolutionen verhandelt. Es wurde beschlossen, dass die Vereine vierteljährlich pro Mitglied 2ü Cent, an die Centrale zu entrichten haben, die davon ihren Unterhalt bestreitet, für jedes Mitglied den Schekel an die Wiener Centrale entrichtet (dies gilt für das zweite Jahr) und überdies an jedes Mitglied das officielle Organ der Centrale die „Zion News" gelangen lässt, damit Jeder innerhalb des Verbandes über alles, was in der Bewegung sich ereignet, informiert sei. Diese Bestimmungen haben den Zweck, die Vereinslisten von solchen Mitgliedern zu säubern, die vielleicht auf Zureden eines Bekannten sich einmal haben aufnehmen lassen, ohne dass es ihnen um die Sache Ernst war. Wir wollen keine große Zahl von Scheinzionisten sondern wollen lieber als eine kleinere, aber festgeschlossene, zielbewußte Schar für unsere Ideale weiter kämpfen. Nur so versprechen wir uns Erfolg. Es wurde ferner beschlossen, das Wiener Central-Comstzu ersuchen, mindestens alle vier Wochen einen Bericht an die Landesvertretung ergehen zu lassen, damit auch die Centrale den Vereinen und ihren Mitgliedern gegenüber in der Lage sei, jedes neue Vorkommnis in der Bewegung sofort bekannt zu geben. Weiterhin wurde beschlossen, dafür zu sorgen, dass die in Palästina bereits bestehenden Colonien noch kräftiger gefördert werden sollten, und dass die Gründung von Industrien im Heiligen Lande und die «Schaffung von Absatzgebieten für palästinen fische Products in den Vordergrund gestellt werde. Diese Beschlüsse bilden gleichzeitig die Instruction der eventuell nach Basel zu entsendenden Delegaten. Den Vereinen wurde zur Pflicht ge macht, ihre Ueberschüsse zur Förderung der bestehenden Ackerbancolonien zu verwenden. Zur Schaffung einer Zahlstelle für die jüdische Colonialbank wurde ein Comitö ernannt, das mit geeigneten Finanzmännern Rücksprache nehmen soll. Es wurde sodann unseres dahingeschiedenen Mitstreiters Prof. Hermann Schapira in gebührender Weife gedacht und beschlossen, der Witwe des Verstorbenen das Beiteid der ameri kanischen Zionisten auszudrücken. Auf Antrag des Herrn Dr. Michael Singer wurde hiernach beschlossen, dem Wiener Actions-Comitö ein Vertrauensvotum zn übersenden angesichts der sicherlich ungerechtfertigten Angriffe, denen dasselbe in letzter Zeit ausgesetzt gewesen nun, und die in der gegnerischen Presse eine so bereitwillige Verbreitung gefunden hatten. Zum Schlüsse erfolgte die Verlesung des Einlaufs, worunter ein längeres Schreiben von Dr. Theodor Herzl, das mit leb haftem Beifall ausgenommen wurde. Vor dem Auseinandergehen wurden noch Zionslieder Hebräisch und Jargon — zum Vortrag gebracht, durch welch letztere auch das Local-Colorit des Skew-Parker „East-Side" zu seinem Rechte kam. Fassen wir Vas Resultat der Convention in wenigen Worten zusammen, so können wir sagen, dass dieselbe in jeder Weise würdig verlaufen ist, dass sie unsere Bewegung wieder ein Stück vorwärts gebracht und ihr neue Freunde gewonnen habe. Das Beste, was von irgend einer Veranstaltung gesagt werden kann, können wir ihr nachfagen: Niemand gieng unbefriedigt davon. Davis Trietsch.

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