Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 24 (17.6.1898)
- Article
- Jaslo
- Date
- 1898-06-17
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr 24 J Seite 9 SU verdanken, dass sich kein Jude ans der Straße blicken ließ, sondern dass sie verschiedenartige Schlupfwinkel und Verstecke in den Kellern rc. anssnchten, dass keine Menschenleben zu beklagen waren. Dieser aufregende, qualvolle Zustand währte bis Mitternacht. Es ist unmöglich, die Panik, die dort unter der jüdischen Bevölkerung herrscht, genau zu schildern. Zn einer Jüdin z. B., die infolge des Schreckens erkrankte, konnte der Arzt nur unter Gensdarmeriebegleitung gebracht werden. Als am 10. früh sich die Nachricht von diesen Vorfällen in Jaslo verbreitete, und die Inden die Anzeige bei der Behörde erstatteten, requirierte der Bezirkshanptmann Gendarmen und begab sich in eigener Person ans den Schauplatz der Excesse, der einen schauerlichen Anblick bietet. Verhaftungen von Excedenten sind nicht erfolgt, da, wie es scheint, der Bürgermeister in Kolaczyce sie in Schutz nahm, vorgebend, dass nichts Besonderes geschehen sei, nachdem doch kein Menschenleben zu beklagen wäre. Wie judenfreundlich der Bürgermeister gesinnt ist, beweiset die Aeußerung, die er gegenüber einigen Inden gemacht haben soll. Als einige derselben noch im Laufe der vorigen Woche mit Rücksicht auf die Aufhetzung des Volkes den Bürgermeister um rechtzeitige Hilfe und Abwehr angiengen, soll er ihnen geantwortet haben, dass niemand um sie geschickt habe, und sie die Stadt zu jeder Zeit verlassen könnten, wenn es ihnen daselbst nicht gestele. Tie Gährung dauert noch immer fort, wodurch die jüdische Bevölkerung in Kolaczyce, sowie die in Jaslo in 'Angst und Sorge ist. Ein sehr bedeutender Theil der Inden von Kolaczyce, darunter der dortige Rabbiner und viele Frauen und Kinder haben vorlänsig die Stadt verlassen und suchen einen sicheren (?) Aufenthalt auf! Im Nachtrage zu meinem Berichte theile ich noch mit, dass sich eine Horde von Excedenten von Jaslo nach Kolaczyce begab. Am Rückwege plünderten sie im Vereine mit Bauern die jüdischen Dorfgasthäuser, zertrümmerten Fensterscheiben und prügelten die Juden. Die ganze Masie concentrierte sich ans die Vorstadt von Jaslo U l a s z o w i c c, wo sie schreckliche Verheerungen anrichtete. Die Excedenten zertrümmerten dort total Fensterscheiben und Rahmen, drangen mit Gewalt in das Spezereigeschäft und den Liqueurausschank des Jacob Fra nt plünderten und zerstörten die Waren. Dies thaten sie auch im Wirtshause des L ö w y. Hernach steckten sie die Spiritnsraffinerie des Frant in Brand. Frant war mit der Familie versteckt und als er durch das Feuer aus dem Versteck getrieben wurde, konnte er nichts retten, nicht einmal die Thorarolle. Die hiesige Gendarmerie ist in Kolacznce und so droht der Stadt Jaslo eine Gefahr. Militär wurde vorläufig nicht requiriert, obwohl die Juden von Kolaczyce es Freitag und heute (Sonntag) dringend vom Bezirkshauptmann verlangten. Die Lage der Juden ist hier herzzerreißend. Sie leben in größter "Angst. Die polnischen Studenten helfen den Excedenten, und wenn sie einen Juden erblicken, bewerfen sie ihn mit Steinen. Niemand wagt es, bei einer höheren Behörde etwas zu thun. Gott möge sich unser erbarmen. M. G. Scmbcrg. Im Bezirke M ysleuice wurden die Juden mit Plünderung ntld Todtfchlag bedroht. Die behördlichen Anordnungen zur Hintanhalrnng der Ruhestörungen sind unzureichend. Sie machen keinen Eindruck auf die raub luftigen Massen, deren böse Justincte gegen die Inden entflammt wurden. Es sieht oft ganz so ans, als ob die Vorkehrungen mehr getroffen wurden, um sagen zu können, man habe etwas gcthan, als mit der ernsten Absicht, den "Aufruhr schon im Keime zu ersticken.' Deshalb pflanzen sich auch die Unruhen über ganz Galizien fort. In Radziszowice wurde ein Bethaus und mehrere andere Häuser demoliert, und der Gutspächter Seelenfreund dabei arg misshandelt. Biele Häuser sind durch Steinwürfe und die eisernen Werkzeuge der Excedenten stark beschädigt. Nicht besser war es in B r z y s k i und in S k aw i n a. Au einigen Orte» wurde Militär requiriert, da die Gendarmerie nicht ausreichte. Tie jüdische Bevölkerung hat einige Orte zum Theil verlassen. Es herrscht große Erbirterung unter den Juden, da man die Excesie vorher angekündigt hatte, und doch nichts zu ihrer Verhinderung geschehen war. iS. Die „N. Ar. Pr." meidet: Lemberg, 14. Juni. Bon Jaslo hat jetzt die antisemitische Bewegung nicht bloß nach dem Bezirk Gorlice, sondern auch nach dem Bezirke Pilzno hinübergegrisfen. Im letztgenannten Bezirke haben gestern Excesse in Brzostek, B u k o w a und K a m i e n i c a siattgefundeu. Boshafte Beschädigungen am Eigenthum von Juden ließen sich die Excedenten in Lichtarz, Zolkowa und Warzyce (Bezirk Jaslo) zuschulden kommen. In vielen Ortschaften wurden die jüdischen Wirtshäuser und Torfgewölbe geplündert. Es wurden zahlreiche Verhaftungen vorgeuommen. Ter Bezirkshanptmann von Jaslo hat sich nach Kolaczyce und U l a s z o w i c e begeben. In der letzteren Ortschaft haben die Handwerksgesellen das Wirtshaus und die Torfgewölbe überfallen. Die ganze Einrichtung wurde zerstört uud der Warenvorrath geraubt. Tie Plünderungs-Action beginnt sich bereits auch gegen die Gutsbesitzer zu kehren. Ueberall wurden die Gendarmerieposten verstärkt, und auch sonst werden umfassende Schutzmaßregeln getroffen. Tie eigentlichen Hetzer, die sich sorgsam im Dunkeln halten, konnten bisher noch nicht eruiert werden. Lemberg, 14. Juni. Wie den polnischen Blättern berichtet wird, werden in Jaslo die Verhaftnngen wegen der antisemitischen Excesse noch immer fortgesetzt. In Brzostek erfolgten ebenfalls zahlreiche Verhaftungen. Fast im ganzen Jasloer Bezirke wurden die jüdischen Wirtshäuser geplündert. Bei Dembowiec erschoss ' ein Gendarm den Bauer Czajka. Tie ganze Bewegung verräth eine geheime planmäßige Leitung. Es sollen Zettel sich im Umlaufe befinden, in welchen angeblich im Aufträge der Behörden die Misshandlung der Juden empfohlen wird-1 In S w i e r ch o w a bei Z m i g r o d musste die Gendarmerie von der Feuerwaffe Gebrauch machen. Ein Handwerksgeselle wurde zu Tode getroffen. Der Bezirkshauptmann und eine Militärabtheilung sind daselbst eingetroffen. In Sobniow bei Jaslo haben die Tumultuanten drei Torfschänken zerstört. Es wurden der Gemeindcvorstand und fünf Arbeiter verhaftet. Bisher wurden fünfzig Individuen in Haft genommen. Tie jüdische Bevölkerung ist sehr beunruhigt. Ein großer Theil derselben ergreift die Flucht. Nach Jaslo wurden zwei Jnfanteriebataillvne ans Krakau und nach G o rl i c e eine Milirärabtheilung ans Tarnow abgesender. Lemberg, 14. Juni. Dem „Kurjer Lwowski" berichtet man ans Jaslo, dass die dortigen antisemitischen Excesse durch Umtriebe uud Wühlereien des Abg. i'. Stojalowski nuO seines Anhanges hervorgerufen wurden. Ta die Juden als Gegner des von der Stojalowski-Grnppe für die bevorstehende Reichsraths-Ersatzwahl in der fünften Curie empfohlenen Candidaten Tr. Wladimir Lewicki gelten, wurden die masurischen Bauern des betreffenden Wahlbezirkes gegen die jüdische , Bevölkerung anfgehetzt. Durch Verbreitung von Furcht und ' Schrecken sollten die unfolgsamen Wähler mürbe gemacht werden. In dem Stojalowski'fchen Blättchen „Pszczolka" wurde zu verstehen gegeben, dass zehntausend Inden erschlagen werden müssten, damit es endlich bester werde. In der Hetzarbeit lhat sich am meisten ein Gymnafialprofefsor hervor, der jetzt die Juden reuig und flehentlich um Nachsicht angeht. Tie verflossene "Nacht brachte die ganze Bevölkerung von Jaslo schlaflos zu, da ein Ueberfall der Stadt seitens der schnapstrunkenen Agitatoren für die Wahl des Stvjalowski'fchen Candidaren befürchtet wurde. Fast sämmtliche Juden haben Kolaczyce verlassen. Tie Anhänger Srojalowskis kündigen für den 23. d., d. i. den Tag der Reichsraths-Ersatzwahl, noch größere Excesse an. Convention Der amerikanischen Zionisten. "Am 2'.». Mai hielt der Verband der Zionisten-Vereine der Vereinigten Staaten feine erste Convention ab und zwar in demselben Saale von „vibertp Hall", wo vor etwa einem Jahre znm ersten Male über den Zionismus gesprochen worden war.