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Die Welt · 1898-06-17 · 24 (17.6.1898) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
24 (17.6.1898)
Article
Die Juden in Mähren
Date
1898-06-17
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Seite 8 JPk^Wdc Nr 24 Thätigkeit des Antisemitismus, der im Vereine mit dem Niedergange gewisser specifisch-mährischer Jndustrieen u«d des mährischen Handels, und im Vereine mit den Beschränkungen, die der Entfaltung jüdischer Kraft im Allgemeinen auferlegt sind, die früher recht gute Situation der mährischen Juden grg bedroht. Hetzblätter — ohne Unterschied der Nation — besorgen den Verschleiß des kleinen Satzes: „Kauft nicht bei Juden!" Ueberdies macht sich auch schon der Zuzug fremder jüdischer Proletarier fühlbar. - Viel deutlicher als auf wirtschaftlichem, zeigt sich die allmälige Isolierung der Juden auf gesellschaftlichem Gebiete. Typisch ist hiefür die gewaltige Veränderung im gesellschaftlichen Leben der Landeshauptstadt Brünn. Noch vor enngen Jahren gab es eine, wenn auch nicht innige, so doch rege öffentliche Geselligkeit zwischen Juden und Christen. Von der deutsch-nationalen Studentenschaft, die den Beschluss der Wiener: „Den Juden keine Waffenehre!" mit Begeisterung auf die Brünner jüdischen Studenten übertrug, ist zunächst auf akademischem Boden eine strenge Scheidung zwischen arischer und jüdischer Gesellschaft vorgenommen und durch planmäßige Agitation an die bürgerlichen Kreise getragen worden. Die Brünner deutsche Bürgerschaft, ursprünglich liberal, ist zum Theil noch vor dem berühmt gewordenen Sprachenstreit, zum Theil während deffen, fast vollständig ins Lager der Radical- Deutsch-Nationalen übergegangen. Die sogenannten „Compromiffe" beschleunigen diesen Process. Compromiss heißt ins Mährische übersetzt: Aufgeben einer Position des Liberalismus an den Antisemitismus zugunsten der Gemeinbürgschaft. Vergeblich mühen sich noch einige Inden im Vereine mit wenigen christlichen Mitbürgern, die sich treu geblieben sind, der Sturmfluth zu trotzen. Aus dem Prachtgebäude, das die Brünner Juden dem deutschen Freisinn ausgebaut haben, aus dem herrlichen Deutschen Hause, wirft die deutsche Bürgerschaft — als wäre es wirklich nur ein Festnachtsscherz — die Juden hinaus, einmal, zweimal, dreimal, bis sie nicht mehr wiedeckommen — und Rath und Magistrat stehen dabei und lachen mit ..... Und die Brünner Inden und die mährischen Juden? Sie können es nicht faffen, dass es aus sein soll mit der alten Herrlichkeit. Sie sind im Lande die einzigen Bertheidiger des Liberalismus. Ein Verein, ein Verband, ein Bezirk nach dem andern wird antisemitisch. Sie flüchten sich in die übrigbleibenden und überschwemmen sie. Immer wieder singen sie das Lied von dem endlichen Siege der Freiheit, von der Größe des deutschen Volkes und der alten deutschen Treue — und „wenn sie damit fertig sind, so singen sie's aufs Neue!" Es ist komisch, nein recht traurig anzusehen, was für eigeuthümliche Gebilde die Nvth der Zeit geboren hat. In den Judengemeinden der Provinz bilden die „deutschen Israeliten" ihre eigenen, raffenreinen Corporationen. Sie stehen im bittersten, durch Antisemitismus oder Afemitismus geschaffenen Gegensatz zu den arisch-deutschen Verbänden. Und nun kommt das Merkwürdige: Wenn ein freudiger, jüdischer Festtag kommt, dann rüsten sich diese jüdisch-deutschen Vereine und begehen das Fest mit teutonischem Sang und Klang. Wir hatten einmal die Freude, das Purim-Fest des jüdischen Gesangvereines einer Provinzgemeinde mit den Worten eröffnen zu hören: „Reicht die Hände Euch, Germanen, in dem freien Oesterreich!" Der Herr wird es ihnen verzeihen. Sie wiffen nicht, was sie thun . . . Denn in Wirklichkeit keimt in ihnen noch immer wahrhaft jüdisches Bolksgefühl, das sich vor allem in der Solidarität und in der Feier der jüdischen Nationalfeste offenbart. Bei der Treue, mit der die mährisch-jüdische Landbevölkerung an dem Glauben hält, bei dem merkwürdigen Stolze, den sie trotz ihrer lauten Begeisterung für das Deutsche dennoch oft impulsiv für das Judenthum äußern, ist nicht daran zu zweifeln, dass sie bei geeigneter Agitation für die Bolksfache zu gewinnen find. In den größeren Städten steht die Sache schwieriger. Wie einst sieben Städte um die Geburt Homers, so streiten sieben mährische Städte um den Ruhm, Hochburg der Affimilation zu sein. Das ist keine Assimilation so unschuldiger Art, wie es die der Provinz ist. Da ist die Assimilation nicht die dünne Decke, unter der jüdische Cultur und Sitte weiterleben. Da ist sie bewusstes politisches und gesellschaftliches Programm, oft geradezu von dem Wunsche dictiert, alles Jüdische zu tödten. Nur wenige erblicken in der Affimilation cm cnlturelles Programm. Es gibt auch Freunde der Assimilation, die von edlen Jrrthümern befangen oder aus mangelndem politischen Verständnis dem Phantom der Affiuiilation nachjagen. Aber ihrer sind nur wenig. In der Regel dient das Programm der Affimilation dem Ehrgeiz und dem Streberthum einzelner Führer, denen die Judenschast blindlings folgt, weil sie die Mächtigen oder Reichen sind. Hier hat Vernunft nicht mit Vernunft, sondern mit Protzenthum, Gesinnungslumperei und der Uebermacht des Geldes zu streiten — ein schwerer Kamps! Dazu kommt noch die auch bei intelligenten Juden häufige Verwechslung und Verwirrung der Begriffe: Nationalität und Staatsangehörigkeit, Cultur und Politik. Sie glauben Deutsche zu sein, weil sie deutsche Culturmittel gebrauchten, der deutschen Nation anzugehören, weil cs ihnen mitunter opportun erscheinen mag, die Politik der Deutschen zu fördern. Das Deutschthum ist ihnen die Emancipation, die Gleichberechtigung, die Menschwerdung. Die Lust, Deutscher zu sein und damit ein Mensch zu werden, bringt sie um die Logik. Die jüdischen Führer, die eine politische Rolle spielen wollen, nutzen die Verwirrung in den Köpfen aus. Mit alleu möglichen und unmöglichen Mitteln fördern sie die falsche nationale Begeisterung. Sie schicken die Juden in die ersten Reihen der Nationalitätenschlacht. Was kümmert es sie, wenn sie mit blutigen Köpfen heimkommen. Die althergebrachte Tradition, das unbedingte Beugen vor dem Angehörigen der höheren Kaste, manchmal auch die Thätigkeit der Rabbiner, die den Zionismus maßlos befehden, lässt die Leute den Weg zum Juden-hum nicht finden. (Schluss folgt.) & Dir Iudenrnreffe in Galizien. (Original-Bericht der „Welt.") Jaslo Gelegentlich der bevorstehenden Reichsraths- Erfatzwahl im Wahlkreise Jaslo-Sanok beehrte unsere Stadt und Umgebung P. Stojalowski mit seinem Besuche, bei welchem er es selbstredend nicht unterließ,' den Wählern seine antisemitischen Theorien beizubringen, wodurch sie immer und überall zu judenfeindlichen Ausschreitungen animiert werden. Während der hier am 4-. und ö. d. M. stattgehabten Miezkiewicz-Jubiläumsseier hatte sich das Gerücht verbreitet, ja man sprach sogar ganz öffentlich davon, dass die hiesige jüdische Bevölkerung auf Raub und Mord gefasst sein möge. Ten ganzen Tag (Samstag) haben wir in Angst und Schrecken zugebracht und nur durch getroffene Vorkehrungen und Birten des israelitischen Cultusvorstandes bei der Behörde ist es gelungen, dem Uebel rechtzeitig vorzubeugen. Dank der Energie des hier stationierten Gensdarmerie- Oberlieutenants, welcher in eigener Person und mittelst requirierter Gensdarmen die Stadt bei Tag und Nacht überwachte, hat der gefürchtete Schreckenstag einen normalen, ruhigen Charakter gehabt. Diese antisemitischen Gelüste der edlen Polen pflanzten sich aber rasch in das von hier eine Meile entfernte Städtchen Kolaczyce fort, wo es leider zu Exceffen gemeinster und gefährlichster Art gekommen ist. Am 9. d. M., um 9 Uhr abends, rottete sich eine große Menge von Excedenten unter laut schallendem Hurrah mit Hacken und Keulen in den Händen, zusammen, umringten das Bethaus und die jüdischen Häuser, zertrümmerten total die Fensterscheiben und rissen die Fensterrahmen und Läden heraus. Die in Kolaczyce stationierte Gensdarmerie eilte herbei, war aber nicht imstande, die Krawalle, die von Hunderten von Leuten hervorgerufen wurden, zu unterdrücken. Ein Gensdarm machte in seiner Bedrängnis von der Waffe Gebrauch, indem er einen Schuss in die Luft abfeuerte, aber dies schreckte den Pöbel nicht ab. Das Bombardement mit Steinen wurde in noch heftigerer Weise erneuert. Es ist nur dem Umstande

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