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Die Welt · 1898-06-17 · 24 (17.6.1898) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
24 (17.6.1898)
Article
Der deutsche Rabbinertag
Date
1898-06-17
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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Rr. 24 Seite 7 weitere Discussion zuzulassen, ein Majoritätsbeschluss, der den zionistischen Rabbinern das Wort abschnitt. Trotzdem machte es einen sehr ungünstigen Eindruck und ließ die Schwäche des Protestes und seiner Gläubigen erkennen, dass man nicht einmal zu einem Anträge dem Landrabbiner Dr. Gronemann-Hannover das Wort gestattete. Dieses Vorgehen war sogar unklug, weil es in Gegenwart von Vertretern der jüdischen Presse geschah. Ein solches Verkennen der Sachlage war überall zu merken, sowohl in dem Hinweise auf die Polizei zum Schutze des jüdischen Religionsunterrichtes, wie der großen Rücksichtnahme auf am Sonnabend stattfindende Wochenmärkte, auf Theater, Concerte und Vergnügungen als Concurrenten der Freitag-Abendpredigt. Dieselbe Verkennung des Ortes und des Gegenstandes kam drastisch zum Ausdruck, wenn der Vorsitzende Dr. Maybaum in der Discussion seine Collegen mit „Meine Andächtigen" ansprach, wenn er in seiner Schlussrede fälschlich äußerte, dass die Versammlung den auf den Zionismus zielenden Beschluss einstimmig angenommen hätte, und wenn er sich endlich dahin verstieg, die feste Zuversicht auszusprechen, „dass durch diesen Beschluss die gefährliche Bewegung zum endgiltigen Stillstand gebracht sei!" Oho, Herr Doctor Maybaum, da muss ich doch fragen, ob Sie nicht das Flugblatt der Berliner Zionisten gelesen haben, das Ihnen schon am zweiten Verhandlungstage die deutliche Antwort auf Ihre Beschlüße gab. Weil wir uns eines höflichen Tones befleißigen, sind wir noch nicht tot! Ich aber tröste mich mit dem Worte, das mir ein greises Mitglied der Versammlung znraunte: „Es sind die schlechtesten Früchte nicht, an denen die Rabbiner nagen." In einem Gedichte an den vermorschenden Männersaal König Hakons gibt ein norwegischer Dichter ein Bild seines Volkes, das leider allzusehr, ja viel mehr noch auf die heutige jüdische Nation und ihre falschen Aerzte und Berather zutrifft : Er vergleicht sein Volk mit dem König Lear auf der Heide: „Er gab seinen Töchtern der Krone Pracht, Was theuer und lieb ihm geworden; Sie jagten den Greis in die Wetternacht Mit herzlosen, feigen Worten ... „Du musstest stehn wie König Lear,. Um über Räthsel zu sinnen; Zweitausend Jahre nmbrauste schier Der Sturm die zerbröckelnden Zinnen. „Nun tagt es wieder, dein Volk ist erwacht. Wir wissen nun, was dir nütze Wir flicken mit Lappen die Königstracht, Du trägst eine Narrenmütze!" . . . Nein, wir Zionisten wollen nicht auch an der Königstracht mit Lappen und Lumpen flicken, wollen nicht unser Volk in der Narrenkappe hernmlanfen lassen, sei sie in der Gestalt eines Streimels oder eines Cylinderhutes. Wer deni jüdischen Volke angesichts der grausigen Judennoth davon fabelt, dass die messianischen Hoffnungen verbieten, ein Stücklein Brot zu essen und ein bisschen Freiheit zu genießen, wer aus Furcht, dass man der Aufrichtigkeit seiner Vaterlandsliebe misstraut, das einzige Werk, das unseren unglücklichen Brüdern Lust zum Leben geben kann, mit cynischer Rücksichtslosigkeit zertrümmern will, ehe es kräftig geworden, der setzt dem jüdischen Volke eine Narrenkappe auf. Wir haben keinen Theil an ihm. Der Zionismus aber, und er allein, wird dem jüdischen Stammesthume den Ruhmestitel wieder verleihen, der ihm gebürt. Die Juden in Mähren. Von Bcrtholv Fciwcl. Noch vor kurzer Zeit hat ein phantasievoller Geschichtsschreiber den Satz gedichtet: „Für die Inden bedeutet Mähren das österreichische England." Es ist nicht schwer, den poetischen Ueberschwang zu erkennen, der in diesen Worten liegt. So gut geht es den mährischen Inden denn doch nicht, wie es uns die genügsame Beobachtung heißer Freunde der Assimilation glauben machen möchte. Aber es ist doch etwas Wahrheit in dem Vergleiche mit England oder in dem mit Ungarn, das man noch lieber heranzieht — wenn auch nur ein Körnchen Wahrheit. Früher allerdings — noch vor einigen Jahren — konnten die mährischen Juden ganz zufrieden sein. Nicht als ob es keinen Judenhass gegeben hätte. Aber er beruhte doch nur auf der Thätigkeit von Vereinigungen geringeren Umfanges oder beschränkte sich gar nur auf private Aeußerungen, auf jenen Antifemitismus, den die Juden willig hinnehmen, ohne zu murren, als etwas Selbstverständliches, wie eine Steuer etwa, die sie zahlen müssen, damit sie ihren bürgerlichen Geschäften nachgehen können. Im großen und ganzen aber hatten die Inden die Möglichkeit, sich auf allen Gebieten privater Arbeit fast ungehindert zu bethätigen, auf dem des Handels und der Industrie ganz besonders. Auch in gesellschaftlicher Hinsicht durften sich die Juden nur selten beklagen. Wenn sich auch der Privatverkehr der Juden nur in den Grenzen der Stammes- oder, wie sie in Mähren noch oft sagen, der Glaubensgenofsenschaft hielt, so war doch im öffentlich-gesellschaftlichen Leben, insbesondere wo es sich um nationale Zwecke handelte, eine Vereinigung der arischen und jüdischen Gesellschaft zustande gekommen, die mitunter sehr innig, zu innig wurde. Das war damals, als die Juden im Lande das „Zünglein an der Wage" bildeten. Das „Zünglein an der Wage" — das bedeutete, dass die Juden ein politischer Factor waren. In dem Streite des deutschen und czechischen Volkes stand die Entscheidung in vielen Bezirken bei den Juden. Warfen sie ihre Stimmen in die linke Wagschale, gieng das Zünglein auf Deutsch, dann wurden die Deutschen Sieger. Wenige Stimmen, auf die rechte Wagschale geworfen, konnten den Sieg der Czechen entscheiden. So kamen die Juden, zu der ungewöhnlichen Ehre, von beiden Seiten um ihr Wohlwollen gebeten zu werden. Sie wurden „sehr geliebte Mitbürger" — vor der Wahl. Nach der Wahl aber liebte man es doch, sich ein wenig zu verändern: „Blamiere mich nicht, mein schönes Kind . . ." Immerhin aber brachte der Streit der beiden Nationen den Juden manches kleine Geschenk zur Erhaltung der Freundschaft. Die Juden haben meistens für die Deutschen gestimmt, gekämpft, aber auch gelitten. Denn ihre Vorliebe ftir das Deutschthum brachte ihnen natürlicherweise den Hass der Czechen. Allmählich gerieth das „Zünglein an der Wage" ins Zittern. Tie Juden hatten sich in dem nationalen Kampfe zu sehr exponiert. Sie waren ihren Freunden zu weit gegangen mit der Sympathie, ihren Gegnern zu weit mit der Feindschaft. Es erstanden innerhalb der deutschen Partei die deutsch-nationalen "Antisemiten, die Czechen aber setzten den Antisemitismus direct auf ihr Programm, einen Antisemitismus, der, wie sie sagten, nicht den Juden als Juden, sondern den Juden als Deutschen galt. Bei den Wahlen gab es jetzt nur noch selten freundschaftliche Werbung, an ihre Stelle traten Drohung, Einschüchterung, Steinwürfe, Boycottierung. Es war ein Ende mit Schrecken, eigentlich erst der Anfang vom Ende. Denn allmählich beginnen die beiden Nationalitäten, die Czechen, weil sie es nicht nöthig haben, die Deutschen, weil das radical-nationale Element unter ihnen überwiegt, die Juden in politischer Hinsicht als „Zahl ohne Wert" zu betrachten, — das „Zünglein an der Wage" hat ausgeschwankt. Nun hat der Antisemitismus ganz fteies Spiel. Die Juden haben aufgehört ein politischer Factor zu sein. Der Antisemitismus in Mähren aber ist aus dem Hinterins Vorderhaus gezogen. Er ist aus der Privatmeinung Einzelner zu einer politischen Bewegung geworden, zu einem der wirksamsten Agitationsmittel der czechischen und deutschen clericalen, christlich-socialen und nationalen Parteien. Alle haben bereits ihre Mandate errungen. So verschlechtert sich die Lage der mährischen Juden zusehends. Schon merkt man auf wirtschaftlichem Gebiete die

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