Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 24 (17.6.1898)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1898-06-17
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite v J*#wr Nr. 24 Wien erhalten haben, gilt das Borhergesagte und sind die Zahlungen für Oesterreich-Ungarn an die Banksirma I. & A. Brecher, Wien, IX. L i ch t e n st e i n st r a ß e 2, einzusenden. Der deutsche Rabbrnrrtag. Von Dr. Heinrich Loewe. Wie ist doch gleich jenes eigenartige Erzeugnis Politischer und rabbinischer Weisheit, der Rabbinerprotest gegen vie zionistische Bewegung entstanden? — Als vor nunmehr einem Jahre der Congress zuerst nach der bairischen Landeshauptstadt einberufen wurde, und die Münchener Juden schon die Plünderung ihrer sonst so friedlich-patriotischen Häuser im Geiste vor sich sahen, da hielt es ihr geistliches Oberhaupt. Rabbiner Dr. Werner, für ein Gebot besonderer Klugheit, wenn außer ihm noch andere Rabbiner dem Zionismus öffentlich entgegentreten. Er wollte nicht allein bleiben, weil er es nicht durfte. So veranlassle er die Vorstandsmitglieder des deutschen Rabbinerverbandes' zu einer Erklärung, die den Zionismus als religionswidrig darstellen sollte. Ein College, deffen Geburtsstätte in polnischen Landestheilen dicht an des Reiches Grenze gestanden hatte, erblickte darin eine günstige Gelegenheit, deutschpatriotische Gesinnung zu documentieren, und so entstand der zweite Punkt des Protestes, der von so vielen Zionisten und Nichtzionisten wohl im Gegensätze zu den Absichten des Urhebers als eine freundschaftliche Denunciation in optima torma aufgefasst wurde. Die Protesterklärung wurde vom Vorstände des Rabbinerverbandes sanctioniert und hinansgesandt. An kräftigen Erwiderungen fehlte es nicht, und der Vorstand des Verbandes sah sich nach weiteren Mitschuldigen um, in Bewährung des alten Wortes: „Solamen miseris socios habuisse Dialojm“ Darum musste der Berbandstag den Protest sanctionieren auf Kosten der Redefreiheit und der Wahrheit. Und noch ein zweiter, nicht minder wichtiger Grund veranlasste diese Stellungnahme des Rabbinertages zum Zionismus. Als der Rabbinerverband gegründet wurde, musste man Altconservative und Freisinnige unter einen Hut bringen. Das geschah, indem als 16ter Paragraph der Statuten bestimmt wurde, dass alle Fragen, die schon in den „Paskim" eine Entscheidung gefunden hätten, von der Discuffion des Verbandes ausgeschlossen sein sollten. Da das so ziemlich alle ernstlichen Fragen sind, die man so „religiöse" nennt, so wurde hiermit das Unicum eines Rabbinervereines geschaffen, der religiöse Fragen aus schließt. Gerade das Nichtdiscutieren religiöser Fragen, das uns bei den Herren Rabbinern zu so schwerem Vorwurfe gereicht, ist das Grundstatut ihres eigenen Vereines, und wenn es bei uns ein Gebot politischer Klugheit und religiöser Toleranz ist, so stellt es sich bei den Rabbinern natürlich als ein naturwidriger Widerspruch dar. Die Rabbiner kommen zusammen, und — religiöse Fragen sind ausgeschlossen. Da war es hochwillkommen, dass der Zionismus die Möglichkeit interessanter Verhandlungen gab, und hätte kein Zionismus bisher existiert, so wären die deutschen Rabbiner in die Verlegenheit gekommen, ihn schaffen zu müssen, um über ihn discutieren zu können. So streift auch die Entstehungsgeschichte der erhabenen Zionistendebatte hart an das Lächerliche. Wer also in die Entstehungsgeschichte der Protesterklärung einigermaßen eiugeweiht ist, der begreift es, dass auch hier der Fluch der bösen That der ist, dass sie fortzeugend Böses gebären muss. Diese Empfindung beschlich uns ganz besonders bei dem Referate, welches der Rabbiner Dr. Horovitz aus Frankfurt am Main über den Zionismus gab. Da war nichts mehr von dem selbstbewussten Tone des Protestes, der auch Tr. Horovitz' Unterschrift trägt. Und das ist ganz natürlich. Dr. Horovitz gilt für einen viel größeren Politiker, denn Rabbiner. Als man vor dem Congresse protestieren wollte, da war die Tragweite jüdisch-nationaler Propaganda noch so wenig von Außenstehenden zu ermeffen, dass sich auch ein diplomatisch geschulter und hochbegabter Kopf täuschen konnte. Und Dr. Horovitz hat sich getäuscht, hat sich gründlich getäuscht. Der Protest sollte eine totgeborene Bewegung einsargen, und war nur einer der Böllerschüffe, die bestimmt sind, die neue lebenskräftige Bewegung mir geräuschvollem Lärme in der Oeffentlichkeit zu empfangen. Dr. Horovitz hat sich getäuscht und würde heute keinen solchen Protest mehr unterschreiben, wenn er nicht eben allzusehr in der großen Oeffentlichkeit protestiett hätte. Sein Referat war ein außerordentlich geschickt maskierter Rückzug vom Protest. Er gab sich nicht einmal die Mühe, das Unmögliche beweisen zu wollen, dass unsere Bewegung, wie sie im „Baseler Programm" zum Ausdrucke kommt, den meffianischen Zukunftshoffnungen Israels zuwiderläuft, und die vaterländische Gesinnung der Partei anzuzweifeln, fand er, zu seiner Ehre sei es gesagt, kein Wort mehr. Er musste anerkennen, dass die Juden noch heute etwas mehr sind, als was man so Glaubensgemeinschaft nennt, und scheute sich nicht, es offen auszusprechen, dass die Juden eine Nation nöch heute bilden. Der weitaus wesentlichste Theil seiner Rede gegen den Zionismus könnte recht gut in einer durchaus zivnistischen Propagandaschrift nützliche Dienste leisten. Immerhin war er bei allen seinen Verbeugungen vor der Ehrlichkeit und dem Idealismus zionisttscher Begeisterung genöthigt, am Schluffe seiner Rede zu constatieren, dass sie gegen den Zionismus gerichtet sei; denn ohne diese Versicherung war man manchmal beinahegenöthigt, das Gegentheil zu glauben. Unter dem Eindrücke seiner Rede war dann auch der Correferent, unser inttmer Gegner Dr. Vogelstein, genöthigt, alle die Verbeugungen vor der Ehrlichkeit der Zionisten mitzumachen und bedeutend gemäßigter zu sprechen, als wohl seine Absicht gewesen war. Er sieht ja sonst das Heil Israels und der Welt in der Miffion, hebräische Gebete durch deutsche Litaneien zu ersetzen, und glaubt nur bei Orgelschall und Glockenklang die Judenirage lösen zu können. Auch sind seine meffianischen Hoffnungen ganz andere als die des Dr. Horovitz oder gar des Doctor Auerbach, die sich auch in den ihrigen ganz anders geatteten durch den Zionismus verletzt fühlten. Jedoch wollen wir gern eingestehen, dass es von einer gewissen Gewandtheit zeugte, eine Erklärung zu fabricieren, welche dem Worte nach das Gleiche fiir beide Theile besagt, in Wahrheit aber von zwei ganz entgegengesetzten Weltanschauungen ausgeht. Endlich fand es Dr. Vogelstein für unumgänglich nothwendig, der heutigen Colonisativn im Heiligen Lande einen Lobeshymnus zu singen und den Verein „Esra" als den nichtzionistischen Hort dieser Colonisativn zu feiern. Es ist ja so vielen der Herren ein Bedürfnis, ihren eigenen Neigungen zuwider die als erste Lebensäußerung der zionistischen Bewegung entstandene Colonisativn nach so vielen Jahren schmachvoller Bekämpfung für sich zu beanspruchen. Es ist in diesem Sinne characteristisch, dass am Zweiten Verhandlungstage ein Antrag auf moralische Unterstützung der Colonisativn durch Förderung des Vereines „Esra" dadurch empfohlen wurde, dass vom Borstandstische erklärt wurde, dieser Antrag vervollständige erst, was am vorhergehenden Tage gegen den Zionismus gesprochen und beschloffen sei. So widersinnig diese Aeußerung war, konnte sie natürlich bei der Art der Geschäftsführung zu keiner Discuffion Veranlassung geben. Doch noch bezeichnender ist folgende kleine Episode: Als der Anttag auf Unterstützung des „Esra" zionistischerseirs formuliert und von vielen Freunden und Gegnern unserer Partei unterschrieben war, erinnerte sich der am Journalistentische sitzende Herr Dr. Gustav Karpeles. dass doch sein Freund und Gesinnungsgenoffe Dr. Bogelstein noch gestern im Kampfe gegen den Zionismus sich des unschuldigen „Esra" so warm angenommen hatte. Er hielt es daher für seine Schuldigkeit und für eine Pflicht des Anstands, auch Dr. Bogelstein zu veranlaffen, seine Unterschrift unter den Esra-Antrag zu setzen. Und siehe da: Herr Dr. Bogelstein weigerte sich ganz entschieden, seinem Freunde diesen Gefallen zu erweisen und unterschrieb nicht. Wie nennen Sie selber diese Handlungsweise, Herr Rabbiner Dr. Bogelstein?! Die Herren schienen wohl vergeffen zu haben, dass sie in einer gewissen Oeffentlichkeit verhandelten. Freilich war in der Vorkonferenz nach heißen Debatten für und wider den Zionismus beschloffen worden, nach Anhörung der Referate keine