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Die Welt · 1898-06-17 · 24 (17.6.1898) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
24 (17.6.1898)
Article
Der zweite Baseler Congreß
Date
1898-06-17
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 24 jTktyna: Bis zum 15. Juni sollten alle Schekeljuxten abgeliefert sein. Da aber an das Actionscomite von vielen Seiten das Ersuchen gestellt wurde, auch später einlangende Schekelquittungen noch zu berücksichtigen und die betreffenden Schekelzahler in die Wahllisten aufzuvehmen, so wurde der Abschluss der Wahllisten definitiv für den 1. Juli festgesetzt. Das Congressbureau, das bereits in Basel selbst seine Thätigkeit ausgenommen hat, wird infolge deffen erst vom 2. Juli ab die Wahllisten versenden. Sendungen an das Congressbureau sind folgendermaßen zu adressieren: An das Bureau des Zionistencongresses in Basel, Schweiz. & Dir Woche. Wien, 17. Juni 1898. «.Herr Präsident! Aus Anlass des ersten Sieges, der von unserem Stalle in dem Pariser Grand Prix davongetragen wurde, haben wir die Ehre, Sie davon in Kenntnis zu setzen, dass wir dem Gemeinderathe eine Summe von 200.000 Francs zur Verfügung stellen, damit sie durch die Versammlung unter die Pariser Armen vertheilt werde. Alphonse und Gustave v. Rothschild." An diesem Schreiben, das im Pariser Gemeinderathe vom Präsidenten Navarre am 6. Juni zur Verlesung gebracht wurde, wäre eigentlich nicht viel Absonderliches. Der „jüdische Wohlthätigkeitssinn" ist ja eine allbekannte, sattsam gepriesene Erscheinung, die „offene Hand" gehört gewiffermaßen zu den anatomischen Merkmalen der reichen Juden. Und doch war die Verlesung des Schreibens eine Sensation. Warum? Der Grund lag anderswo. In einem anderen Bertretungskörper, drüben im Palais Bourbon. Dort gab es bekanntlich vor kurzem auch eine „Affaire Rothschild", Referent war Drumont, und er machte eine überaus bemerkenswerte Mittheilung über die Freiherrn v. Rothschild: — „Nieder mit Rothschild!" Ja, zwischen den Rothschildreferaten in den beiden Bertretungskörpern besteht ein inniger Zusammenhang. Denn woher hat Drumont sein Referat? In den Straßen von Paris hat er sein Quellenstudium betrieben; Tausende, Hunderttausende von freiwilligen Mitarbeitern sind hilfsbereit herbeigeeilt und haben ihm in kurzen, aphoristischen Daten das Material zum Referate geliefert, und in der dichtgedrängten Masse der Mitarbeiter standen auch die „Armen von Paris", und gerade ihre vorzüglichen Beiträge hat Drumont fast wörtlich für sein Rothschildreferat benützt. Die sachliche Tüchtigkeit eines Vierfüßlers hat den Freiherrn v. Rothschild Gelegenheit gegeben, Böses mit Gutem zu vergelten. Es hat sich eine Schar von Todfeinden gegen den reichen Juden zusammengerottet, und während der tausendfache Ruf des Haffes ertönte, betheuerte der reiche Jude mit mildem Lächeln, dass er seine Feinde liebe, und dann nahm er Banknoten und streute sie unter die Menge derer, die ihn verwünschten. Jeder, der die Verwerflichkeit des Spruches „ Aug' um Aug', Zahn um Zahn" schon längst erkannt hat, wird auf den ersten Blick erkennen, dass die Handlungsweise der Freiherrn v. Rothschild alle charakteristischen Merkmale edler Großmuth au sich trägt. Es ist freilich eine eigene Art von Großmuth. Nicht die Großmuth des Starken gegen den Schwachen, sondern die des Schwachen gegen den Starken. Das wirst einen betrübsamen Schatten auf diese sonst so einwandssteie Tugend. Die Spenderlaune des Juden, welcher der Rotte seiner hasserfüllten Angreifer die gefüllte Börse reicht, erinnert an die milden Gaben, zu denen sich der einsame Wanderer im Walde manchmal unter dem Einflüsse eines bekannten Dilemmas veranlasst sieht. * In dieser „Affaire Rothschild", die uns nur als Typus gleichgearteter Fälle interessiert, liegt ein Stück Judennoth. Die geistige, moralische Judennoth, unter der der Satte leidet, trotzdem er vor seinen armen Brüdern, die zum ruhelosen Wettlauf über den ganzen Erdball verdamnit sind, den artigen Vorzug hat, dass nicht er, sondern sein vierfüßiger Renner den jüdischen Beruf des Wettlaufes ausfüllt. Es ist die Noth, die sich dann äußert, wenn der reiche Jude einmal das Bedürfnis empfindet, um die Liebe seiner christlichen Mitbürger zu werben. Erkaufen muss er alles, die Liebe, die Freundschaft- Ja, der arme, reiche Jude will nicht einmal Liebe, nur Frieden will er, und er muss wieder seine Steuer entrichten. Die alte Judensteuer lebt noch. Sie ist eine freiwillige Spende, die der mit Flüchen und Drohungen überhäufte Jude an den excedierenden Straßenpöbel entrichtet. Der reiche Jude wird beschimpft und muss seine Feinde lieben, wie es dem Schwachen zukommt, er will Gegenliebe und muss sie erkaufen. In der „guten Miene zum bösen Spiele" ist eine Judennoth, wie sie demüthigender und beschämender nicht gedacht werden kann. Jenem Aegypterkönig bangte, als ihm die Glücksgaben ins Haus regneten, vor dem Neide der Götter, und er entrichtete den versöhnenden Tribut. Der reiche Jude muss von Zeit zu Zeit den Polykrates spielen. Sein schlottriges Sicherheitsgefühl treibt ihn ans Meeresufer, wo er eine Handvoll Banknoten ins Unbestimmte wirst. Und er hat denselben Erfolg wie Polykrates. Zwar bringt dem Juden kein Fischer die Banknoten wieder, aber am nächsten Tage durchzieht wieder der tobende Pöbel die Sttaßen: „Nieder mit Rothschild!" .... Der satte Jude und der hungernde jüdische Hausierer stehen da auf einer Stufe. Der Stolz des ersteren empfängt durch die Stimmen der Straße die grimmigsten Streiche, das Ehrgefühl des Hungernden krümmt sich unter dem rohen Hohn der Wirtshausgäste, und beide, der Satte und der Hungernde, quittieren ihren Dank durch ein mildes Lächeln. Es ist klar, dass sich die Regierung von Privatpersonen nicht an Allgüte und Großmuth übertrumpfen laffen darf. Das wäre eine Blamage für die Regierung. Nachdem die Juden den antisemitischen Excedenten verziehen und ihnen die Verzeihung in Barem ausbezahlt haben, bleibt der Regierung nichts anderes übrig, als gleichfalls weichherzig zu werden und sämmtliche Berurcheilte und Angeklagte in Sachen der algerischen Judenplünderungeu und Morde zu begnadigen. Und es ist ein gar anmuthiges Schauspiel, mit welch' holder Verschämtheit die rauhe Regierung ihre weichen Regungen zu verbergen ttachtet. Mit kühler Amtsmiene schützt sie sanitätspolizeiliche Beweggründe vor und motiviert die Begnadigung mit den Zuständen in den algerischen Gefängniffen, wo Hunderte von Häftlinge-! nicht dauernd untergebracht werden könnten, ohne Seuchen hervorzurufen. Allen excesslustigen Antisemiten ist somit der Weg fürderhin klar vorgezeichnet. Die antisemitischen Rädelsführer werden einfach nur dafür zu sorgen brauchen, dass sie zu ihren Plünderungen und Morden eine möglichst große Menge von Helfershelfern heranziehen, und wenn dann die Theilnehmerzahl glücklich eine solche Höhe erreicht hat, dass jeder Jnde von zehn Excedenten bedient wird, und dass selbst die stattlichsten und bequemsten Gefängniffe zur Beherbergung der antisemittschen Häftlinge nicht ausreichen — dann werden die Regiermlgsorgane mit einem Seufzer der Erleichterung alle Kerkerpforten öffnen, und die „Armen von Algier" haben dann wieder freie Hände zur Bedienung der Juden. In Galizien ist der „christliche Mitbürger" wiederum zu den Juden in nähere Beziehung getreten, so dass es die Gendarmerie für gerochen fand, beizeiten einzuschreiten. Städtchen, deren Namen der Europäer nie gehört hat, bekonlmen plötzlich herostratische Neigungen und suchen sich durch Judenexceffe einen Namen zu machen. Auf einmal, im Juni 1896, kommt es dem galizischen, christlichen Mitbürger zum Bewusstsein. wieviel^schöne, kostbare Zeit er bisher hat verstreichen laffen, ohne gegen die Juden zu excedieren; er macht sich die bittersten Vorwürfe. Selbst Frankreich hat sich bereits einen achiunggebietenden Platz zu erkämpfen gewusst, . und im juden-

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