Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 24 (17.6.1898)
- Article
- Rabbi Samuel Mohilewer
- Date
- 1898-06-17
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr 22 Seite 3 Wenn sich auch Rabbi Samuel oft an die Reichen in Juda wandte, um sie an ihre Pflichten zu mahnen, er blieb immer ein bescheidener stiller Volksmann. Und er glaubte an einen endlichen Sieg, denn der Zionismus ist eine Volksbewegung Nichts spricht characteristischer dafür als der Umstand, dass ihn immer nach der Rückkehr von seinen Missionsreisen in Westeuropa die Leidenschaft packte. Da hielt er es in seiner Wohnung nicht aus, er musste hinaus. Und er gieng hinaus in die großen und kleinen Städte und sprach zu den Verlassenen, zu den Aermsten der Armen. Er redete ihnen von unserer Vergangenheit, von unserem Ruhme und von unseren Hoffnungen. Und das Volk saß zu seinen Füßen und lauschte den prophetischen Verheißungen, wie zu einem Vater sah es zu ihm empor. Die rastlose Arbeit erschöpfte ihn. In den letzten Jahren wurde er schwach und siechte dahin. Der Körper konnte mit dem Geiste nicht Schritt halten. Und Rabbi Samuel blieb in seiner Stube, müde und matt. Rur wenn er von den Fortschritten und Errungenschaften der neuen Bewegung hörte, huschte eine leise Röthe über sein welkes Antlitz, und seine Augen blickten so mild und freundlich und so fragend wie zuvor. Der Zionismus vergoldete seinen Lebensabend. Nun ist er in das Reich der Glückseligkeit eingezogen, und sein Geist schwebt segnend über uns. Erstarb ruhig nnd heiter, wie ein Mann, der sein Tagwerk gethan. Es war ein Lebensabend, erfüllt von der Hoffnung auf einen strahlenden Sonnenaufgang. I. S ch a l i t. Das Wiener Actionscomite hat den Angehörigen Mohilewers ein Condolenzschreiben übersendet, in welchem dieselben der innigen Theilnahme aller Zionisten an dem schweren Leide, das sie betroffen, versichert werden. Gleichzeitig wurde der Familie Mohilewers der Beschluss des Actionscomitös bekanntgegeben, dem Congresse die Genehmigung einer Stiftung vorzuschlagen, welche den Namen Mohilewers tragen solle. An das Wiener Actionscomitö gelangten aus allen größeren Städten Telegramme und Briefe, welche über den tiefen Eindruck berichten, den die Todesnachricht Mohilewers bei allen Zionisten machte. Eine große Anzahl von Trauerkundgebungen wird in den nächsten Tagen abgehalten werden. Ät Der pveike Ssselrr Congress. Ueber die Versammlung der Protestrabbiner kommen allmählich intereffante Einzelheiten zutage. Dr. May bäum und Genoffen wollten nach außen den Anschein erwecken, als ob alle die versammelten Rabbiner mit der Protesterklärung, die dem vorjährigen Congresse vorangieng, einverstanden wären. Man hatte deshalb die Discuffion und Beschlussfassung über diesen Punkt der Tagesordnung in einer geheimen Vorbesprechung erledigt. Das war klug. Bei der öffentlichen Verhandlung hätte es die Herren doch genieren müssen, wenn ihnen, wie in der Vorbesprechung, von einem Rabbiner gesagt worden wäre: „Ich bin Zionist und weiß, dass-hier noch mehr als sechzig andere sitzen, die nur nicht den Muth haben, es zu bekennen." Jetzt ist es erklärlich, warum die Debatte bei den Verhandlungen vom Vorsitzenden so nnvermuthet und rasch trotz des erhobenen Widerspruches geschloffen wurde. Wir sind damit, wie gesagt, zufrieden. Wir haben dem vorjährigen Proteste schon manches verdankt. Wir sind überzeugt, dass auch die diesjährige Erklärung viele Juden und vielleicht auch nicht wenige Rabbiner zu unseren erklärten Freunden machen wird. Es ist etwas Schönes um die Consequenz.^ Es ist auch etwas Schönes um den unbeugsamen Mannesmuth. Consequent glaubte der große Vernichter des Zionismus vom Vorjahre her, Dr. Maybaum, sein zu sollen. Wo blieb aber der Muth der Ueberzeugung bei den anderen? Hoch zu schätzen ist nur der Wert der Ueberzeugung des Vorsitzenden. Was hoben aber die anderen davon? Und den guten deutschen Rabbinern — wir sehen von den Profeffionals des Deutschthums unter ihnen ab — mag vielleicht der Ausspruch des deutschen Dichters entschwunden sein, der so gut aus manchen von chnen passt: „Denn der Mensch, der zur schwankenden Zeit auch schwankend gesinnt ist, Der vermehret das Uebel und breitet es weiter und weiter; Aber wer fest auf dem Sinne beharrt, der bildet die Welt sich." Oder gilt das nur für Wirtssöhne und nicht für Rabbiner? Wir wollen uns die Welt bilden, unser Schicksal in der Welt. Dazu brauchen wir auch Hemmniffe und Gegner, unsere Kraft an ihnen zu meffen. Dass die ersteren größer sind als die letzteren, daran sind nicht wir schuld, und nehmen mit Befriedigung diese Thatsache auf. Sie eifert uns umsomehr zu positiver Arbeit an und bewahrt uns vor kleinlichem, zeitraubendem Streit. Die Berliner Gruppen zionistischer Gesinnungsgenossen haben folgende Anträge an das Actioascomitö geleitet: a) Die vereinigten Berliner Ortsgruppen beantragen, der Congress möge beschließen, nach Anhörung der Referate über jeden Antrag auf Aenderung des Baseler Programmes zur Tagesordnung überzugehen. b) Indem sich der Congress die Colonisation im großen Style vorbehält, überlässt er die Fortsetzung der gegenwärtigen Colonisationsthätigkeit den Colonisationsvereinen und fordert alle Zionisten auf, sich denselben anzuschließen. c) Der Congress beschließt die Entsendung einer Commiffion von Fachleuten nach Palästina zur Erforschung der wirtschaftlichen Hilfskräfte des Landes und fordert das Actionscomitö auf, die hiezu nöthigen Schritte baldmöglickist zu veranlassen. 6) Der Congress ersucht das Actionscomit«'; wiffenschaftliche Untersuchungen zur Klarstellung der rechtlichen Lage der Inden in der Türkei, besonders in Palästina, zu veran- 6) Das Actionscomitö setzt sich mit den Vertretern der einzelnen Länder in Verbindung, um festzusetzen, welcher Procentsatz der Schekelgelder für locale Zwecke verwendet werden darf*) Dem zweiten Congreffe werdeir unter anderem auch Baupläne vorliegen. Unser Gesinnungsgenosse, Architekt Oscar Marmor e k, wird die Pläne zu einem Coimreisbaus in Basel vorlegen. Es soll für die Delegierten des jüdischen Volkes die' würdigen Räume bieten, die eine solche Versammlung als äußeren Rahmen beanspruchen darf. Das soll zugleich ein bleibendes Denkmal sein an die Zeiten, da unser Volk selbst an seiner Befteinng und Errettung zu arbeiten begonnen hat. Und wenn einstens im Lande unserer Väter ein stolzes Heim die Vertreter unseres Volkes aufnehmen wird, so soll immer att jenes Haus liebend gedacht werden, wo der Anfang unseres neuen Lebens begann, und die ersten mühseligen Arbeiten verrichtet wurden. „Und der Stein des Anstoßes, den es für manchen Gegner bilden wird, er wird zum Eckstein werden." Die Cultusgemeinde in Bafel hat das Actionscomitö verständigt, dass sie beschloffen habe, Spenden für zionistische Zwecke, welche vor der Thora gemacht werden, entgegenzunehmen und an die competente Stelle abzusühren. Die Congressmitglieder, denen noch aus dem Vorjahre das liebenswürdige Entgegenkommen der Baseler Juden und ihres Rabbiners Dr. Cohn in bester Erinnerung ist, werden von diesem neuerlichen Act der Courtoisie gewiss angenehm berührt sein. *) Anmerkung: Alle diese Punkte wurden bereits in den Vorconferenzen eingehend besprochen und sogar schon zum Theil formuliert.