Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 24 (17.6.1898)
- Article
- Culturelemente in Kleinasien
- Date
- 1898-06-17
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 dk. 24 dreihundert überstieg und vor dreißig Jahren neuntausend betrug, repräsentieren das Culturelement in Palästina und in ganz Kleinasien, man kann sie, da es sich um den Empfang des mächtigen deutschen Monarchen handelt, nicht blos nicht umgehen, sondern man muss sie, um die Inferiorität der Andern nicht allzu grell merken zu lassen, sogar in den Vordergrund stellen. Selbst die Petersburger „Nowoje Wremia" kann nicht umhin, einzuräumen, dass die Bewohner Kleinasiens „noch nicht dazu herangereift sind, die Cultur in ihrer vollkommensten Ausgestaltung in sich aufzunehmen"; sie macht mit diesen Worten das Eingeständnis, dass es -der Zuleitung eines Stromes europäischer Culturelemente bedarf, um Kleinasien für den Bereich der modernen Civilisation zu gewinnen. So ist's in der That, und wenn der mächtige deutsche Kaiser, von dem der Ausspruch stammt, dass unsere Zeit „im Zeichen des Verkehrs" steht, nach Jerusalem kommt, wenn der Sultan ihn als seinen Freund mit prunkhafter Gastlichkeit begrüßt, so ergibt sich, dass beide, der Kaiser wie der Sultan, den Wunsch hegen, diese Palästinafahrt zu einem Markstein der Civilisierung des heiligen Landes zu gestalten. Dies ist unsere Conclusion, und wir gelangen zu ihr um so lieber, als wir in der Bestellung des jüdischen Empfangscommiffärs ein Zeichen hoher confessioneller Unbefangenheit, sowohl bei dem Kaiser wie bei dem Padischah erblicken. Wenn wir immer wieder behauptet haben, dass die gesicherte Ansiedlung europäischer Juden in ihrer alten Zionsheimat mit der Verpflanzung des so nothwendigen Culturelements nach Kleinasien gleichbedeutend sei, so ist es uns jetzt nicht mehr zweifelhaft, dass auch Wilhelm II. und Abdul Hamud diesem großen Gedanken nicht unzugänglich sind. Wir sehen dabei von allem politischen Nebenwerke ab, das im Vergleich mit einer Civilisationsfrage ersten Ranges doch nur von verschwindender Bedeutung ist. Mag in Paris um das ohnehin schon so fadenscheinige Protectorat Frankreichs über die orientalischen Christen gebangt, mag an der Newa das Gespenst eines künftigen jerusalemitischen Judenstaates zwischen russischer und englischer Expansionssphäre besorgt werden — Kaiser Wilhelm II. geht nicht als erobernder Staatengründer, aber er geht als Apostel der Civilisation nach Palästina. Es ist doch wohl die blanke Thorheit, wenn französische Blätter behaupten, die Franziskaner seien im Dienste Wilhelms II., um das deutsch-protestantische Element in Jerusalem zu ausschlaggebendem Einflüsse zu verhelfen: in ganz Palästina befinden sich etwa 700 Protestanten, davon 400 neben 73000 Andersgläubigen in Jerusalem. In den großen Conceptionen Wilhelms II. spielt gewiss die Besserung der Lage der Protestanten die Rolle, die ihr zukommt, und niemand wird zweifeln, dass er sich . als Schirmer des Protestantismus fühle. Aber die religiöse Confession bildet nicht die Schranke seiner weitreichenden Gedanken; er yat auch den katholischen Missionen in China seinen Schutz zugesichert. Die Armee, die sein rastloser Geist am liebsten kommandiert, ist die Armee der Culturträger. Und um Palästina wieder in eine Stätte der Cultur zu wandeln, haben wir Hunderttausende bereit, die sich nach der alten Heimat zurücksehnen, die danach lechzen, sie wieder fruchtbar zu machen unter dem schützenden Wohlwollen Europas. Diese Hunderttausende stehen des Winkes gewärtig, sie halten sich dem civilisatorischen Gedanken Wilhelms II. und dem Rufe Abdul Hamids zur Verfügung. Und sie sind am geeignetsten, die Wiedergeburt Palästinas zu bewirken, denn sie lenkt nicht bloß die Noth, sondern auch das Herz; sie suchen, um das Wort Iphigeniens zu variieren, mit der Seele das Land ihrer Väter. ❖ Rabbi Samuel Mohrlewer. 1824—1888. Das jüdische Volk hat einen schweren Verlust erlitten. Rabbi Samuel Mohilewer ist von uns geschieden. Nach Prof. Schapira, Rabbi Samuel. Der Tod hält reiche Ernte unter unseren Großen. Im Jahre 1824 in Haluboka, einem kleinen Städtchen Lithauens geboren, erhielt Mohilewer schon als 18jähriger Jüngling die Ordination zum Rabbiner. Er wirkte als Priester in Haluboka, Szaki, Suwalk, Radom. Im Jahre 1883 folgte er einem Ruse nach Biachstok, einer der ältesten und angesehensten jüdischen Gemeinden Russlands. Für seine verdienstvolle Thätigkeit in Suwalk, ward er von der Regierung mit einer Medaille decoriert. Seine Arbeit für Zion begann er im Jahre 1875, als man anlässlich des 00. Geburtstages Montefiores daran gieng, für die Colonisation Palästinas zu arbeiten. Nach den Verfolgungen des Jahres 1881 begleitete er die jüdischen Flüchtlinge bis nach Lemberg, wo er mit bedeutenden Persönlichkeiten Westeuropas bekannt wurde und dieselben für die Colonisation Palästinas zu gewinnen suchte. 1882 gründete erden ersten zionistischen Verein in Warschau. In den folgenden Jahren bereiste er alle größeren Städte Russlands und warb viele Freunde für die. Colonisation. Zweimal führte ihn der Zionismus nach dem Westen Europas. Das Resultat seiner ersten Fahrt im Jahre 1882 war die Gründung der Colonie Ekron. Auf seiner Pilgerreise im Jahre 1800 half er die Colonie Rechoboth gründen. 1804 feierten die Colonisten seinen 70. Geburtstag und legten aus diesem Anlasse. in der Colonie Chadara den nach ihm benannten Ethrogimgarten „Gan-Schmuel" an. Auf der ersten Zionistenconserenz im Jahre 18Sö in Kattowitz, war Mohilewer eine der leitenden Persönlichkeiten. Rabbi Mohilewer betreute nicht r ur seine Gemeinde, er mar auch das geistige Oberhaupt d er russischen Judenheit. Und das jüdische Volk liebte ihn, es verehrte ihn und beteteihn an, und in den Tagen der schwersten Prüfung hatte er einen Trost für alle: Zion. Die jüdischtalmudische Wissenschaft war seine Lieblingsbeschäftigung. Allein das Judenthum war ihm mehr als ein abstrakter Begriff. Er lehrte in dem Volke und lebte mit dem Volke. Er richtete es auf und stärkte es mit seinen Hoffnungen. Als er im Jahre 1800 nach Palästina pilgerte, küsste das ganze Volk mit ihm den heiligen Boden. Rabbi Mohilewers Wirken darf nicht nach der Schablone gemessen werden. Er stand einer orthodoxen Gemeinde vor, aber er war fern von jeder Intoleranz. Im Streben für Zion verband er sich mit den Freigeistigsten. Sein Leben ist ein Hohn auf die Erklärung der deutschen Protestrabbiner, die den Zionismus als mit den Lehren des Judenthums unvereinbar auszulegen wagen. Er vertheidigte den Zionismus nach außen und nach innen. Im Jahre 1889 entbrannte eine heiße Fehde unter den Rabbinern Palästinas und Russlands, ob das Brachjahr, das man damals zählte, nach biblischer Vorschrift zu halten sei. Der orthodoxe Rabbi Mohilewer erwies sich da als moderner Mann, dem die Heimkehr ins versprochene Land nicht allein zur Erfüllung der religiösen Gebote galt. Mit aller Entschiedenheit sprach er sich gegen die Brachhaltung dieses Jahres aus und bewahrte so die Colonisten vor einer unheilbringenden Schädigung. Der Zionismus war ihm der Sarnmelrus für die Juden. Wenn der Feind vor den Mauern tobt, und Werk um Werk verloren geht, muss alles zusammen kämpfen oder zusammen sterben. Mit Rührung hörten wir Mohilewers Brief in Basel. Er ermahnte zur Einigkeit, beschwor uns, sie zu Hallen, mit Hintansetzung aller religiösen Differenzen.