Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 24 (17.6.1898)
- Date
- 1898-06-17
- Page
- None (sequence 1)
- Language
- German
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Pfc M W^lt E-L Krdartion 1 Erscheint jeden Freitag. k 3-H Preise der Anzeigen: und Administration: Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türken¬ Die viermal gespaltene Petit¬ Wien zeile 10 kr. IX.. Türkenstraße 9. straße 9, zu richten. Telephon Nr. 6805. U-1 Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und 2 Manuscripte nicht zurückgesendet. | Einzelne Nummern 18 kr. 3-M lilßlltfUftllfPtiP 4 Oester-reich-Ungarn; halbjährig 3 fl. — 6 Kr., ganzjährig 6fl. — 12Kr.: Für das Ausland: Deutschland 4 ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk.85 Pf., England ganzjährig 14 Shg., halbjährig 7 Shg., Russland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50 Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Egypten ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Ets., Amerika ganzjährig 3 Doll. 40. Nr. 24. Wien» 17. Juni 1898. 2. Jahrgang. UM- Da Ende dieses Monats eine größere Anzahl von Abonnements abläuft, so werden die Betreffenden erinnert die Erneuerung rechtzeitig vorzunehmen, damit in der Zustellung des Blattes steine Unterbrechung eintrete. Die Administration. Culturrlrrnente in Kleinssten. Von O. Erter. Zu einem Ereignisse größten Styles erhebt sich die Palästinasahrt des deutschen Kaisers schon jetzt, obgleich sie erst in vier Monaten erfolgen wird. Wir haben es vorausgesagt, und nun braucht man nur in französische und russische Blätter einen Blick zu werfen, um in anderer Beleuchtung natürlich — die politischen Gedanken wiederzufinden, welchen wir schon bei der ersten Ankündigung der Fahrt Wilhelms II. Ausdruck gaben. Wir würden es demnach nicht nöthig haben, von den französischen und russischen Auslassungen Notiz zu nehmen, wenn sie nicht mit ihren Eonclusionen einen Punkt streiften, den wir schlechthin als das Punctum saliens des Themas ansehen. In Paris wie in Petersburg nämlich fragt mau übereinstimmend : Was sucht Wilhelm II. iu Palästina? Will er das Schutzrecht über die Christen des Orients, das seit uralten Zeiten von Frankreich geübt wurde, für Deutschland in Anspruch nehmen? Will er in Kleinasien ein Fundament für den deutschen Einfluss gründen, von dem aus er nicht blos die alte syrische Einflusssphäre Frankreichs illusorisch machen, sondern auch einen deutschen Keil in das gesammte asiatische Rioalitätsgebiet der Russen und Engländer Hineintreiben könnte? Gegen eine solche Eventualität bäumt man sich in Frankreich selbstverständlich auf, aber man verheimlicht dabei ein Gefühl der Ohnmacht nicht, weil man nicht bestimmt weiß, wie an der Newa über den Casus gedacht wird. An der Newa hinwiederum verhält man sich noch tastend und abwartend, denn daran, dass den Franzosen das Protectorat über die Christen des Orients erhalten bleibe, hat man kein Interesse; es besteht für Russland nur die Frage, ob man in Deutschland einen gefährlichen Theilnehmer bei den letzten Entscheidungen über das künftige Schicksal des osmanischen Reiches zu erblicken habe. Löst man also den Kern der Sorgen, welche die bevorstehende Palästinasahrt Wilhelms II. in Paris und in Petersburg verursacht, von allem Nebensächlichen los, so erhält man folgendes Bild: Deutschland ist heute die einflussreichste Macht in Constantinopel, weil es die der Türkei befreundetste Macht ist; seine Concessionäre und Ingenieure bauen mit deutschem Gelde und mit deutschen Arbeitskräften die anatolischen Bahnen, deren voraussichtlicher Endpunkt am Strande des persischen Golfes wird zu liegen kommen. Diese materielle Machtstellung auf dem Wege zwischen dem Mittelmeere und Indien soll jetzt durch die Palästinasahrt Wilhelms II. eine Art moralischer Sanctionierung erhalten, und so taucht plötzlich der Riesenschatten eines künftigen deutschen Arbitriums gerade dort aus, wo Frankreich es am wenigsten vertragen und wo es den Russen vielleicht einmal sehr unbequem werden kann. Um dieses Bild in die richtige Beleuchtung zu rücken, gibt es ein sehr beredtes historisches Präcedens. Im Juni 1850 unternahm der Großfürst Constantin von Russland, der Sohn des Czars Nicolaus I. und Bruder des Czars Alexander II., eine Fahrt nach Jerusalem; es war ein Triumphzug. Die türkischen Beamten, die Consuln, die Welt- und Ördensgeistlichkeit aller schismatischen Seelen gaben dem Großfürsten das Geleite. Seitdem hat Russland, das bis dahin kein einziges Gebäude in Jerusalem besessen hatte, daselbst mehrere große Kirchen, ein bischöfliches Palais, ein Generalconsulat und etliche ansehnliche Hospize. „Ein kleiner Kreml beherrscht die Stadt Davids", konnte ein russischer Panegyriker schon im Jahre 1880 sagen. Welche Folgen wird nun die Palästinasahrt Wilhelms II. haben? Zum Empfange des Kaisers trifft der befreundete Sultan großartige Vorbereitungen, eine Commission ist bereits thätig, an deren Spitze — ein Jude steht, Bechai Aschkenasi Effendi, Subpräsect von Constantinopel und Mitglied des dortigen jüdischen Gemeindevorstandes. Das letztere Moment erscheint uns besonders characteristisch. Nicht deshalb, weil es durchaus den Bevölkerungsverhältnissen Jerusalems entspricht — es leben 55.000 Juden in Jerusalem neben 7600 Türken, 2470 Katholiken und 5000 Schismatikern, Griechen, Armeniern, Kopten, Äthiopiern und Syriern — sondern deshalb, weil die Bestellung des Juden Aschkenasi Effendi zum Empfangs - commissär das Verhältnis des Culturstandes der palästinensischen Bevölkerung deutlich illustriert. Die Juden in Jerusalem, deren Zahl im vorigen Jahrhundert nicht