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Die Welt · 1898-06-10 · 23 (10.6.1898) · p. 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
23 (10.6.1898)
Article
Die Goldschilds
Date
1898-06-10
Page
16 (sequence 2)
Language
German
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als der kindlichen Ehrfurcht von ehedem vor der frommen Babe. - Alles andere hätte der Student eher in Chiesch gefunden, als das was er gerade gesucht — die Heimat. Schon längst hätte er sein Bündel wieder geschnürt und wäre ans Nimmerwiederkehr seines Weges weiter gezogen, hätte ihn nicht ein warmes Interesse für seinen blonden Vetter Raphael an die Scholle gefesselt. Niemand konnte über diesen Einfluss mehr erstaunt sein, als David selbst. Nicht etwa deshalb, weil ihre Charaktere und Anschauungen so grundverschieden geartet schienen! Denn wenn sich in der Liebe äußerste Extreme wie Mann und Weib am besten ergänzen, weshalb sollte die edlere Freundschaft nur Gleichgeartetes verbinden? Das Beftemdende aber war, dass der geistig reifere und sttenger geschulte David mehr Anregung von Raphael empfieng, als dieser von ihm. Halb verwundert, halb beschämt war sich der Student bald der gebietenden Rolle des Jüngeren bewusst. Ein toller Ehrgeiz erfasste ihn, den Vetter geistig zu beherrschen. Zu diesem Zwecke warf er sich mit Feuereifer auf das Studium der theologischen und philosophischen Themata, die den blauäugigen Schwärmer gerade beschäftigten. Und deren gab es gar viele! Aber auf den blauen, metaphysischen Bahnen vermochte der kluge Mediciner nicht mit dem Sohne des Rabbiners Schritt zu halten. Die täglichen Disputationen mussten unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit und an entlegenen, unbelanschten Orten geführt werden. Denn wie Raphael dem Vetter bei ibrer ersten Begegnung bereits angedeutet hatte, gähnte zwischen seinem und des Rabbiners Glauben eine tiefe, unüberbrückbare Kluft. Rüben gehörte der strengsten, rabbinischen Schule an, der damals gerade in Samson Hirsch ein beredter Vorkämpfer erstanden war. Tie Kabbala, die Reformen Jacob Jacobsons und gar der Hamburger Tempel-Verein galten in seinen Augen als fluchwürdige Thaten, dazu bestimmt, den Glauben Israels zu verflachen. Dass vor einem so strengen Richter Raphaels mystische, dem Neuchassidäerthume zuneigende Gedanken keine Gnade gefunden hätten, war selbstverständlich. Die Nothwendigkeit dieses Versteckenspielens verlieh den theologischen Gesprächen in den Augen Davids, dem noch ein gutes Stück Verschwörer vom Jahre 48 ber im Blute steckte, einen erhöhten Reiz. Seinen Gipfelpunkt erreichte der verschwiegene Verkehr durch eine Sendung, die auf geheimnisvolle und romanhafte Weise in Raphaels Hände gelangte. Als Frau Mirjiam am Ende der zweiten Woche eben den Sabbath rüstete, kehrte ein Schnorrer in das Haus des Rabbi ein. Es war ein düsterer, seltsamer Geselle. Kaftan und langer Bart ließen auf den polnischen Inden, das gebräunte, askettsche Gesicht auf den Bewohner des Südens schließen. Der Bettler schien ein großes Stück Welt gesehen zu haben und erzählte mit melancholischer Resignation von seinem Wanderleben. Sein Ziel war Jerusalem. Zum fünftenmale pilgerte er bereits zu Fuß nach der heiligen Stadt, um dann über Kleinasien und die Türkei nach Polen zurückzukehren. Seine wenigen Habseligkeiten trug er in einem großen Sacke, der schlaff über seinem Rücken herunterhieng. Auf der Rückreise jedoch mussten sie in den Taschen des Kaftans untergcbracht werden. Ter Sack war dann mit Erde des gelobten Landes gefüllt, die der Schnorrer an seine Glaubensgenossen in Europa vertheilte. Jedes jüdische Kind legte damals gerne einige Körner jenes Sandes den Eltern mit in das Grab. lieber den Sabbath blieb der Gast im Hause Rubens und führte mit diesem gelehrte Gespräche. Den Jünglingen schenkte er wenig Beachtung. Als er zum Aufbruche rüstete, trat er wie zufällig direct an Raphael heran und flüsterte ihm zu: „Bist Dn Raphael — des Rüben Sohn und Elicsers Freund — so erwarte mich auf der großen Straße außer der Grenze der Stadt!" David, der die geheimnisvollen Worte vernommen, wollte unbedacht laute Fragen stellen. Aber der Vetter bedeutete ihm rasch, zu schweigen und sich ihm unauffällig anzuschließen. Die Freunde thaten genau, was sie der Bettler geheißen. Es währte auch gar nicht lange, so sahen sie seine gebeugte Gestalt auf dem äußersten Raine der Straße herankommen. David hatte inzwischen durch den Vetter erfahren, dass sich die kabbalistischen Secten oft dieser Leute zu Botendiensten bedienen und blickte ihm mit gespannter Erwartung entgegen. Aber der Schnorrer wollte mit stummem Gruße an ihnen vorübergehen. Erst als Raphael auf ihn zutrat und mit eigenthümlicher Betonung hebräisch frug: „Woher kommst Du?" blieb er stehen und erwiderte im gleichen Tonfalle: „Von Jeruscholajim!" „Wohin gehst Du?" fuhr der Jüngling fort. „Nach Jeruscholajim," klang es müde von den Lippen des Bettlers zurück. Dann fügte er, auf den Studenten weisend, hinzu: „Und wer ist dieser?" „Ein Freund," beruhigte Raphael den anscheinend Misstrauischen. Aber der junge Mediciner schien keineswegs nach dem Geschmacke des Schnorrers zu sein. „Es ist nicht gut, wenn viele Vieles wissen," brummte er missbilligend in seinen langen ungepflegten Bart. Dann holte er unter seinem Kaftan ein dünnes Buch hervor und überreichte es Raphael mit den Worten : „Ties sendet Dir Elieser, der Gotterleuchtete." Ohne den Dank abzuwarten, grüßte er mit der Hand und zog von dannen. (Fortsetzung folgt.) Bücherwelt. Das schöne Gedicht der polnischen Dichterin Konopnick a „Was ich sehe" veröffenllichte jüngst die „Hazcfirah" in sehr gelungener Uebcrsetzung von M. Ehajkin. Die sehr flott und populär geschriebene Flugschrift: „Zur ' Aufklärung über den Zionismus" (von Verth cud F e i w e l und Robert Stricker) herausgegebcn von der jüd.-academ. Verbindung „Zephirah" in Brünn (Josefstadt 11) ist bereits tu. zweiter Auflage erschienen Lord Byron: „Hebräische Melodien" in Uebcrsetzungen russischer Dichter. Einleitung, eine kritisch-literarische Stuoie von S. S—ky: Lord Byron und seine „Hebräischen Melodien". Jekaterinoslaw, 1808. Wir haben in Jekaterinoslaw, Süd-Russland, rührige Gesinnungsgenossen, die in Wort und Schrift für die Verbreitung unserer Idee thätig sind. In ihrem Selbstverläge erschienen seinerzeit die Reden Herzel's und Nordau's, letztere wohl von der Pressbehörde ziemlich gekürzt; die ausgezeichnete russische Uebersetzung, wie die sorgfältige Ausstattung fand den allgemeinen Beifall. Und nun liegen vor uns die „Hebräischen Melodien' des genialen Dichters des Weltschmerzes, in mustergiltigen Uebersetzungen bester russischer Dichter. Was unsere Gesinnungsgenossen durch diesen glücklichen Griff in die Weltliteratur erreichen wollten, sagt der Verfasser der Einleitung dieser zum Schluffe von edlem Patriotismus inspirirten gediegenen Studie: „Wir widmen diese Zeilen den Manen Lord Byrons, dem Schöpfer der „Hebräischen Melodien", die für uns eine ganz besondere culturhistörische Bedeutung haben, weil sie von einem christlichen Dichter stammen, der die nationale Wiedergeburt besungen hat, in einer Zeit, als vom Zionismus noch keine Rede war. Wir wollen zugleich auch unser Scherflein zu der Literatur, die aus Anlass der Wiederkehr des 100. Geburtstages Lord Byrons erschien, beitragen. Wenn cs uns gelingt, durch diese Melodien den Funken des nationalen Bewusstseins in den Lesern, für die die Existenz einer jüdischen Nation noch eine strittige Frage ist, zu entfachen, werden wir uns vollständig befriedigt fühlen und unser Ziel wird erreicht sein". Wir stimmen in diesen Wunsch ein. möge es dem Werkchen gelingen, uns neue Gesinnungsgenossen zu werben und unsere Reihen zu verstärken. A. Wolf. Herausgeber: P. Nartzaurr. Verantw. Red.: Dr.Siegm.Werner. Buchdruckerei „Industrie" (S.Bergmann), VI1L, Schlbffelg. Io.

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