Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 23 (10.6.1898)
- Article
- Cincinnati / S. B. H.
- Date
- 1898-06-10
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 23 Seite 15 sondern auch strategische Geschicklichkeit und bewunderswerten Muth; der ihm gezollte Dank ist somit keine Uebertriebenheit. Um den Dewey-Tag in Cincinnati würdig zu begehen, wurde nebst anderen öffentlichen Festlichkeiten auch eine Parade-Procession durch die Hauptstraßen der Stadt veranstaltet. Alle Nnions-, Staats- und städtischen Beamten genannter Stadt eröffneten den von Pomp strotzenden Zug, welchen sich fast alle Vereine und Gesellschaften, zusammen circa 30.000 Mann, misch lösten. Zwölf große Divisionen bildeten die Procession und in der sechsten marschierten unsere lieben Zionisten hinter ihrem Indenbanner; vielleicht zum erstenmale seit 2000 Jahren, dass die Juden als Nation in die Oeffentlichkeit rückten und ihr Banner hocherhoben der Welt zeigten. Aber dieses Banner war auch des Jubels, mit welchem es von den dicht gedrängten Massen empfangen wurde, im höchsten Grade wert. Ausdem reichverzierten rothseidenen Untergrund prangten die aus weißem Taffet geschnittenen und mit Gold eingefassten zwei mosaischen Gesetztafeln, die Zehngebote, und auf diesen stellten, aus ultramarinblauen Bändern hergestellt, zehn Balken die zehn Moralgebote vor, welche auch das Fundament der christlichen Sittlichkeitslehre bilden. Die zwei Sockel der Toppeltafel enthielten das jüdische Motto in hebräischer und englischer Sprache, nämlich tHEHn Justice cxalts a nation (Gerechtigkeit erhöht eine Station). Oben auf breitem blauen Bande erschien mit goldgestickter Schrift groß und klar der Name des Vereins: Zionists of Cincinnati. Die einstigen jüdischen Nationalfarben waren bekanntlich weiß und blau; diese Farben waren durch die zwei weißen Gesetzestafeln und die zehn blauen Querbalken repräsentiert, und dadurch, dass wir die rothe Farbe als Grimdton wählten, erreichten wir die amerikanische Trikolore: roth, weiß und blau. ..Hurrah for the Jews!“ riefen uns die christlichen Brüder ans der Straße zu, Männer streckten die Hände aus den dichtbesetzten Fenstern und klatschten Beifall, während Damen ihre Taschentücher schwenkten. Allgemein wurde anerkannt, dass unser Banner nicht nur das hervorstechendste und geschmackvollste, sondern auch das sinnreichste im ganzen, etwa fünf englische Meilen langem Zuge war, und das Judenbanner war Gesprächsthema in der Stadt geworden. Die Katholiken, welche hinter uns marschierten und ihre volle Pracht zur Entfaltung gebracht hatten, wurden kühl ausgenommen, was uns sehr peinlich berührte, da wir nicht als Rivalen austreten wollten, sondern uns nur als eine, die Verdienste eines wackern, für die Ehre seiner Station aufopfernd kämpfenden Mannes anerkennende Menschenclaffe zu repräsentieren beabsichtigten, und wenn wir auch alle Ursache haben, den Spaniern ewig zu grollen, so stimmten doch unsere Reihen nicht in den oftgehörten Racheruf „Down witli Spain“ (Nieder mit Spanien). Der Jude tritt nicht auf den besiegten Feind. Unsere vollbärtigen russischen Juden marschierten so exact militärisch, dass die Zeitungen ihnen alles Lob darüber aussprachen. Andere schmeichelhafte Bemerkungen wollen wir nicht repetieren, da es uns weniger um Complimente als um die wahre Erhöhung der Ehre unserer Zionisten zu thun war, und das haben wir erreicht. Nachdem unsere christlichen Brüder unser Thun und unsere Motive freundlich beurtheilen, werden hoffentlich unsere Gegner, die Assimilationsjuden, uns milder behandeln. — Nächstens werden wir Bannerweihe abhalten, bei welcher Gelegenheit wir die Absichten der Zionisten in weitere Kreise zu bringen bemüht sein werden. 8. B. II. Dkrkmsuachnlhten. Wien. Der Einzelverein „Wien" des „Zion" hielt am 2. Juni in Soh r's Restauration eine Versammlung ab, in welcher Dr. S. Werner über das Thema „Was will der Zionismus" und „der I'. Baseler Eongress" referierte. An der Discussion nach dem sehr beifällig aufgenomincnen Referate betheiligten sich die Herren Dr. A. P o l l a k, R. A. B r a u d e s, Ri. P i e k a r s k i, Uprimny und der Referent. Erst nach zwölf Uhr schloss der Vorsitzende, Dr. N. Birnbaum, die Versammlung. Wien. Die unter dem Vorsitze des Herrn S. M e i s e l s abgehaltene 2. Agitationsversammlung in der Leopoldstadl, die am «. Juni in Breuers Restaurant stattfand, brachte dem Einzelvereine „Wien" des „Zion" ebenfalls einen großen Erfolg. Referent Dr. Leopold Kahn erzielte mit seinem Referate „Was will der Zionismus", „Der II. Eongress in Basel" und seiner im Verlaufe der Discusfion vorgebrachten Polemik lebhaften Beifall. An der Discusfion betheiligten sich die Herren Dr. R i f c z e s, PickarSki, Hausner, Neuner und Axelrad. Wien. Der Einzelverein „Wien" des „Zion" veranstaltet Samstag 11. Juni um 8 Uhr abends im Restaurant L 5 b l, VI. Schmalzhofgasse 10, eine öffentliche Vereinsversammlung. Referent: Herr Architekt Oscar M a r m o r e k Thema : I. Was will der Zionismus? 2. Der zweite Baseler Eongress. Wie«. Samstag, den 11. Juni, abends }s Uhr, findet im Restaurant Breuer, II., Kleine Schiffgasse 8, die nächste Versammlung des Vereines „Achrvah" statt. Auf der Tagesordnung steht ein Vortrag des Parteigenopen Salomon R u b i n st e i n : Die Colonisation Palästinas". Gäste willkommen '. S'* Ztitslhnstcunludschau. Das Jnniheft der Jüdischen Chronik von Dr. Adolf Kurrein in Teplitz enthält eine Anzahl lesenswerter 'Aufsätze von denen wir besonders die Artikel.. „Lauter Weise und kein Weiser" von Dr. Adolf Kurrein und „Über das Wort Gottes in der Synagoge" von Dr. Goitein hervorheben möchten. In diesem Hefte befindet sich auch der Nekrolog Prof. S ch a p i r a s. ll. Corriere Israelitico bringt in seinem letzten Monatshefte unter anderen Artikeln auch Dr. Max Norda u's letzte Rede in Berlin „Der Zionismus und seine Gegner". Die Uebersetzung ist nur ein Auszug der Rede, Ausführlich ist die Ueberficht über die zionistische Bewegung, die Ausführungen über den Tod Prof. Schapiras, über den 11. Eongress und besonders über die Colonialbank. Der Herausgeber A. di S. E u r e e l bemüht sich in erfolgreicher Weise, die Monatsschrift immer mehr zu heben. FkuiUrto«. Dir Goldschilds. Roman aus dem Ende des 19. Jahrhunderts Friedrich Fürst Wrede. V. Drei Wochen waren seit David Goldschilds Ankunft in Ehiefch verflvffen. Ehe er Wien verlassen, hatte ihn einer seiner Freunde — Kuno Müller — auf das Dringendste vor der Reife gewarnt. Jetzt gab der Mediciner selbst zu, dass er klüger gethan hätte, den wohlgemeinten Rath zu befolgen. Manches schöne, lichte Bild wäre vor der Zerstörung bewahrt geblieben. Denn die Erinnerung hatte ihm die Stätte seiner Kindheit in gar rosigem Lichte gemalt. Wie herrlich war ihm doch damals der Laden des Oheims Nathan mit seinen geheimnisvollen Flaschen und Gläsern erschienen'. Bon dem Auslagefenster des Hink'schen Geschäftes auf dem Ringplatze gar nicht zu reden. Das Schlimme aber war, dass es mit den Menschen dieselbe Bewandtnis wie mit den Dingen hatte. David hatte es verlernt, im herrschaftlichen Amtmanne eine kleine Gottheit und die Fülle aller Herrlichkeit zu sehen. Selbst der Oheim Rüben vermochte ihn trotz aller seiner talmudischen Gelehrsamkeit nicht mehr einzuschüchtern, während Nathan ihm sogar Widerwillen einflößte. Nur der alten Sarah zollte er noch Bewunderung. Aber auch dieses Gefühl glich mehr dem Interesse des Arztes für den morschen, durch einen mächtigen Willen beseelten Körper,