Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 23 (10.6.1898)
- Article
- Wien
- Date
- 1898-06-10
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 14 .picOWdr Nr. 23 der „Hausjude des Polenclubs" keinen Anstand, den Wiener Correspondenten dieses Blattes um Schonung anzubetteln. So geschehen am letzten Donnerstag in den Parlamentscouloirs. Und da sollte Herr von Rappaport noch Zeit finden, zu interpellieren und Stojaiowski zu bekämpfen? Er ist ja froh, wenn man nur ihn in Ruhe lasst. Brixen. Am 6. Juni fand hier der Gautag des Tiroler Turngaues statt. Der Innsbrucker Turnverein stellte den Antrag, nur „judenreine" Turnvereine in den Turngau aufzunehmen. Es kam zu erregten Scenen, und da keine der beiden Parteien die Gauleitung übernehmen wollte, wurde der Tiroler Turngau aufgelöst. Deutschland. Berlin. Der M. „Israelit" lässt sich aus Athen melden: „Kaum, dass die Griechen wieder in Thesialien einrücken, das jetzt von den Türken geräumt wird, so beginnen schon wieder Hetzereien gegen die Juden in diesem Lande. Man macht ihnen zum Borwurf, dass sie nach den Niederlagen der Griechen nicht mit diesen geflohen sind, sondern die siegreichen Türken erwartet haben. Thatsächlich haben sich die Juden in den Türken nicht getäuscht, denn sie sind von ihnen durchaus gerecht und gut behandelt worden und hatten keinen Grund, unzufrieden zu sein. Die größten griechischen Zeitungen, z. B. „Akropolis", treten übrigens den Hetzereien scharf entgegen. Bulgarien. Sofia. Die große Krisis, welche das bulgarische Fürstenthum durchmacht, theilt sich auch natnrnothwendig unseren hiesigen Brüdern mit. Die fast sprichwörtliche Sparsamkeit und Genügsamkeit der breitesten Massen, die noch in den primitivsten Einrichtungen leben, denen Betten und Schränke noch uugekannte Luxusgegenstände sind, cmpsinden den Zeitdrang jetzt ebenso mächtig, wie die besser situierten Briider. Woher diese Krise wohl kommen mag? Zunächst wird der himmlische Vater dafür verantwortlich gemacht; denn er hat Bulgarien unter Wasser gesetzt und einen großen Theil der Ernte vernichtet. Tafiir wird aber auch die Regierung verantwortlich gemacht. Der Traum, welcher den Russophilen große Reichthümer und alle Gold- und Silberschätze Russlands vorgaukrlte für den Fall einer Anlehnung an Zarväterchen, blieb ein Traum. Die unvortheilhafte Behandlung, welche die Oesterreicher erfuhren, deren Hintansetzung haben „die fremden Strancy" verscheucht und mit ihnen auch die Geschäfte und den Credit und den so nothwendigen Fremdenzuzug. Die armenischen Exulanten haben nicht nur nicht Bulgarien bereichert, wie einst die deutschen Juden die polnischen Provinzen, sondern viel Elend mit eingeschlcppt. Die verschrieene Stambulow'sche Aera wird heute als die aurea aetas bereits glorificiert, und ein großer Theil des bulgarischen Volkes besinnt sich auf die Zeit der Freundschaft mit Oesterreich — und wagt sich bereits mit der Sprache heraus. So ist es gekommen, dass die kritische Zeit auch eine Krise in der Politik nach sich zieht. Das Ministerium Stoilow hat zwar noch nicht demmissioniert allein schon wird dasselbe daran gemahnt, dass es Zeit sei, an eine Aenderung der Führung der Regierungsgeschäfte zu denken. — Die Frage spitzt sich nur noch mehr zu — und da wird Dr. Radosl a w o w in erster Reihe als künftiger Premier genannt. In ihm vollzieht sich nicht blos ein Personensondern auch ein Systemwechsel. Er ist ein stark ausgeprägter politischer Charakter, der nicht nach dem Ministerportefeuille strebt, wenn er es mit dem Opfer seiner Principien erkaufen soll. Radoslawow gehört zu der sogenannten Austrophilen-Partei, welche in der Reduction des Armeewesens und Forderung der Werke des Friedens das Heil des bulgarischen Volkes sieht. Von den österreichischen Hochschulen nahm er seine liberale menschenfteundliche Gesinnung mit und nicht den Chauvinismus anderer seiner Mitbürger. Für die Israeliten Bulgariens dürfte dessen Premierschaft eine segenverheißende Epoche werden, die ihnen das gewährt, was andere orthodox-christliche Bulgaren bereits besitzen. In erster Linie eine Vertretung in der Sobranie. Da das Gesetz die Wahl eines Deputierten auf je 20.000 Seelen festsetzt, so wäre die Zahl zwei als die mindest obligate zu erlangen. Ebenso könnte die jüdische Intelligenz, welche militärische Dienste geleistet, in die Beamtenarmee berufen werden. Auch sollte den Juden die Möglichkeit gegeben sein, einen Religionsunterricht für die jüdische Gymnasialjugend einzurichten. Schließlich erheischt es das Gerechtigkeitsgefühl, dass den Juden durch ein Staatsgesetz die Möglichkeit gewahrt würde, unbehelligt das Peffachfest zu feiern — indem die Narodnv Sobranie ein Gesetz votirt, dass kein Jude wegen der falschen Blutbeschuldigung zur Verantwortung gezogen werde, dieBeranlasier solcher Ausstreuungen und Verleumdungen aber der Ahndung seitens der Behörden verfallen. Da Herr Dr. Radoslawow seine israelitischen Mitbürger genau kennt, kann eine Realisierung dieser Wünsche leicht möglich sein. Unsere Correspondenz über diesen hoffnungsreichen Mann, die ja nur lückenhaft erscheint, möchte ich nicht eher schließen, als bis wir seine Ansicht betreffs des Zionismus hier annäherungsweise bekanntgegeben. Es ist uns gelungen, diese von sehr maßgebender Seite mitgetheilt zu erhalten. Herr Dr. Radoslawow erkennt die hohe Begabung des jüdischen Stammes an, hält es an der Zeit, dass die Israeliten an ihrer Befreiung arbeiten und dass sie ihr Land erhalten gleich anderen Völkern. Er spricht ferner die Ueberzeugung aus, dass die Israeliten alle Kräfte besitzen zur Constituierung eines modernen Staatswesens. Was sagen unsere Protestrabbiner zu dieser Ansicht eines solchen Mannes? Man muss Bulgarien laffen, dass es im allgemeinen der zionistischen Bewegung Sympathie entgegenbringt. Möge diese Regung einer großen Menschenseele die Schüchternen und Zaghaften unter den bulgarischen Juden stärken und erheben. J—e. Frankreich. Paris. Der Grandrabbin Zadok Kahn fordert in den französischen Journalen zur Sammlung von Unterstützungen für die algerischen Juden auf, die durch den Stillstand der Geschäfte und durch die Bedrohung der Arbeitgeber, welche jüdische Arbeiter beschäftigen, sich in einer schrecklichen Lage befinden und noch größerem Elend entgegengehen. Clemenceaus „Aurore" steht an der Spitze der Journale, welche Sammlungen für die algerischen Juden eingeleitet haben. Paris. Der Deputierte Castelin hat eine neue Interpellation in der Dreyfus-Angelegenheit angekündigt. Die Spitze der Interpellation richtet sich gegen das sogenannte Dreyfus-Syndicat, welches des Hochverrathes beschuldigt wird. Da Möline entschlossen sein soll, nicht zurückzutreten, sondern der Kammer sein Programm der Concentration vorlegen und sich eine Majorität schaffen will, so ist diese Interpellation für das Ministerium vielleicht gefährlicher, als für die Verteidiger Dreyfus'. Auch die Präsidentenwahl der Kammer soll nur durch die Dreyfusfrage unmöglich geworden sein. Es handelte sich bekanntlich um eine Stimme. Der in Paris anwesende socialistische Deputierte Ernest Roche hat an der Präsidentenwahl nicht theilgenommen, weil er angeblich für B r i s s o n nicht stimmen wollte, der sich nicht energisch genug gegen die Revision des Dreyfus-Proceffes ausgesprochen habe. Amerika. Ci neittnati. Die Zionisten haben in Amerika die öffentliche Anerkennung und Weihe erhalten. Wir sind in die Oeffentlichkeit getreten und mit Enthusiasmus von den Nichtjuden begrüßt worden, unsere jüdischen Gegner können keine Verdächtigung mehr gegen uns Vorbringen, denn die Welt hat unsere Principien kennen gelernt, 300.000 Menschen wiffen jetzt, dass „Moral" unser Grundsatz und „Gerechtigkeit" unser Motto ist. Samstag, der 21. Mai, war von den städtischen Behörden von Cincinnati als Dewey-Tag proclamiert worden, ein Tag zu Ehren des Admirals Dewey welcher ohne irgend welchen nennenswerten Schaden erlitten zu haben, die spanische Flotte im Hafen von Manila kühn angegriffen und gründlich vernichtet hat. Man ist in Amerika nicht gewöhnt, dass Männer in so hoher Stellung wie Dewey, ihre Pflicht gewissenhaft thun, dieser Mann aber bewies nicht nur Treue,