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Die Welt · 1898-06-10 · 23 (10.6.1898) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
23 (10.6.1898)
Article
Die Judenexcesse in Galizien
Date
1898-06-10
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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ruthenische Volk erhebt sich nun, um sich politisch und wirtschaftlich zu regenerieren. Wie überall, sind auch hier die Juden der Sündenbock. Der Schein ist gegen sie. Sie sind die Treuen der herrschenden Clasie. Um die weitreichenden Ursachen kümmert sich die Politik nicht und die Juden sind eine bewährte Zielscheibe der Parteien. Die Schlachta, die sich in ihrem Bestände nicht nur durch die Ruthenen, sondern auch durch die polnische Volkspartei bedroht sieht, lässt den Antisemitismus gewähren. Sie sucht dadurch gewissermaßen ihre „socialpolitische" Gesinnung und Bolksthümlichkeit zu documentieren. So verhalten sich die Dinge. Tluste soll nun mit der übrigen Culturwelt durch eine Bahn verbunden werden. Es ist symptomatisch, dass dieses Culturwerk mit einer Judenhetze ein geweiht wurde. Die Streckenarbeiter, ein masurischer Stamm, die sogenannten „Baraber" nahmen sich es vom ersten Tage ihrer Ankunft vor, ihre überschüsiige Kraft in einer Judenhetze auszulösen. Eine Gelegenheit fand sich bald. Nachdem einige Juden ftech genug waren, sich von ihnen nicht plündern und prügeln zu lasten, beschlosten sie, sie alle todtzuschlagen und wennmöglich die Stadt zu verbrennen. Am ersten Abend des Schebuothfestes durchzogen sie die Straßen, postierten sich am Wege, der zu den Bethäusern führt. Hierauf zogen sie durch das Städtchen, sangen Lieder und schlugen Fensterscheiben ein. Nichts wurde verschont, die Häuser, die Baron Hirsch-Schule bis zur Bahnstraße. Schließlich wurden sie für den Moment von den Juden mit Hilfe der Gendarmerie hinausgejagt. Die ganze Nacht hielten die Gendarmen Wache und hüteten den Weg vom benachbarten Dorfe Swidowa. Frühmorgens brachte der Gendarmerie-Postencommandant, besten mannhaftem und wahrhaft tapferem Auftreten es zu verdanken ist, dass keine weiteren Verheerungen angerichtet wurden, in Erfahrung, dass die Arbeiter bedeutend verstärkt vom Buczaczawege aus die Stadt überrumpeln wollen und suchte sofort die Bezirkshauptmannschaft Zaleszczyki um militärischen Succurs an. Um 8 Uhr früh rückten in der That etwa 500 Mann in Reihen geordnet gegen die Stadt vor. Mit dem Rufe „Hurra do miasto“ (Hurrah in die Stadt) hoben sie ihre Holzstäbe in die Höhe und versuchten den Eingang zu erzwingen. Die wiederholte Aufforderung des Postencommandanten, sich zu zerstreuen, half nichts. Schließlich sah er sich gezwungen, von der Waffe Gebrauch zu machen. Die Kugel traf den Anführer, zwei andere Arbeiter wurden verwundet. Die Bande zerstreute sich nun. Nachmittags kam der Regiernngscommistär Przybyslawski und bald darauf eine Escadrou Berittener. Der Commistär hatte während seiner Anwesenheit Gelegenheit, sich von der Plünderungssucht der Arbeiter zu überzeugen. Nächstfolgenden Tag zog das Militär ab. Die Exceste wiederholten sich zwar nicht; die jüdische Bevölkerung ist aber gleichwohl in begründeter Auflegung. Die Arbeiter nehmen eine drohende Haltung ein, wobei sie von den Ruthenen, wie es heißt, unterstützt werden, die jetzt die Zeit für geeignet halten, an den Juden für den für sie ungünstigen Ausgang der Reichsrathswahlen Rache zu nehmen. Die jüdische Bevölkerung verlässt in großer Menge die Stadt. Ter Verkehr ist gestört. Die jüdische Bevölkerung hat wiederholt um militärischen Schutz angesucht. In Myslenice, Galizien, haben, wie der „N. Fr. Pr." gemeldet wird, Ausschreitungen gegen die Juden stattgefundeu. r-s Das englische Oberhaus und die Statistik. „Die einschränkende Gesetzgebung ist so tobt wie Julius Caesar" — so jammerte noch vor wenigen Monaten Mr. Arnold White. Und der ehemalige Vertrauensmann des Baron Hirsch blieb auch den Commentar dazu nicht schuldig: „Lord Salisbury weiß, dass er seiner Regierung ein Ende macht, wenn er die Juden reizt. Sie wollen durchaus freien Eingang haben". Diese Zeilen, die lediglich ein vom Verfolgungswahn getrübter Geist niederschreiben konnte, haben Lord Salisbury nicht abgeschreckt. Er setzte die Alien-Bill auf die Tages-Ordnung des Oberhauses und peitschte sie durch. Die ehrenwerten Lords erleichterten ihr Gewissen durch Citate aus statistischen Schriften und zerstörten ein Stück alter englischer Tradition, der Großbitannien seine Macht, kaufmännische Gewandtheit und sein internationales Ansehen zu verdanken hat: die freie Einwanderung. Wären die von dem ehrenwerten Lord citierten Daten wenigstens richtig! Aber dem ist nicht so. Ein altes Sprichwort sagt, dass das englische Parlament Alles kann, nur nicht aus einem Weib einen Mann machen. Es kann also mit den statistischen Daten vielleicht auch umspringen, aber niemand ist verpflichtet, sie ihm zu glauben. Wir wollen hier auf die immense Literatur der Einwand erungssrage nicht näher eingehen, das würde uns zn weit führen. Es genügt, wenn wir uns mit zwei Publicationen aus der jüngsten Zeit beschäftigen. Diese sind: Der letzte Jahresbericht des jüdischen Armen-Unterstützungs- Vereines in London (Board of Guardians for the rollet' of the jewish poor) und der letzte Bericht des englischen Handelsministeriums über die Ein- und Auswanderung. Darnach wären die ehrenwerthen Lords in einen verhängnisvollen, wenn auch gewiss nicht beabsichtigten Jrrthum verfallen. Sie haben sich ihre Reden schön aufgeputzt mit Ziffern derjenigen Juden, die nach England eingewandert sind; die Ziffern derjenigen, die ausgewandert sind oder die, ohne im Hafen anzugeben, dass sie auf der Route sind, sofort ihre Reise über den Ocean fortgesetzt haben, existieren für die Lords nicht. Und doch sind es respectable Ziffern! Der Bericht des Handelsamtes stellt fest, dass im letzten Jahre 2676 Personen nach anderen Ländern ausgewandert sind, ohne dies anzugeben und somit unter den zurückgebliebenen Einwanderern mitzählen; er gibt aber selbst zu, dass auch diese Ziffer nicht als erschöpfend betrachtet werden kann. Und dann die Tausende jener Emigranten, die von den jüdischen Wohlthätigkeits - Vereinen repatriiert werden! Bevor wir auf diese noch genau eingehen, betrachten wir die dem Berichte des Handelsamtes angeschloffenen Mittheilungen der Polizeibehörde. Da heißt es: „Die russischen Juden passieren zumeist London, da sie sich im Besitze von Fahrkarten nach Südafrika befinden", oder: „Höchstens 25 Percent der ankomnrenden Juden können als hilflose Einwanderer betrachtet werden". In Liverpool hat nach diesen Mittheilungen die Zahl der hilflosen Einwanderer im letzten Jahre gar nicht zugenommen; in Manchester hat sie im Gegentheile noch abgenommen. In Glasgow haben sich im Jahre 1807 25 Juden angesiedelt gegen 34 im Jahre 18!Hi: Brighton haben 1 4s hilflose Fremde, zumeist polnische und russische Juden, b!< passiert. Vielmehr bezeichnend sind die Daten des Board ot Guardians. Derselbe hat weiterbefördert: Im Jahre 1807 . . . 862 Familien mit 1527 Köpfen. 1896 . . .743 „ „ 1186 " " 1895 ... 614 „ „ 1168 Hievon wurden im Jahre 1897: 224 Familien über den Ocean geschickt 621 „ in Europa repatriirt und kaum 17 „ nach verschiedenen Städten Großbritanniens geschickt. Dazu kommt noch das Vereinigte Comite des Russo- Jewish Committee und Board of Guardians, das im letzten Jahre 587 Familien mit 1977 Köpfen fortschickte. Die von Lord Dudley mit 14.800 enuncirte Einwanderungsziffer aus Russland und Polen für das letzte Jahr muss daher erheblich herabgesetzt werden, soll sie der Wahrheit näher kommen. Aber sowohl dieser Redner als seine Gesinnungsgenossen haben nur von der „gefährlichen" jüdischen Einwanderung gesprochen sie haben sich wohl gehütet, bei der Berathung über das Einwanderungsverbot das wichtigste Moment anzuführeu, das etwa für ihren Standpunkt sprechen könnte, u. zw.

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