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Die Welt · 1898-06-10 · 23 (10.6.1898) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
23 (10.6.1898)
Article
Der Zionismus und die orthodoxen Rabbiner
Date
1898-06-10
Page
9 (sequence 2)
Language
German
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Nr 23 Anschließend an die Kundgebung über Stellungnahme der traditionell-gesetzestreuen Rabbiner zum Zionismus seien einige Aussprüche orthodoxer Rabbiner über den Zionismus angeführt. Ein offenes Schreiben an die Rabbiner Israels, von dem Kownoer Rabbinate, an dessen Spitze der größte Gaon der Neuzeit, Rabbiner I. Elchanan Spector stand — verweist auf den Zionismus als die einzige Gewähr für den Fortbestand des Judenthums. Die Chalukaorganisation des Kolel »"CiT in Jerusalem protestierte dagegen, dass man sie für Gegner der modernen Eolvnisation hält. Jeder Jude muss Zionist sein; es ist so selbstverständlich, dass der Name Jude genügt, um einen Zionsfreund zu bezeichnen. Es ist ein erfreulicher Anblick, wenn die Gebildeten und Aufgeklärten, die vor kurzem erst von uns und dem heiligen Lande nichts wissen wollten, zu uns znrückkehren. Es ist dies offenbar ein Werk der göttlichen Vorsehung. Wie einst die Gesandten unseres Volkes gesagt haben sollen: Wenn uns Moses befiehlt, Leitern aufzurichten und in den Himmel zu steigen, so gehorchen wir ihm, so meinten sie offenbar damit, dass sie ihre eigene Kraft anstrengen müssten, die Wunder würden nachher eintreten. So verhält es sich vielleicht jetzt, wo wir vor dem Sammeln der Zerstreuten stehen, das wir nach Kräften anstreben müssen. Tie wahre, göttliche Erlösung wird dann sicherlich nicht ansbleiben. Unter den Gutachten der 84 orthodoxen und bedeutendsten Rabbiner des Ostens, die im Sammelbuche n2‘*w heraus - gegeben sind, befindet sich das Schreiben eines Rabbiners, das folgende Stelle enthält: Es ist ein tiefer Schmerz und eine noch größere Schande, dass wir so tief gesunken sind, dass wir die Frage überhaupt aufwerfen, ob der Zionismus zulässig sei. Es gibt keine talmudische und rabbinische Autorität, die gegen diese Bewegung, die die Hoffnung unserer Nation bildet, etwas einzuwenden hätte. Ein zweiter citiert den witzigen Midrasch: „Man fragte den Meffias: wo willst du wohnen °? Da gab er zur Antwort: Gewiss in Zion!" Ohne „Zion" (das wirkliche, nicht das „ideale" der Protestrabbincr!) keine Erlösung. Wer da glaubt, dass „Erez Israel" überall zu finden sei, gleicht einem Schlafenden, der von Gold und Edelsteinen träumt und mit leeren Händen erwacht. Ein dritter schreibt: Es gibt Leute, die sich die Erlösung nur unter Wundern, nüe die beim Auszuge aus Aegypten, denken können. Zn welchem Zwecke sollen Wunder geschehen? Wenn die heutigen Völker uns nicht fortlassen wollten, so wären Wunder ncthwendig. Wie aber, wenn sie fortwährend uns ariklagen, dass wir ihnen ihr Brot nehmen, wenn aus allen Enden der Welt der Ruf an uns ergeht: Hinaus Inden'. Ihr seid hier überflüssig! Wenn sich diese Völker eine bessere Zukunft davon versprechen, sobald sie unsere Concurrenz losgeworden sind; wenn wir ihnen durch freiwilligen Abzug einen Dienst erweisen und sie der Sorge und der Last, von denen sie bedrückt sind, entheben würden: nach all diesen Umständen saget nun ihr Protestler, wozu bedarf es der Wunder Gottes? . . ." Die Iudenexcesse in Galizien. Es ist ein alter Brauch des Volkes, seine Vergnügungen an Judenmassacres zu finden. In dieser Hinsicht will ja das Ende des 19. Jahrhunderts dem düstern und finstern Mittelalter nicht nachstehen, ja wenn man die gegenwärtige hochentwickelte Civilisation dem Barbarismus des Mittelalters gegenüberstellt, da drängt sich jedem Unbefangenen der Gedanke auf, dass das 19. Jahrhundert jene mittelalterlichen Gewaltihaten gegen die Juden überbieten wollte. Heute wird der Jude nicht nur auf der Straße besudelt, bespuckt und mit Steinwürfen rractiert, sondern auch in seiner armseligen und dürftigen Wohnung bis aufs Blut gepeinigt. So gehört es in den Gemeinden R Y ch w a l d, G i l o w i c e und S l e m i e ti (zum Bezirksorte Saybusch gehörig) zu den beliebtesten Vergnügungen des Volkes, vor den Judenhäusern des Nachts einen auf eine Meile hörbaren Lärm zu schlagen, der von Steinwürfcn auf das Haus, die Tbür, das Dach und eventuell Fenster begleitet wird. Eine Masse von 50 bis 100 Menschen, darunter Männer, die in der Gemeindevertretung ihre gebietende Stimme erschallen lassen, zieht in Banden von einem Judenhanse zum andern, führt Stöcke, B lechgeräthsch asten und Eisenstücke mit sich, um das durch Gebrüll, Pfeifen, Bellen verursachte Geschrei zu erhöhen. Aus diesem ohrenbetäubenden Lärm hört man in schrillem Tone die Worte: liurrnh na zv(ly! (hurrah! auf die Juden!) Den Schlusseffect des Ganzen bildet ein Steinregen, wobei selbstverständlich auch Verletzungen Vorkommen. Ein jüdischer Student zum Beispiel, der seine eben verwitwete Mutter besuchte, um mit ihr seinen verstorbenen Vater zu betrauern, wurde schwer verletzt. So war denn auch das Wochenfest, obzwar ein Freudenfest, ein mit Klagen und Weinen erfüllter Feiertag. Aus dem gramgefurchten Antlitz der armen Juden, die gebeugt von der schweren, unerträglichen Arbeit der Woche heute ruhen wollen, blickt das matte Auge scheu um sich her, denn „wir sind im Golus, wo man jeden Augenblick ein Opfer des Judenhaffes werden kann." Zur Illustrierung der elenden Lage der Juden in Galizien möge noch folgendes dienen: In dem Marktorte Mak <i> w wurde vom Baueruvolke der Plan gefasst, am 1. Mai die Inden zu ermorden und hierauf gegen die Schlachzizen loszuziehen. Die Inden erfuhren noch rechtzeitig von dem gegen sie geschmiedeten Complot, wendeten sich an die Behörde in W ad o w i c e und erhielten noch zur rechten Zeit Schutz, so dass der 1. Mai ruhig verlief. In demselben Orte sollte im vorigen Jahre am vorletzten Tage des Laubhüttenfestes unter den Juden ein Blutbad angerichtet werden, zu welchem eine Veranlassung dienen sollte, die im Falle ihres Gelingens die Absicht gewiss nicht verfehlt hätte. Drei Burschen nahmen des Nachts die am Ringplatz stehende Jesnsfigur von ihrem Postamente herunter, verübten die denkbar möglichsten Schändungen an der Figur, ttugen sie so vor den Tempel hin, um bei dem Volke den Glauben zu erwecken, die Juden hätten dies gethan. Ein Bauer aber, welcher dem Treiben dieser Burschen zusah, glaubte, sie hätten im Uebermnth diese Schändung an der heiligen Figur vorgenvmmen, und erstattete sofort die Anzeige bei der Gendarmerie, welche die Thäter sofort in Haft nahm. Des Morgens war das Volk zusammengelausen, schon schickte es sich an, gegen die Inden zu ziehen, als sich die Kunde verbreitete, dass die Thäter Christen seien und bereits unter Schloss und Riegel gebracht worden sind. Damit war für diesmal wenigstens ein Blutbad unter den Inden vermieden. II. N. Das Städtchen Stufte war der Schauplatz von Judenexcessen. Tlnste liegt im äußersten Osten Galiziens und wird zum großen Theil von Juden und Rnthenen und znm geringsten Theil von Polen, welch letztere die officielle Intelligenz ansmachen, bewohnt. Die Ve rhältniffe der Juden, die zum Theile den Zwischenhandel betreiben, zum Theil Handwerker und Arbeiter sind, sind die trostlosesten. Denn, obwohl sie in dieser ausschließlich agricnlturellen Gegend eine sehr bedeutende national-ökonomische Function verrichten, sind sie die Aermsten unter den Armen. Tie gegenseitige Concurrenz sorgt dafür, dass sie der bäuerlichen Bevölkerung die Rohproducte um die denkbar höchsten Preise abnehmen, und dass sie ihnen die courantesten Consumartikel beinahe um Kostenpreise absetzen. Und so kommt es, dass 60—70 Percenr der Juden, die seit Jahrhunderten das Land bewohnen, ganz vermögenslos dastchen, und nicht einmal ein wöchentliches Einkommen von 2—3 fl. haben. Nur ein kleiner Theil ist mäßig wohlhabend. Reiche gibt es sehr wenige. Von einem Reichthnm im westeuropäischen Sinne kann hier überhaupt nicht die Rede sein. Aber auch die Lage der Rutheneu ist keine günstige. Missernten in den letzten Jahren, Ueberbevölkerung, gesteigerte Bedürfnisse, Steuerdruck und das harte Joch der Schlachta trugen dazu bei, die sonst fleißige und arbeitsame Bevölkerung zu pauperisieren. Das

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