Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 23 (10.6.1898)
- Article
- Die Protestrabbiner
- Date
- 1898-06-10
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seitens Nr. 23 führungen, dass er nicht die Fähigkeit habe, so grob zu sein, wie die Entgegnungen auf die Erklärung des Vorstandes, von zionistischer Seite. Er erklärt es für unrichtig, dass alle russischen Rabbiner Anhänger des Zionismus seien. Beispielsweise habe ihm der Oberrabbiner von Lodz, einer der größten russischen Gemeinden gesagt, dass er wohl begreife, dass ein Rabbiner von der äußersten Reform Zionist sein könne, jedoch niemals könne ein orthodoxer Rabbiner dem Zionismus huldigen. Derselbe Rabbiner habe ihn, Redner, gebeten, die Protesterklärung in das Hebräische zu übersetzen, um sie allen russischen Rabbinern zugehen zu lassen, doch habe Redner es abgelehnt, da er nicht wusste, ob dieselbe auch auf die russischen Verhältnisse passe. Es sei psychisch erklärlich, dass bei den betrübten russischen Inden der Zionismus als Rettung aus der höchsten Noth, eine so leidenschaftliche, glühende Anhängerschaft gefunden hat, und auch, dass die deutsche Jugend, die soviel unter dem Antisemitismus zu leiden hat, fteudig die Gelegenheit ergreift. Doch die Diagnose sei noch nicht die Heilung; selbst wenn der Zionismus in der Kritik stark sei und Angriffe aushalte, so ist damit noch nicht bewiesen, dass seine Ziele als Heilmittel für die gesammte Judenheit von Bortheil wären. Redner wendet sich dem Baseler Programme zu und erklärt dasselbe für unklar. Er kann nicht begreifen, wie die Colonisation als Mittel zur Errichtung einer öffentlich, rechtlich gesicherten Heimstätte dienen soll, und ebensowenig, dass die Hebung des jüdischen Selbstbewusstseins dazu dienen könne, sondern es müsse doch umgekehrt sein! Das Ziel müsse die Colonisation sein, und das Mittel dazu die öffentlich rechtlichen Garantien. Der Redner behauptet, dass der verklärte Prof. Schapira, den er hoch verehre, ihm nach einer Besprechung gesagt habe, „wir unterscheiden uns ja gar nicht, mir ist ja auch nur an der Hebung des jüdischen Selbstbewusstseins gelegen, aber wir können das doch nicht sagen, sonst verlieren wir zu viel Anhänger." In gewissem Sinne habe der Zionismus eine Berechtigung und die Wirkung war auch gar nicht schlecht; denn wenn ein Max Nordau, der Verfasser der conventionellen Lügen, heute für das Judenthum und den Zionismus begeistert ist, so danke er, Redner, Gott für den Zionismus; doch der Zionismus sei, wie so viele Gifte, nur ein heilendes für die Krankheit, und wenn das Judenthum genesen sei, so würde auch der Zionismus eine abgethane Sache sein. Der Punkt 2 der Protesterklärung sei vielfach als eine Verdächtigung anfgefasst worden, doch habe es dem Vorstand ferngelegeu, irgendwelche Person verdächtigen zu wollen; vielmehr sei es darum geschehen, die irrige Ansicht, als ob alle Juden Zionisten wären, zu beseitigen. Redner schließt seine Ausführungen mit der Aufforderung, die colouisatorischen Bestrebungen auf jede Weise zu fördern. Der zweite Referent D r. V o g e l st e i n, Stettin, der bei uns noch von seinem Vortrag im liberalen Verein her im guten Andenken steht, erklärt, trotzdem er nicht Mitglied des Vorstandes, und also nicht für die Erklärung verantwortlich sei, seine llebereinstimmung mit dem Vorstand. Der Zionismus sei im hohen Grade gefährlich, und es sei höchste Zeit gewesen, dass die Rabbiner gegen die weitere „Bethörung" von Juden Front gemacht haben. Die Erklärung enthalte für niemanden etwas Verletzendes. — Nun hält Redner einen Theil seiner Rede vom liberalen Verein in noch verschlechterter Form! — Das Ziel des Zionismus sei nicht erstrebenswert, weil die wirklich idealen Bestrebungen im Judenthum dadurch zurückgedrängt werden. Im weiteren Verlaufe der Rede desavouiert der Vortragende seinen Vorredner, mit dem er vollkommen in der Beurtheilung dieser Frage übcreinzustimmen behauptete, folgendermaßen : „ Es ist ein I r r t h u m, dass es ein Verdienst der Zionisten sei, wenn Leute, die sich ganzvom Judenthum abgewandt hatten, wieder für dasselbe begeistert sind. Der Zionismus wird seine Anhänger schließlich ganz vomJudenthum abwendig machen! Dass eine Judennoth vorhanden, gibt Redner zu, jedoch nicht in dem Sinne der Zionisten. (Hier folgt wieder ein Tyeil der liberalen Rede im zweiten, noch verschlechterten Aufguss.) Dem Zionismus gehören Leute an, die absolut keinen Gottesglauben haben, und deshalb wird niemals ein religiöses Moment dabei mitsprechen dürfen. Sehr habe der Zionismus der Colonisation geschadet, und es sei dringend nöthig, den Juden, die sich für die Colonisatiion interessieren, zu sagen: Ihr arbeitet gegen den Zionismus, wenn Ihr die Colonisation unterstützt. Nachdem Redner das Baseler Programm für unklar erklärt hat, schließt er mit der Bitte, die Borstandserklärung gutznheißen, da eine nicht einstimmige Zustimmung einen schlechten Eindruck machen würde. Nachdem Dr. David, Düsseldorf, kurz seine Uebereinstimmung constatiert hatte, schloß er in der Hoffnung, dass die Versammlung einstimmig das Vorgehen des Vorstandes gutheißen werde. Nun leistete sich Dr. Maybaum einen parlamentarischen Saltomortale, der denen des Herrn Abrahamowicz in Nichts nachstand. Er entnahm nämlich aus Dr. David's Aenßerung, die die Gutheißung des Borgehens des Vorstandes von der Versammlung erhofft, einen, wenn auch, wie er selbst sagte, parlamentarisch nicht richtigen Antrag, die Discussion zu beenden und über das Vorgehen des Vorstandes abzustimmen. Den Protest des Dr. Gronemann, Hannover, der sich schon vorher zum Worte gemeldet hatte, begegnete Herr Dr. Maybaum dadurch, dass er demselben nicht einmal das Wort zur Geschäftsordnung gestattete, sondern unter großem Tumult über den „Antrag" abstimmen ließ, der gegen Dr. G r v n e m a n n's Stimme angenommen wurde. Hierauf erhielt Dr. Gronemann das Wort, der gegen eine derartige Majorisierung energisch protestierte. Er erklärte, dass er beabsichtigt habe, den Antrag auf Einsetzung einer besonderen Commission zu stellen, die die Aufgabe haben sollte, die Erklärung zeitgemäß umzuändern, denn wenn er auch nicht Zionist sei, so müsse er doch anerkennen, dass der Zionismus jetzt mildere Formen angenommen habe, und dass die Protesterklärung auf die heutige Form des Zionismus nicht mehr paffe. Gegen den Zionismus in der heutigen Fonn diese Protesterklärung zu erlassen, würde niemals seine Zustimmung finden, denn sie passe nicht mehr darauf. Hiermit war der Punkt der Tagesordnung erledigt. J. Der Zionismus und die orthodoxen Rabbiner. In der „Krakauer Jüd. Ztg." theilt Ahron Marcus Folgendes mit: Die wirklichen orthodoxen Rabbiner, welche unter Vorsiy des Herrn Dr. Breuer kurz nach dem Baseler Congresse auf dem Rabbinertage in Frankfurt vereinigt waren, haben beschlossen, zu dieser neuen Strömung, deren Macht fie erst durch den Baseler Congress kennen gelernt haben — Stellung zu nehmen. Wir glauben der guten Sache zu dienen, wenn wir ohne besondere Autorisation den Beschluss hier veröffentlichen. 1. Die Erklärung der Protestrabbiner beruht auf Jrrthum. Die offen vorliegenden Theorien des Zionismus c o llidieren keineswegs mit den religiösen Dogmen, dagegen kann es den Principien der deutschen Orthodoxen nicht entsprechen, einer Leitung Folge zu leisten, die anderen Principien huldigt. 2. Es ist Pflicht der Orthodoxie, zu der religiösen Angelegenheit ersten Ranges, der Colonisation Palästinas, thalkräftig Stellung zu nehmen, und in dieser Beziehung selbstständig durch eine Parallelaction vorzugehen, und dieselbe durch Unterstützung der heimischen Bevölkerung bei Coloniengründung zu bethätigen. 3. Diese Frage hat mit den religiösen Hoffnungen der m es sia nischen Erlösung der Nation gar nichts zu thun. Wir halten uns dabei ohne jede Neuerung an unsere alte Tradition. 4. Das Project der Staatenbildnng bleibt, wie jede politische Institution in dieser Beziehung, vollständig außer Programm.