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Die Welt · 1898-06-10 · 23 (10.6.1898) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
23 (10.6.1898)
Article
Chief-Rabbi Dr. Gaster in Wien
Date
1898-06-10
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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den Führern der Gemeinden, dass sie zu Gericht sitzen, das Gesetz erklären. Dazu ist der Rabbiner da; er kann kein Gesetz machen, er ist weder der Papst, noch ein Cardinal, noch ein Erzbischof. Wir haben kein Recht, jüdische Gesetze zu schaffen, nur dazu sind wir da, das Gesetz, das Recht zu erklären, wenn wir gefragt werden, ob etwas im Einklänge stehe mit dem Wortlaute des Gesetzes oder ihm widerspreche. Ich habe bis heute auf Antwort gewartet, die mir nachwiese, dass irgendetwas im Zionismus gegen das Gesetz sei. Kein Mensch kann beweisen, dass etwas in der Bibel oder im Talmud, in der jüdischen Tradition oder Geschichte, in den meffianischen Bewegungen, die oft im Judenthum aufgetreten sind, sich finde, aus dem man herauslesen könnte, — und zw. auch nnr im Entferntesten — dass Stellung gegen den Zionismus genommen werden müffe. Nach meiner innigsten religiösen Ueberzeugung ist der Zionismus der höchste Ausdruck des Höffens und Harrens des jüdischen Volkes, der Ausdruck des jüdischen Idealismus. In dem Momente wo wir den Zionismus aufgeben, haben wir die Grundlagen des Judenthums erschüttert. Für mich ist es eine ganz bestimmte Thatsache, dass nichts das Judenthum vor absolutem Verschwinden retten wird, sobald der Zionismus verschwindet. Die Ceremonien in der Religion, die religiösen Formen sind nur der Wall, der die Festung schützt, aber sie sind nicht das innere Leben. Für mich ist es auch von höchster Bedeutung, dass wir im Zionismus endlich einmal einen Punkt gefunden haben, der die verschiedenen Differenzen, die uns trennen, vereinigt, der Religiöse und Nichtreligiöse, Orthodoxe und Nichtorthodoxe zusammenführt, so dass diese Differenzen verschwinden und wir durch die ganze Welt uns als Brüder die Hände reichen dürfen. Für mich ist es eine der größten Errungenschaften, dass ich nicht zu fragen brauche: „Bist du ein guter Jude oder ein schlechter? Hältst du dies oder jenes?" Diese Frage darf ich nicht stellen. Mit demselben Eifer, derselben Begeisterung, finden wir alle uns im Zionismus zusammen. Hier können wir einig Vorgehen. Das ist der größte Gewinn der modernen Zeit. Man sagt ja immer, Juden könnten nicht einig Vorgehen, sie seien untereinander zerworfen, können nie miteinander wirken. Diese große gewaltige Bewegung hat aber einen Mittelpunkt für das jüdische Leben geschaffen; das Herz im jüdischen Leibe ist aus der Erstarrung erlöst worden. Das ist eine der größten Leistungen, die der Zionismus bisher erzielte. Ich kann hier nicht über die einzelnen Phasen sprechen, ich kann nicht erzählen, wie Schritt für Schritt vorgegangen wird. In England haben wir einen verhältnismäßig schwereren Kamps als Sie hier. Die Intelligenz, die mich hier umgibt, ist jedenfalls eine deutliche Bürgschaft für den Sieg des Zionismus. Es zeigt sich, dass die Jugend hier für das Ideal sich begeistert, und diejenige Jugend, welche berufen ist, die Trägerin der idealen Güter nicht bloß des Judenthums, sondern auch der Menschheit zu sein. Ich freue mich, Ihnen sagen zu können, dass wir langsam aber sicher in England Fortschritte machen, allmählich gesellt sich uns die intelligente Jugend zu, wir gewinnen allmählich auch die Bourgeoisie, und wenn die Engländer einmal gewonnen sind, so bleiben sie — conservativ wie sie sind — bei uns. Und nun erinnere ich Sie an die christliche Legende vom Kaiser Konstantin, der im Kampfe mit seinem Rivalen ein Kreuz am Himmel sah, mit der Inschrift: ,.In hoc signo vincesw. Wir, meine Freunde, sehen am düster umwölkten Himmel, nicht das Davidschild, sondern den Davidstern langsam aufsteigen, zum Zeichen, dass wir niemals untergehen wollen, dass wir in diesem Zeichen nicht eine blutige, sondern eine moralische Schlacht schlagen wollen".- Die Rede Dr. Gaster's wurde mit stürmischem Applaus ausgenommen. In der Discuffion ergriff zunächst Dr. Alois Pollak das Wort. Als Anhänger des geistigen (?) Zionismus müffe er ein Gegner des politischen sein. Dieser hat auch bisher mehr geschadet als genützt. So wäre das Einwanderungsverbot in Palästina sein Erfolg. Ein Territorium für arme Juden zu gewinnen, sei recht löblich. Palästina eigne sich aber nicht dazu, es gäbe nur einen Zionismus, den geistigen, die Miffion. Redner sprach sichtlich zum Vergnügen der Versammlung. Dr. Kahn widerlegte alle diese Behauptungen, die man gar nicht ernst nehmen könne. Er bitte, ihm die Stellen in der Schrift zu zeigen, die gegen Palästina sprechen. Dr. S ch n i r e r berichtigte, dass das Einwanderungsverbot schon 16 Jahre bestehe. Nur Unwiffenheit oder Böswilligkeit könne sich in dem Ausstellen solcher Behauptungen gefallen. Dr. Weisengrün verkennt nicht die symptomatische Bedeutung des Zionismus. Es sei aber die Frage, ob nicht bei der Divergenz zwischen östlichen und westlichen Juden, für die armen Juden in Palästina wieder ein neues Ghetto geschaffen werde. Sei es da vielleicht nicht rathsamer, hier zu Lande eine kräftige Organisation zu schaffen? Redacteur S ch a l i t: Von einem Gegensätze zwischen westlichen und östlichen Juden kann keine Rede sein. Man könnte höchstens die westlichen Juden als die Romantiker und die östlichen als die Claffiker im Zionismus bezeichnen. Wo wir uns voll und ganz ausleben können, fällt jede Divergenz und jedes Ghetto. Eine jüdische Organisation blos zu schaffen, wäre nicht nur zwecklos, sondern auch wegen der Claffengegensätze im Judenthum unmöglich. Dr. Werner verweist auf die ökonomische Lage der Juden in den verschiedenen Ländern und fragt Dr. W e i s e n g r ü n an, wie er sich hier zu Lande eine Organisation der Classen denke, die in ihren Ansprüchen und Ansichten grundverschieden seien. Eine Organisation mit dem Zwecke der Befreiung aus der wirtschaftlichen und seelischen Noth sei anstrebenswert und erreichbar. Diese erreichbare und zweckmäßige Organisation sei eben die zionistische. Dr. Koke s ch stellt richtig, dass Dr. Pollak bereits zwei Mal in dieser Woche seine verletzenden Behauptungen vorbringe. Das Schlusswort erhielt Dr. Gaster. Er erwies sich als glänzender Tebatter. In formvollendeter Weise widerlegte er die gegnerischen Ansichten. Und gerade seine Ruhe selbst im höchsten Affect und die maßvolle Art der Entgegnung bezwang die Gegner. „Es gibt nur eine Mission. Nicht die Bibel zu verbreiten, sondern die Bibel, Gotteswort, zu halten. Der Messianismus, wie ihn gewisse Herren predigen, ist ein rein christliches Product, und hat mit dem Judenthum nichts zu thun. Uns gilt aber das Wort und die Tradition. Deswegen sind wir Zionisten. Und bei dem Wohlwollen, das die türkische Regierung uns so oft bewiesen, wird es uns gelingen, kein Ghetto zu schaffen, denn das Ghetto haben nie Juden, nur Christen geschaffen, wohl aber ein Heim für unser ganzes Volk zu gewinnen." Im Namen der zionistischen Studentenschaft dankten meä. Munk und iur. Piekarski dem Vortragenden. Unter Hochrufen auf Dr. Gaster entfernten sich die Versammelten. Sch. m Die Prokeflrabbiner. In der Generalversammlung des Verbandes deutscher Rabbiner hielten heute Dr. H o r o w i tz, Frankfurt a. M. und Dr. V o g e l st e i n, Stettin, das angekündigte Referat über „Zionismus". Bor Eintritt in die Tagesordnung führte der Vorsitzende Dr. Maybaum, Berlin, betreffs der vom Vorstand, ohne Borwiffen des Verbandes, erlassenen Protesterklärung aus, dass der Vorstand sich für verpflichtet gehalten habe, diesen Schritt zu thun, da der moderne Zionismus fiir das Judenthum sowohl nach außen wie nach innen Gefahren in sich berge. Um nun zu verhüten, dass die Bestrebungen der Zionisten allen Juden zur Last gelegt würden, sei der Vorstand genöthigt gewesen, eine Erklärung zu erlassen, und musste dieses, da der Zionistencongress vor der Thür stand und Eile dringend geboten war, ohne vorherige Befragung der Versammlung um ihre Zustimmung geschehen. Dass die Erklärung des Vorstandes richtig und zeitgemäß gewesen sei, beweise die Aeußerung, dass die Protesterklärung als elastischer Ausspruch für den Patriotismus der westeuropäischen Juden anerkannt worden sei. Hierauf erhielt das Vorstandsmitglied, Dr. Horowitz Frankfurt a. M., das Wort. Redner erklärt in längeren Aus-

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