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Die Welt · 1898-06-10 · 23 (10.6.1898) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
23 (10.6.1898)
Article
[Ohne Titel] / B.
Date
1898-06-10
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Spekulationen, die außerhalb des Bereiches des Bankgeschäftes liegen, sind statutarisch ausgeschlossen, ebenso Ankauf von Immobilien und Darlehen gegen Hypothek. Die bedeutendsten Industrien der Rheinprovinz verdanken ihre Existenz und ihre Blüte zum nicht geringen Theile der Thätigkeit des A. Schaaffhausenschen Bankvereins, welcher diese Unternehmungen financierte oder sonst durch seine Capitalskrast unterstützte. Entsprechend dieser Wirksamkeit war auch der Gewinn der Bank ein stetig wachsender und kamen im Jahre 1890 bei einem Geschäftsgewinn von 6,873.999 G. 71/2%ige Dividende zur Verkeilung unter die Actionäre. Das Jnteresie, welches die Direction der Bank, ebenso wie der Aufsichtsrath der jüdischen Colonialbank entgegenbringt, möge für uns von segensreicher Vorbedeutung sein. B. M Chief-Kabbi Dr. Gastrr in Wien. Der Einzelverein „Wien" des Verbandes „Zion" hielt Samstag, den 4. Juni im „Kaiserhof" eine öffentliche Versammlung ab, die durch die Anwesenheit des Chief-Rabbis der portugiesisch-spaniolischen Gemeinde in London, Dr. Gaffer, einen überaus glänzenden Verlauf nahm. Dr. Gaffer war lange Jahre hindurch Profeffor der rumänischen Sprachen in Bukarest, vertrat im Jahre 1878 die romanischen Juden bei der Hauptversammlung der „Alliance" in Paris und gieng, als er ausgewiesen wurde, nach London. Seit zwanzig Jahren gehört er der zionistischen Partei an, er bestimmte selbst den Platz für die erste jüdische Colonie in Palästina, Samarin, und nicht am wenigsten muss es seiner Arbeit zugeschrieben werden, wenn die zionistische Bewegung in England so erstarren konnte, wie es tatsächlich der Fall ist. Der Vorsitzende stellte den Gast der Versammlung vor. Nachdem die Vorstädte bereits gewonnen, somit die Vorwerke genommen sind, sagte er, müffe man in das Herz der Festung selbst einzudringen suchen. Diese Versammlung soll eine Reihe von Abenden inaugurieren, die den Juden der inneren Stadt gewidmet sind. Auf seine Einladung nahm Dr. Gaster, stürmisch begrüßt, das Wort. Seine Rede wurde mit förmlichen Applaussalven ausgenommen. Er sprach kurz, denn er wollte nur die Discussion einleiten. Nicht, was Zionismus sei, wolle er sagen. Stur was ihm der Zionismus sei. Und er sagte es mit seiner tiefen, melodischen Stimme. „Für mich und für alle, die wie ich denken, ist der Zionismus das Erwachen der bisher gegen das Judenthum starren Herzen der Juden. Wir lernen Selbstachtung gewinnen, wir lernen unser Recht genau kennen und wir dringen darauf, dass wir nicht mehr geduldet werden, sondern dass wir ein Recht haben, unter den Völkern zu leben. Der Zionismus ist keine neue Erscheinung. Der Zionismus hat sich immer dann gezeigt, wenn das Volk allmählich zum Bewusstsein seiner Macht und Würde gelangte. Und wie denn nicht? Wie lange sollen wir denn noch so leben, ohne Heimat, ohne Rast, ohne Stätte, so dass mancher nicht weiß, wenn er bei Nacht sein Haupt niederlegt, wo er am nächsten Morgen nicht nur aufwachen, sondern auch weinen wird. Merkwürdig ist es ja, dass nur wir Juden ausgewiesen werden können aus den Ländern, wo wir wohnen und jeder andere mehr oder weniger seine Heimat hat. Nur für den Juden gibt es keine. Für ihn wird überall eine Ausnahme gemacht, gegen ihn versperren sich immer mehr und mehr alle Thore, nirgends wird er willkommen geheißen. Wenn wir uns nun ein Heim schaffen wollen, so richten sich unsere Blicke nach dem alten, heiligen, gelobten Lande, dem Lande unserer Väter, wo wir allein das moralische Recht haben, zu wohnen. Dort sind wir geboren, dorthin müssen wir wieder gelangen. Der Kreislauf unserer Wanderung muss einmal ein Ende erreichen und das Ende kann nur dann erreicht werden, wenn wir die Kette wieder geschloffen haben, wenn die Wanderung durch die ganze Welt uns wieder zurückführt ins Land, von welchem wir ausgegangen. Natürlich, es wäre mehr als ein Wunder, wenn eine Bewegung von dieser Bedeutung, von dieser Größe, die so mächtig hinaufstrebt, keine Feinde hätte. Es ist ja eine bekannte Thatsache, dass der Wurm picht an dem schlechten Obste nagt. Es ist das Beste und Edelste in der Welt, welches immer angefeindet wird, und insoweit ist der Zionismus von ungeheurer Tragweite, dass er zur vollständigen Klarheit innerhalb des Judenthums beiträgt. Wir werden auf einmal uns bewusst, dass wir nicht nur nach einer Heimstätte ringen, um dem Elend, das unsere Brüder moralisch, geistig und physisch bedrückt, ein Ende zu machen, sondern werden uns auch in unserem Innern klar, wie wir zueinander stehen. Das ist eine wichtige Erscheinung, die wir nicht unterschätzen dürfen, dass wir in unserer eigenen Mitte Klarheit schaffen, die uns auch zugleich den Weg zeigen wird, den wir zu gehen, die Klippen, die wir zu umschiffen, die Gegner, die wir zu gewinnen haben. Unsere Brüder dürfen über den Zionismus nicht zur Tagesordnung übergehen. Diese Bewegung wäre lächerlich, unscheinbar, wenn kein Mensch von geistiger Bedeutung sich des Zionismus annehmen würde. In dem Momente aber, wo Männer, die an der Spitze von Gemeinden stehen, Männer, deren Worte von Bedeutung sein sollen, Stellung zum Zionismus nehmen, in dem Momente ist diese Bewegung nicht bloß eine Thatsache, sondern auch eine Macht, nicht bloß eine Idee, sondern Belebung der Idee. Ich spreche hier nicht in meiner officiellen Stellung als Rabbiner. Bei uns Juden hat überhaupt jedes Mitglied genau dieselben Rechte in der Gemeinde, dieselbe religiöse Bedeutung. Für uns gibt es weder Papstthum, noch Priester, noch Abstractes, das dem Geistlichen bei der Ordination eine besondere geistige Macht oder Function verleiht. Wir sind alle Diener Gottes und Priester. So steht es in der Bibel, so wollen wir auch weiter leben. Die Männer, die an unserer Spitze stehen, haben ihre Würde durch ihre Bildung, durch ihren Geist. Das Gewand und der Mann haben für uns keine Bedeutung. Ja, es war in älterer Zeit, wo die Führer der Gemeinden gegen einander auftraten, wo Maimonides von den Führern der Gemeinden verketzert wurde — die Gemeinden haben sich aber darum nicht viel gekümmert. Mir kommt es fast wie ein wüster Traum vor, wenn ich sehe, dass Collegen im Amte Stellung gegen den Zionismus nehmen. Das ist mir absolut unbegreiflich. Ich habe alles, was gegen den Zionismus geschrieben worden ist, geradezu mit großer Andacht gelesen; ich wollte mich zur entgegengesetzten Ansicht bekehren lassen, ich wollte sehen, was vorgebracht werden könnte, was am Zionismus antireligiös, antijüdisch wäre. Wenn meine Collegen mit politischen und nationalen Phrasen kommen, wenn die Rabbiner sich zu Schutzherren der verschiedenen Nationalitäten aufwerfen, in deren Mitte sie leben, so muss ich mit Gladstone sagen: liarais off! Es geht Euch nichts an! Ihr seid nicht berufen, uns zu sagen, was wir sind! Ihr müsset uns sagen: was jüdisch ist, was nicht, was religiös ist, was nichtreligiös. Es gereicht mir zur großen Betrübnis und Kümmernis, wenn ich so rede — aber es ist eine schwere Verantwortlichkeit, die meine Collegen auf sich laden, wenn sie nicht als Zionswächter, sondern als Zionsächter Stellung genommen haben. Wir erwarten — und so habe ich es meiner Gemeinde und den Gemeinden, die mit uns in Verbindung stehen, gesagt — von Jahre vom Zeitpunkte der definitiven Gründung an gerechnet. Auch diese vierzig Percent sollen nicht auf einmal, sondern in noch zu bestimmenden Fristen einberufen werden. Der Zweck ist dabei, die Shareinhaberschaft auf eine populäre Grundlage zu stellen und die Erwerbung der Actien den breitesten Schichten zu ermöglichen. Die allmähliche Einberufung des Grundcapitals ist aber auch darum wünschenswert, weil die Bankverwaltung die nutzbringende Verwertung des Gesellschaftsvermögens auch nur allmählich einleiten kan».

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