Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 23 (10.6.1898)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1898-06-10
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 23 sie den großen Erfolg. Dieses beneidenswerte Los theilt Drumont mit den großen Lyrikern. Die kleinen Liedchen, die in aller Mnnde klingen, die „Perlen der Dichtkunst", sind zumeist verblüffend gedankenleer und doch! Die „Stimmung" macht es, die in ihnen ist, und auch Drumont ist so ein Stimmuvgslyriker. Sein Liedchen geht von Mund zu Mund, man braucht darüber nicht viel nachzudenken, und doch werden in jedem Herzen verwandte Saiten angeschlagen. Wenn diese „Stimmung" in Thaten umgesetzt wird, dann gibt es Judenmorde. Es sind Stimmungsmorde, die man im lyrischen Rausche ausführt, znm Unterschiede von jenen Morden, bei denen man klug und bedächtig vorgeht. Im Wiener „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" wurde jüngst den Mitgliedern eine freudige Nachricht mitgetheilt. Ein Redner hatte nämlich gefunden, dass der Antisemitismus in Wien dem wohlverdienten Grabe zuwanke, und diese Mitiheilung war geeignet, iu den Reihen der Mitglieder große Freude hervorzurufen. Die Freude ist auch insoferne sehr berechtigt, als sie gewiss von jedem getheilt werden wird, der nichts von den Erfolgen Drumonts oder den letzten Judenexcessen gehört hat. Der übrige spärliche Rest der Menschheit, der von Zeit zu Zeit ein Tagblatt in die Hand nimmt, wird freilich an den „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" die bescheidene Frage richten müssen: „Und Algier? Und Paris? Und Przemysl? Und Tluste? Und Kalwarya??"-Tatst eben das Fatale an der Sache. Die Seelenwanderung des antisemitischen Geistes. Heute haust er frisch und fröhlich in einem polnischen Dörfchen, morgen erlischt er dort und fährt in ein algerisches Dorf; nachdem er sich dort ausgelebt, schlüpft er in eine rumänische Stadt, von dort wandert er nach Persien aus rc. :c. Erfrischt von diesen Ausflügen kehrt er dann wieder zuriick. Die Ansicht des genannten Vereines wird übrigens von Herrn Hofrath Jacob Schipper, dem Vorsitzenden des Wiener Neuphilologentages, durchaus nicht getheilt. Der Herr Hofrath hat in einer Ansprache an Dr. Lueger seiner Zufriedenheit mit dem derzeitigen Wohlbefinden des Wiener Antisemitismus wärmstens Ausdruck verliehen und besonders darauf hingewiesen, wie unentbehrlich und empfehlenswert die antisemitisch: Weltanschauung für einen Neuphilologen sei. Eine nähere Erläuterung hat der Herr Hosrath nicht hinzugesügt. Es ist das offenbar eine feine Anspielung auf den Gegensatz, der zwischen den neuen und den alten Sprachen besteht. Da unter den letzteren das Hebräische einen hervorragenden Platz einnimmt, so findet es der Vorsitzende des Neuphilologentages für angezeigt, den alten Gegensatz endlich in eine ausgesprochene Feindschaft zu verwandeln. Wien ist ja dazu der geeignetste Platz. Das wäre der philologische Antisemitismus. Am schlimmsten kommen bei der genialen Kriegserklärung des Hosrathes Schipper die unschuldigen Gelehrten weg, die sich mit dem Altgriechischen, Römischen :c. beschäftigen. Die Unglücklichen sind jetzt durch ihr philologisches Zusammenleben mit dem Hebräischen zu ganz gewöhnlichen „Judenknechten" geworden. Die Protestklerisei hat sich wieder gerührt. In Deutschland haben 137 Rabbiner das unwiderstehliche Bedürfnis gefühlt, sich lächerlich zu machen, und so geschah es, dass sie sich zusammenthateu und sich an der Spree der Befriedigung ihres Bedürfnisses in der ausgiebigsten Weise Hingaben. Sie nanuteil das: „Erste ordentliche Generalversammlung des Verbandes der deutschen Rabbiner." ' Von mancher Seite wird behauptet, dass die Protestrabbiner mit der Erzielung ihres Heiterkeitserfolges jemandem gefährlich werden, jemandem schaden wollten. Dieses Gerücht entbehrt gewiss jeglicher thatsächlichen Unterlage. Wie wir die gutmüthige Natur dieser Seelsorger kennen, sind sie sicherlich mit dem gewöhnlichen, gesunden Heiterkeitserfolge vollauf zufrieden, und keiner von ihnen hat jemals danach gedürstet, dass das dankbare Publicum durch die excessive Methvde des „Krank-" oder „Todtlachens" sich irgendwelchen Schaden zufüge. * * In der Art und Weise, sich lächerlich xit machen, unterscheidet sich Hofrath Schipper äußerst vortheilhaft von den Protestrabbinern. Hofrath Schipper war nämlich Komiker aus dem Stegreif. Er wusste nicht wie und was, er begann zu sprechen, und ehe er sich'S versah, hatte er den Heiterkeitserfolg. Die Berliner humoristische Veranstaltung dagegen war von langer Hand vorbereitet, jeder Redner kam schon mit seinen fertigen Schlagern in der Tasche in's Versammlungslocal, und so fehlte der frische Hauch der Improvisation, der bei der Rede des Neuphilologen so wohlthuend wirkt. & Die jüdische Colonialdank. (Mittheilungen des Bankcomitös.) Alle Zuschriften und Anmeldungen sind an Herrn D. W o l f f s o hn, Köln a. Rh. zu richten. Das Eomittz hat die bereits angekündigte Bekanntmachung nunmehr fertiggestellt und an die Vertrauensmänner versendet. Aus dieser Bekanntmachung seien hier nur die Stellen hervorgehoben, welche sich auf den Zweck und den Sitz der Bank beziehen. „I. Zweck der Bank. Die jüdische Bank betreibt durch productive Unternehmungen, die eine ausreichende Verzinsung des Anlagecapitals garana) die wirtschaftliche Kräftigung und Fortentwicklung der in Palästina und Syrien gelegenen jüdischen Eolonien, Erwerb von Land zur Gründung neuer Ansiedelungen aus öffentlich-rechtlich gesicherter Grundlage, Entwicklung von Handel und Industrie jeder Art in den Eolonien, kaufmännische und finanzielle Organisation der Aus- und Einfuhr in den Eolonien, Ereditgewährung an die Ansiedler gegen Hypotheken, Grundschuldbriefe oder Pfandverschreibungen jeder Art, Gründung von Spare affen oder Bankfilialen in den Eolonien. b) Finanzgeschäfte und groß angelegte Unternehmungen jeder Art zur wirtschaftlichen Erschließung Syriens und Palästinas sowie ganz Borderasiens, insbesondere kommen in Betracht: Eisenbahnconcessionen, Bau von Hasenanlagen, Bergbau und Handelsmonopole. Man beabsichtigt in dieser Hinsicht die Wege zu beschreiten, welche bereits andere große Banken' mit Erfolg betreten haben. Durch diese Thätigkcit der Bank wird mitgearbeitet an der Kräftigung der Türkei, die eine Nothwendigkeir bildet für die gedeihliche Entwicklung der Eolonisativn. e) Förderung productiver Unternehmungen zur Hebung jüdischen Gewerbefleißes überall, wo dies eine sociale Nothwendigkeit ist und ein wirtschaftliches praktisches Bedürfnis dafür vorliegt. 6) Verwaltung des Nationalfonds und sonstiger Depositengelder. e) alle Bank- und Börsengeschäfte, mit den durch das Statut zu bestimmenden Ausnahmen. Eine ausführliche Darstellung des Zweckes bleibt dem zu erlaffenden Prospect des Emiffionsconsortiums Vorbehalten. II. Sitz der Bank. Der Eeutralsitz der Bank ist in London, um die nach dem englischen Bankgesetz mögliche Betheiligung mit geringen Antheilen a 1 pound Sterling (circa 20 Mark) zu sichern. Das Capital ist vorläufig auf zwei Millionen pds. Sterling (circa 40 Millionen Mark) festgesetzt, doch ist eine Erhöhung des Capitals erwünscht." Der in Aussicht genommene Einzahlungsmodus ist der folgende. Es sollen im ersten Jahre im ganzen nur fünfzig P e r c e n t des Grundcapitals einberufen werden. Nach der zehnpercentigeu Anzahlung also noch vierzig Percent im ersten