Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 23 (10.6.1898)
- Article
- Der zweite Baseler Congreß
- Date
- 1898-06-10
- Page
- 3 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr 22 Seite 3 Der zweite Baseler Congress. Auathema sit! Das Concil der Unfehlbaren von Cultusgemeindenvorstands Gnaden hat in Berlin den großen Bann ausgesprochen. Dem Zionismus ist ein schweres Leid widerfahren. Stettin an der Spitze, haben sich die großen Protestler Deutschlands entschlossen, das Berdammungsurtheil zu fällen, lind nicht einmal mildernde Umstände, auf die einer der Redner plaidiert hatte, ließen sie gelten. Wir wollen nicht frohlocken über die lächerliche Ungeschicklichkeit dieser Gegner. Wir sind ihnen dankbar, dass sie durch ihren geistlichen Hochmuth und ihre offenkundige Intoleranz sich selbst jeder Einwirkung auf die Juden begeben. Die Verhandlungen der Protestrabbiner ersparen uns den Streit mit ihnen. Wir acceptieren ihr Urtheil. Sie werden in kurzem auf dem zweiten Congreffe erkennen, wieviel sie uns genützt. Anathema sit! Basel hat bei der führenden Geistlichkeit kein Glück. Schon einmal ist von Basel eine Reformation angebahnt worden. Als vor circa fünfeinhalb Jahrhunderten an einem Svmmertage des Jahres 1431 eine der letzten großen Kirchenversammlungen eröffnet worden war, erregte sie bald das Missfallen des Papstes und seiner Diener. Unsere kleinen Päpstchen in Deutschland, die so gerne große Päpste würden, können Basel auch nicht leiden. Sie erinnern sich wohl, dass dort die Erasmus und Oecolampadius immer eine gastliche Stätte gefunden. Und sie wissen, dass man auch jetzt in Basel die Jnterdicte nicht fürchtet. In Basel wurde oft heiß um die Freiheit gestritten, und Basel hat gegen die bischöfliche Gewalt gesiegt. Deshalb haben-Dunkelmänner immer Basel nicht gerne gelitten, und ihre Diener und Schreibknechte es besudelt. Wir könnten schon heute eine neue Serie der „Epistolae obscurorum virorum“ erscheinen lassen. Die Beschlüsse der Berliner Protestler fänden darin einen schönen Platz. Und jetzt werden in der Baseler Versammlung nicht Kirchenväter sitzen, sondern Männer aus dem Volke, die das Vertrauen ihrer Brüder trägt, und welche wissen, an welch stolzem Baue sie mithelfen wollen. Und sie werden kaum ein kleines Lächeln für die Kärrner haben, welche als getreue Anhänger der Protestler ihre Arbeit stören wollen, indem sie nicht mitthun und gerne noch hindern möchten. Aber der Schiebkarrenstrike ist im Zeitalter der Maschinen nur komisch. Man kann auch ohne diese Kärrner fertig werden. Anders haben sich die traditionell-gesetzestreuen Rabbiner entschieden. Sie wollen die zionistische Bewegung studieren und sie in ihrem Verlaufe beobachten. Vielleicht werden sie ssnden, dass sie gut ist. Vielleicht auch nicht. Auch ihrer Entscheidung sieht der Zionismus ruhig entgegen. Sie können fördern, wenn sie mithelfen, sie können nicht schaden, wenn sie abseits stehen oder gar Gegner werden. Der Zionismus zählt unter seinen begeistertsten Anhängern auch hochgeachtete Rabbiner aller Länder. Auch das geistliche Element wird ihm also nie fehlen. Und das jüdische Volk wird selbst entscheiden, welche Rabbiner sein ganzes Vertrauen verdienen. Das jüdische Volk wird aber auch derer gedenken, die Unfrieden stiften und Zwietracht säen und dabei versichern, das Beste zu wollen. Weil sie ein Werk nicht begreifen können, so scheint es ihrer Ignoranz, als ob es überhaupt unbegreiflich und unausführbar wäre. Eine Versammlung von Juden, die offen erklärt, dass sie für Freiheit und Existenz aller Juden eintrete und eine gesetzliche Action im Großen plane, um ihnen zu helfen, dünkt ihnen ungeheuerlich. Auf Schmuggelwegen diese Juden nach und. nach in kleiner Anzahl, eventuell auch einzeln in ein anderes Land zu bringen, ist ihnen löblich und richtig. Und wenn sie die anderen für ihre kleinen Zwecke nicht haben können, dann verlachen sie und verleumden sie die großen und suchen ihnen zu schaden. Und das nennen sie praktisch. Wir treten diesen Kleinlichkeiten nicht feürdlich gegenüber. Wir finden sie eben zu klein. Und wir möchten in Frieden alle die kleinen Zwecke zu einem großen vereinigen, alle die Einzelactionen sammeln und sie mit dem großen Ganzen harmonisch verbinden. Dazu soll die Cooperation aller Praktischen dienen. Wir haben ihnen die Hand geboten. Und manche haben eingeschlagen. Vielleicht werden sie es über sich bringen und auch dem Großen, Ganzen gerecht werden. Das Entgegenkommen namentlich der englischen „Chowewe Zion" mag da als gutes Zeichen gelten. Den Unserigen aber ist es ernst um die Förderung des Congresses zu thun. Sie arbeiten allerorten, ruhig aber zähe. Dort, wo die Praktischen sich nicht genug thun konnten mit ihren Agitationen, in Galizien, wo die drückende Noch des Volkes guten Boden für ihre Bestrebungen zu bieten schien, weil der verzweifelte Mensch auch den Strohhalm brünstig umklammert, wenn es gilt, das Leben zn retten, wird am Ende dieses Monates in K v l o m e a eine Versammlung Delegierter der Zionisten Galiziens und der Bukowina tagen. Und ein Vertreter des Actionscomitös wird erklären, was es mit dem 2. Congress bezweckt, und warum es trotz aller Gegner beharrlich seinen Weg verfolgt. Das Actionscomit6 hat auch bereits ein Presscomitö gewählt. Die Presse der ganzen Welt soll durch Vertreter der größten Blätter den Verhandlungen des Congresses beiwohnen. Wir laden sie nicht als Freunde und nicht als Gegner. Wir wollen nur zeigen, dass alle Welt uns hören darf. Wir wollen öffentlich und rechtlich Vorgehen. Es gibt ja auch eine anständige Presse. Die wird uns unterstützen müssen, wie alles Wahre, alles Offene und alles Gerechte. Und die Herren des Presscomites, A o r k - S t e i n e r, Paul N a s ch a u e r und Dr. M. R o s e n t h a l werden dafür sorgen, dass auch die Presse am Zionistencongresse in Basel den gebürenden Platz und Antheil habe, wie ihn jeder haben kann, der ehrlichen Herzens zu uns kommt, um uns zu helfen oder zu rathen. Wien, 8. Juni 1898. „Nieder mit den Juden! Nieder mit Rothschild! Nieder mit Löpine!" so lautet die erste große Rede, die Drumont im französischen Parlamente gehalten hat. Der Redner fand begeisterten Beifall. Der Chorus der Gesinnungsgenossen recapitulierte sogar ein ganzes Drittel der Rede, und die Accorde des „Nieder mit den Juden!" rollten dröhnend durch den Sitzungssaal. Man hat Drumont gewaltig unterschätzt. Er ist kein Redner, hieß es, aus der Rednertribüne wird der Herausgeber der „Libre Parole" zur Null zusammenschrumpsen. Diese scharfsinnigen Combinationen hat Drumont schon durch seine erste Rede ad absurdum geführt. Er hat die rhetorische Feuerprobe glänzend bestanden. Ein Schönredner ist er nicht, er verachtet alles oratorische Beiwerk, die Zierrate und Schnörkel, aber er sagt kurz und bündig seine Meinung und hat einen Bombenerfolg, im Hause und außer dem Hause. Drumont dürfte sogar der beste Redner in der ftanzösischen Kammer sein. Er wird das beweisen. Niemals wird er um einen Zwischenruf verlegen sein, er wird immer mit bewunderungswürdiger Schlagfertigkeit Redestoff zur Verfügung haben, er wird niemals stecken bleiben und die Kunstpausen mit Hüsteln aussüllen, es wird ihm nie an kräftigen Argumenten fehlen, kurz und bündig, unter rauschendem Applaus, wird er immer seine Meinung sagen: „Nieder mit den Juden!" Es geht eine eigenthümliche, fast räthselhafte Wirkung von diesen wenigen Worten aus. Eine brutale Gedankenarmut steckt in ihnen, und doch — — ja, ebendeswegen, weil Drumonts Rede eine so gähnende Gedankenleere aufweist, hat