Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 23 (10.6.1898)
- Article
- Die Fremden und die Lords
- Date
- 1898-06-10
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Leite S Vir. 28 Salisbury nur einen Augenblick lang daran denken konnte, auf dieses Spinngewebe von hohlem Raisonnement eine so gewichtige Maßregel wie das Einwanderungsverbot zu gründen. Wo werden denn diese tausend Fremden unterstützt? Im Osten von London. Aus wessen Taschen? Aus denen der Steuerzahler im Osten von London. Wer sind die Steuerzahler im Osten von London? Die eingewanderten Arbeiter aus Polen und Russland. Von wem aber hat Lord Salisbury das Mandat, die besitzenden Juden gegen die armen Juden zu schützen? Nach dem Berichte der „Times" wurde die Rede, mit welcher der Ministerpräsident die Bill begründete, öfters vom Gelächter der Lords unterbrochen, nicht von dem Gelächter der andersdenkenden, sondern von dem der zustimmenden Lords. Man kann bei aller Anstrengung nichts in der Rede entdecken, was im entferntesten einem Witze ähnlich sehen könnte; worüber lachten die Lords? Es war das Gelächter der Eingeweihten dem Naiven gegenüber; das Volk von England bekommt eine Schauermär von der Belastung der Steuerträger durch Fremde zu hören, die Auguren im Oberhause aber lachen über den gelungenen Spass. Aufrichtiger als die Begründung Lord Salisbury's war die des Einbringers der Bill. Lord Hardwicke sagte es rund heraus: die eingewanderten polnischen und russischen Juden arbeiten im Vergleich mit ihren britischen Rivalen mehr und besser für geringeren Lohn. Da ist es wenigstens möglich, an den guten Glauben des Gesetzgebers zu glauben, wenn auch die Kundigen sehr genau wissen, dass die jüdischen Arbeiter niemals als Rivalen der Eingeborenen auftreten, sondern neue Industrien mitbringen oder schaffen. Das wurde von den anerkannten Autoritäten, wie z. B. von dem berühmten Nationalökonomen Charles Booth so oft nachgewiesen, dass es überflüssig ist, die Thatsache besonders zu betonen; das wurde übrigens auch von den liberalen Gegnern der Bill ausdrücklich erwähnt. Aber weder diese noch tausend andere Thatsachen hätten die Lords von der Einbringung der Bill abzuhalten vermocht. Das conservative Cabinet bedurfte einer populären Maßregel, um wieder einigen Halt im Lande zu gewinnen — da griff der gelehrte Lord Salisbury, der gewiss die Geschichte der Juden in der Zerstreuung sehr gut kennt, zu dem sichersten Mittel: eine judenfeindliche Maßregel macht den Urheber immer populär, auch in England und am Ende des gepriesenen Jahrhunderts. Es ist jammerschade, dass der Bericht über die Abstimmung im Hause der Lords die Für und Wider nicht namentlich anführt. Wie haben die Peers englischer Nation und mosaischer Confeffion, Lord Pirbright und Lord Rothschild, gestimmt? Lord Pirbright, ehemals Baron de Worms unangenehmen Angedenkens, hat seinen Peersrang der treuen Gefolgschaft zu danken, die er Lord Salisbury und der conservativen Sache geleistet hat — wie denkt er über die Bill, welche seinen verfolgten Stammesgenossen aus dem Osten den rettenden Hafen verschließt? Als Lord Pirbright noch simpler Baron de Worms war, hatte er einen gewissen Einfluss auf den englischen Premier; hat er jetzt, als Peer von England, jenen Einfluss verloren oder hat er kein Bedürfnis, ihn zu Gunsten seiner verfolgten Stammesgenossen geltend zu machen? Allerlei Vorgänge innerhalb der Londoner Gemeinde, der und jener Ausspruch aus berufenem Munde lässt vermuthen, dass die unwahrscheinliche Annahme die richtige ist. Die englischen Juden Adler'scher Observanz werden erleichtert aufathmen, wenn die schmähliche Bill Lord Salisburys Gesetzeskraft erlangt. Mit der Kurzsichtigkeit, die alle Angelsachsen mosaischer Confeffion auszeichnet, vom Oberrabbiner Dr. Adler angefangen bis zum letzten russischen Hausierer, der im Schmutze von Manchester ein paar Groschen erworben hat, werden diese Leute das Einwanderungsverbot als eine Wohlthat für die in England bereits ansässigen Juden begrüßen. „Mögen die armen, ruhelosen Flüchtlinge sehen, wie sie Unterkommen — uns, die wir Engländer auf englischem Boden geworden sind, sind sie eine arge Last, denn sie erinnern an unseren eigenen Ursprung und geben zu dem Aberglauben Veranlassung, der Jude in England sei ein fremdes, dem angelsächsischen Blute nicht ganz assimiliertes Element." Die englischen Juden von der Stellung und dem Einflüsse eines Lord Pirbright haben sich eine glänzende Gelegenheit entgehen lassen. Jetzt wie niemals vorher war der Moment, um zu zeigen, dass sie die Daseinsberechtigung Israels unter den Völkern verstehen, jetzt war die Zeit, den edlen Lords und aller Welt zu sagen, welch eine Sünde, mehr! welch ein Fehler es ist, einer Handvoll arbeitsuchender, man möchte sagen, arbeitssüchtiger Juden die Thüre zu weisen. Lord Pirbright und seine Collegen im Oberhause raisonnierten offenbar ungefähr so: „Bis jetzt haben wir aus Gnade und Menschenliebe den armen Juden, die Russland nicht haben wollte, die Thüre geöffnet; nun aber können wir uns diesen Luxus der Humanität den Fremden gegenüber nicht länger gestatten, weil unsere eigenen Proletarier mehr Ellbogenraum brauchen. Da die Wohlthätigkeit bei sich anfängt, so erklären wir, den russischen Juden gegenüber keine Gnade mehr üben zu können und weisen sie zurück." Die Behauptung, dass England oder irgend ein anderer Staat zu irgend einer Periode der Geschichte den Juden aus Gnade die Thore geöffnet habe, ist eine Lüge, eine gefährliche, offenkundige, schreiende Lüge, fast so ungeheuerlich wie die Lüge von der modernen Humanität. Wer die jüdische Geschichte kennt, der weiß es: wir haben nie einen Bissen Brot, nie einen Tropfen Wasser umsonst aus den Händen der Völker empfangen, wir haben jede Art von Gastfreundschaft, auch die Russlands, mit unserem Schweiße, mit unserem Blute bezahlt. Wer ist heute so naiv zu glauben, dass wir jemals aus Gnade geduldet wurden? Wo immer Juden leben, sind sie eine Nothwendigkeit, einmal für das ganze Volk, einmal für einzelne Classen, in traurigen Zeiten für einzelne Individuen. Die ganze Geschichte unseres Volkes ließe sich aus diesem Gesichtspunkte schreiben. Ueberall, wo schwerfällige Rassen das dunkle Bedürfnis empfanden, sich aus einem niederen Culturzustande zu einem höheren zu erheben, überall, wo eine Nation darauf lossteuerte, außer den Werten, welche die Natur schenkt, neue Werte der menschlichen Arbeit zu schaffen und zwischen Beiden ein richtiges Verhältnis herzustellen, überall dort waren wir als Lehrmeister und Bahnbrecher willkommen. In den barbarischen Jahrhunderten wie in der neueren Zeit haben uns die Nationen gerufen und sie haben bei ihrer „Gastfreundschaft" ihre Rechnung gefunden. Wie die Slaven im Mittelalter, so haben Holland und die Türkei im sechzehnten, England im achtzehnten, Amerika im neunzehnten Jahrhundert jüdische Arbeit und jüdischen Unternehmungsgeist gerufen, nicht aus Gnade geduldet, und in unseren Tagen, jetzt, da der undankbare Osten seine Juden vertreibt und der Westen sie vor die Thüre weist, eben jetzt ruft Mexico unter allen möglichen Versprechungen Juden in das von Natur so reich ausgestattete, von den Menschen so arg vernachlässigte Land. Wir sind nicht das, wozu uns die Fremdenbill des Lords machen will, Bettler, die an die Menschlichkeit der Völker appellieren, sondern Arbeiter, die mit hohen, mit wucherisch hohen Zinsen den leihweise, auf kurze Fristen leihweise überlassenen Boden bezahlen. Noch ist die Fremdenbill nicht zum Gesetze gewordennoch hat Lord Pirbright Gelegenheit, Lord Salisbury das Thörichte seiner kleinlichen, unwürdigen, verhängnisvollen Judenpolitik zu zeigen. &