Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 23 (10.6.1898)
- Date
- 1898-06-10
- Page
- None (sequence 1)
- Language
- German
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Lord Salisbury, der als Minister des Aeußeren während der letzten zehn Monate eine Niederlage nach der andern erlitt, ist jetzt nahe daran, auf dem Gebiete der inneren Politik einen glorreichen Sieg zu erringen — über polnische und russische Juden. Die Popularität Salisbury's, die nie sonderlich groß war, ist nach den Misserfolgen in Europa, Asien und Afrika auf Null herabgesunken; die eigenen Parteigenossen des Ministerpräsidenten sind nicht wenig ungehalten über die Seelenruhe, mit welcher der angebliche Jünger Disraeli's zusieht, wie der englische Einsiuss in Constantinopel tagtäglich an Bedeutung verliert, wie Russland eine chinesische Provinz ohne Schwertstreich gewinnt und seine Posten bis hart an die Thore Pekings varschiebt, wie Deutschland die zugestandenermaßen beste und militärisch wichtigste Bucht Ostasiens besetzt, wie Frankreich energische Schritte thut, um den großen Plan eines ganz Westafrika umspannenden, vom alten Karthago bis zur Mündung des Congo reichenden französischen Colonialbesitzes zu verwirklichen; sogar die Leibjournale der herrschenden Partei, „Times" und „Standard", sehen sich gezwungen, dem Missvergnügen des ganzen Landes über die unbegreistich mattherzige, ziellose Politik Lord Salisbury's Ausdruck zu geben. Die conservative Regierung, mit anderen Worten die herrschende Plutokratie — denn trotz einzelner Ausnahmen gehören die Besitzenden alle zur conservativen Partei — war durch die Missgriffe ihres Führers in Gefahr, das Vertrauen der britischen Wähler zu verlieren. Jetzt ist diese Gefahr mit einem Schlage beseitigt; das hat Lord Salisbury mit seinem Siege im Oberhause besorgt. Ein Graf Hcrrdwicke gab sich dazu her, die von Lord Salisbury bereits im Jahre 1894vorgeschlagene Bill, welche die Einwanderung armer Juden aus Russland und Polen verhindern sollte, neuerdings einzubringen, und das Einwanderungsverbot wurde mit erdrückender Majorität von den geborenen Führern beschlossen. Freilich stimmten von 81 Anwesenden 19 gegen die Bill, freilich sprachen Lord Herschell und Lord Monkwell im Flamen der liberalen Partei gegen die Maßregel, aber wie lendenlahm war dieser Einwurf gegen ein Gesetz, welches einen tiefeinschneidenden Bruch mit der englischen Ueberlieferung der letzten dreihundert Jahre bedeutet, welches im Widerspruche steht nicht nur mit allen Grundsätzen der Menschlichkeit, sondern mit allen Erfahrungen, welche gerade England mit seiner eingewanderten jüdischen Bevölkerung gemacht hat! Es war in der Thal ein billiger Sieg, den die Lords über die armen Flüchtlinge aus Polen und Russland erwarben, und die Geschichte, vielleicht schon die nächste Zukunft, wird die neueste Maßregel der geborenen Gesetzgeber in ihrer richtigen Beleuchtung zeigen. „Das einzige Land, in welchem wirkliche Freiheit herrscht" —so nennen die Engländer gerne ihre glückliche Insel; nun denn, dieses Land der Freiheit kann sich rühmen, einen Record in der Judennoth geschaffen zu haben. Das Einwanderungsverbot Lord Salisbury's ist ein Unicum in der Geschichte Israels unter den Völkern sowohl durch die Natur derer, welche das Verbot ins Leben riesen, wie durch die Art derer, gegen welche es gerichtet ist. Englische Lords, die keine Ahnung davon haben, was Arbeit bedeutet, machen es flüchtigen Juden unmöglich, durch schwere ehrliche Arbeit einen Bissen Brot zu verdienen! Das ist das Neue, das Unfassbare an der neuesten gesetzgeberischen Leistung der Lords, dass sie sich keines Vorwandes bedient, wie ihn sonst judenfeindliche Maßregeln gebrauchen, sondern die nackte, brutale Wahrheit bekennt: „Die jüdischen Einwanderer aus Polen und Russland sind weder Faulenzer noch Verbrecher, nein, sie sind rastlose Arbeiter und anspruchslos bis zum Erbarmen, aber gerade deswegen können wir sie nicht brauchen". Das freie, von Gottesfurcht und Menschenliebe triefende England hielt es für überflüssig, den armen Juden gegenüber auch nur einen Schein von Berechtigung für seine Maßregel zu wahren. Welche Beweggründe haben Lord Salisbury bestimmt, den armen Schneidern, Schustern und Kürschnern aus Polen und Russland die Thüre vor der Nase zuzuschlagen? Wir wollen uns dazu zwingen, an die Wahrheitsliebe des alten Diplomaten zu glauben und wollen hören, wie er seine Abneigung gegen die Aermsten begründet. Er findet, dass im Jahre 1897 gegen Tausend mittellose Fremde im Osten von London von den Armencassen, also aus den Taschen der britischen Steuerträger unterstützt wurden, und er sieht nicht ein, wie der ohnedies so schwer belastete britische Steuerträger dazukomme, fremde Arme zu unterstützen. Welch entsetzlicher Gedanke! Gegen tausend Fremde wurden im Laufe eines Jahres aus öffentlichen Mitteln unterstützt! Es ist sehr schwer daran zu glauben, dass Lord