Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 22 (3.6.1898)
- Article
- Die russische Handelsflotte judenrein [Nachricht] / A. W-f.
- Date
- 1898-06-03
- Page
- 8 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 Nr 22 Die russische Handelsflotte judenrein. Die Commission, die zur Ausarbeitung eines neuen Handelsmarincstatutes unlängst eingesetzt wurde, unterzog auch, wie es ja bei allen solchen Anlässen in Russland fast ein Naturgesetz ist, die Frage der Zulassung von Juden zur Besetzung von Schiffscapitän- und Steuermannsposten einer näheren Besprechung, und viele Commissionsmitglieder verlangten die Aufnahme einer Bestimmung in das Statut, nach der die Ausübung des Marinedienstes den Juden untersagt werde. Jetzt wird in der russischen Presse berichtet, dass die Juden in die neu zu errichtende Schule für die Handelsmarine keine 'Ausnahme finden sollen. A. W—f. Der Jud' hat s gestohlen. Der „Wiener Allg. Ztg." wurde kürzlich geschrieben: „Ich warheuteZeugefolgendenVorsalles, der charakteristisch ist für den Geist, welcher jetzt in unserer lieben Stadt herrscht. Ich fuhr in einem ziemlich dicht besetzten Tramwaywagen. In dem Wagen saß auch eine Dame, neben welcher ein siebenjähriger Junge Platz genommen hatte. Als. der Couducteur von der Dame das Fahrgeld einheben wollte, bemerkt diese, dass ihr das Portemonnaie aus der Tasche gezogen worden war. In die Discufsion, die sich hierüber entspann, mischte sich plötzlich der kleine Sitznachbar der bestohlenen Dame und rief: „Ich hab's nicht g'nommen!" Daraufhin fiel natürlich der Verdacht sofort auf den Kleinen, der Conducteur untersuchte seine Taschen — man fand nichts bei ihm. Durch das negative Refultat der Untersuchung kühn gemacht meldet sich der Kleine zum zweitenmale und erzählt: Der Jud', der früher neben der Dame gesessen sei, habe ihr das Börsel gezogen. Der Conducteur, der sich in der ganzen Affaire sehr corrcct benahm, untersuchte hierauf den Jungen zum zweitenmale. Das Resultat war diesesmal ein besseres. Unter dem Kappel, das der Kleine auf dem Kopfe hatte, fand man die vermisste Börse." Wir unterdrücken die Schlussfolgerungen, die der Schreiber vorstehender Zeilen aus dem Vorfälle, dessen Zeuge er war, zieht, und beschränken uns lediglich auf die Schilderung des Vorfalles. Der siebenjährige Dieb hatte Pech. Er ist zwar fleißig in die Schule der Alten gegangen, aber — die Erwachsenen, von denen er den Ruf „Der Jud' hat's genommen!" erlernt hat, lassen sich eben nicht so leicht ihr Kappel vom Kopfe reißen." Einbrüche in Gotteshäuser. Eine organisierte Einbrecherbaude treibt gegenwärtig ihr Unwesen im Bacser Comi-. tat. Vorige Woche wurde die Bajaer Synagoge ausgeplündert und diese Woche haben die Einbrecher in der Zamborer, O-Kanizsaer und O-Becseer Synagoge große Diebstähle verübt. Die Gendarmerie fahndet nach den Verbrechern. Judenexcesse Die Tuchfirma Spitzer und Bittner in Humpoletz meldete vor einigen Tagen Concurs an. Gleich nach dem Bekanntwerden des Falliments wurden in einzelnen Straßen Flugschriften gegen die Juden verbreitet. Infolge dessen begab sich eine Deputation der Humpoletzer isr. Gemeinde zu dem Bürgermeister. Dieser aber erklärte für die Aufrechterhaltung der Ruhe nicht bürgen zu können. Er übergab der Deputation einen Brief an den Bezirkshauptmann in Deutsch-Brod, der 32 Gendarmen ans der Umgebung nach Humpoletz dirigierte. Sie durchstreiften die Straßen und bewachten insbesondere das Erablissement der falliten Firma. Nichtsdestoweniger wurden nachts bei einem jüdischen Kaufmann sämmtliche Fenster eingeschlagen. <?!» gefährdetes Bethaus Bei dem Unwetter, das am 1. Juni über Wien niedergieng, und große Zerstörungen verursachte, kam auch ein Bethaus in Gefahr. Um 6 Uhr abends wurde die Berufsfeuerwehr-Filiale Hernals zu dem Hernalser Hauptstraße Rr. 86 befindlichen israelitischen Bethans gerufen, da der im Souterrain befindliche Betsaal, in welchem gerade Kindern Unterricht ertheilt wurde, vom Wasser überschwemmt worden war. Nur mit Mühe konnten sich die Kinder, unter welchen eine Panique ausgebrochen war, retten, bis auf zwei, einen zehnjährigen und einen siebenjährigen Knaben. Als die Feuerwehr ankam, standen die beiden Knaben schon tief im Wasser und wurden durch den Feuerwehrmann Franz Radler aus der gefährlichen Situation gerettet. Die Stühle und Pulte schwammen im Saale herum. Auch der fiinfzigjährige Bethausdiener befand sich in Lebensgefahr und wurde gleichfalls durch die Feuerwehr gerettet. Ueber Vorbereitungen zum Empfange des Kaisers in Palästina schreibt man der „Nat.-Ztg." aus Jaffa, 15. Mai: „Zuverlässigen Mittheilungen nach wurde der Bali von Beirut vom Sultan angewiesen, in Haifa Vorbereitungen zum Empfange des Deutschen Kaisers zu treffen, da derselbe nicht in Jaffa, sondern in der Bucht von Acca, und zwar bei Haifa, landen werde. Demzufolge hat auch sofort der Pascha von Acca persönlich mit dem deutschen Biceconsul Keller in Haifa den Platz zur Errichtung eines neuen Landungsstegs ausgewählt, welcher mit erheblichen Kosten direct unterhalb der deutschen Colonie erbaut werden soll. Fernere Weisungen betreffen die Verbesserung des Weges von Haifa nach Nazareth, Djennin Nablus bis Jerusalem. Eine türkische Flotte von neun Kriegsschiffen soll den Kaiser nach der Rückkehr aus Jerusalem nach Constantinopel begleiten, auch sollen 12.000 Mann neubekleideter Truppen zu Ehren der kaiserlichen Gastes in Haifa zusammengezogen werden." Gladstone und die Juden. Der „B.-B.-C." schreibt: William E. Gladstone war, was bei seinem politischen Liberalismus und seinem ausgeprägten Hnmanitäts- und Gerechtigkeitssinn ja natürlich ist, ein Feind aller religiösen Unduldsamkeit. Dennoch verdient es aber besonders hervorgehoben zu werden, dass der Verstorbene schon im Beginn seiner politischen Thätigkeit, von dem ersten Tage an, wo er dem Hause der Gemeinen angehörte, mit aller Entschiedenheit für die Gleichberechtigung der Inden als Staatsbürger in England eingetretcn ist und sich später gegen jede Bedrückung der Juden in anderen Ländern, gegen jede Beschränkung ihrer Rechte ausgesprochen hat. Tie Gleichberechtigung der Juden in England ist hauptsächlich den Bestrebungen Gladstones und des im vorigen Jahre verstorbenen Advocaten Francis Goldsmid, mit welchem der große Staatsmann bis an dessen Lebensende in inniger Freundschaft verbunden war, zu danken. Die Bedrückung der Juden in Rumänien, ihre Verfolgungen in Russland hat Gladstone ebensosehr verabscheut, wie bekämpft. Unvergeffen ist noch seine auf dem großen Meeting für die russischen Juden im Jahre 1882 im Mansion House gehaltene Rede, in der er seiner tiefen Empörung über die russische:! Judenverfolgungen Ausdruck gab, sowie die Worte, die er im Jahre 1890 zu seinem Freunde Ignaz von Döllinger sprach: „Tie Unterdrückungen der Juden in den letzren Jahren haben Europa mehr entehrt, als die Leiden Irlands England 'entehren." Tie Vorstellungen der „Auglo Jewish Association"" fanden bei Gladstone, so oft er an der Spitzedes Staates stand, stets geneigtes Gehör, und noch im vergangenen Herbste wurde, als neue Gewaltthätigkeiten gegen die Juden in Persien vorkamen, von einigen jüdischen Notabeln Londons i:n Aufträge der „Auglo Jewish Association" Gladstone's Fürsprache angerufen, nm das englische Auswärtige Amt zum Einschreiten zu bewegen. Ueber das Einwandernngsverbot in England berichtet unser englischer Correspondent ausführlich auf einer anderen Stelle. Hier wollen wir nur noch — nach der „Times" — das statistische Material nachtragen, auf das sich im Laufe der Discussion im Oberhause die Antragsteller, die Redner und Premierminister Lord Salisbury stützten. Der Antragsteller Lord Hardricke erinnerte den Premier an die schon im Jahre 1894 von ihm vorgeschlagene Alien-Bill. Dieselbe sei jetzt noch viel dringender. Das ergebe sich aus dem Vergleich der Einwanderungsziffern. Es sind eingewandert: In der ersten Hälfte des Jahres 1894 . . 19.400 Pers. „ den „ vier Monaten des Jahres 1897 13.645 „ „ „ „ „ ., „ „ 1898 14.592 „ Somit sind monatlich eingewandert: 1894 3200, 1898 3800 Personen. Earl of D u d l ey gibt weitere Daten an, die sich lediglich auf die Einwanderung aus Polen und Russland beziehen. Aus diesen Ländern sind eingewandert; Im Jahre 1894 7500, 1895 10.200, 1896 12.800, 1897 14.800 Personen.