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Die Welt · 1898-06-03 · 22 (3.6.1898) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
22 (3.6.1898)
Article
Das beredte Schweigen
Date
1898-06-03
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 22 JTläSWdC dem das Streberthum die Triebfeder des politischen Glaubensbekenntnisses ist. Es ist daher auch nicht zu verwundern, dass i'. Stojalowski so oft politischer Proselyt wurde und dass er seinem demagogischen Treiben immer jene Richtung gab, welche dem Calcul des persönlichen Vortheiles entsprach. Er begann als Demokrat, hiebei die regsten Beziehungen zu Juden unterhaltend, um als Antisemit zu enden. Das politische Conterfei Stojalvwskis ist also dem anderer antisemitischer Führer frappant ähnlich. Charakteristisch bleibt aber der Umstand, dass Stojalowski erst dann den Ton auf das christlich-sociale Programm legte, als er sich mit Rom, der Regierung und dem Polenclub ausgesöhnt hatte. Die Judenfeindlichkeit scheint also den Polenclub nicht nur nicht zu genieren, sondern ihm auch sympathisch zu sein. Und nun, da ich mich mit denk Antisemitismus in Galizien und dem Verhalten des Polenclubs zu demselben beschäftigte, kann ich nicht umhin, auch der traurigen Rolle der jüdischen Abgeordneten aus der Pvlenbank zu gedenken. Sie glauben, ihr Affimilationswssen soweit treiben zu müssen, dass sie nahe daran sind, selbst das zu werden, was die übrigen Mitglieder des Polenclubs sind, die sich durch das Lesen des „6kos noradua und der „Dziennik polskiu Hervorthun. In der letzten Zeit ist in mehreren Zeitschriften wiederholt die Frage ausgetaucht, ob sie es nicht an der Zeit hielten zu der von mächtigen Factoren unterstützten Verbreitung der Judenhetze und der Voycotts in Galizien energisch Stellung zu nehmen? Diese Frage kann nicht als individualistische Auffassung abgethan werden, denn sie schwebt der gesammtcn jüdischen Bevölkerung auf den Lippen. Indessen ist die Antwort nicht erfolgt. Die Herren "Abgeordneten schweigen! Kann es eine beredtere Sprache geben als dieses beharrliche, sich selbst richtende Schweigen? Für dieses Schweigen — mit den Lippen und den Thaten — können nur zwei Motive geltend gemacht werden: Böswilligkeit oder Indolenz! Doch ist das eine nicht minder verdammenswert als das andere. Wenn man glaubt, es gebe noch einen Grund, nämlich den, dass sie ihre Mandate denc Polenclub verdanken, dann kann die Erbärmlichkeit dieses Motivs nicht genug hervorgehoben werden. Wenn nur die leiseste Aussicht aui Erfolg vorhanden wäre, würde man nirgends die Wahl eines Juden empfehlen. Da es aber nicht anders geht, giebt man sich Mühe, einen „verlässlichen" Juden wählen zu lassen. Es ist aber auch möglich, dass die jüdisch-galizischen Abgeordneten die Laune des Herrn v. Jaworski fürchten, dem es einsallen könnte, mit dem Prinzen Liechtenstein einen verhängnisvollen Cognac zu trinken. Ja, dann würde auch die nnterthänigste Kriecherei, die peinlichste Leisetreterei nichts nützen. Mit einer demüthigen Rede bei einem Bankette wird weder der Abgeordnete Rappaport noch sonst einer der Herren etwas erreichen. Damit werden sie auch ihre Wähler nicht captivieren, woraus ja alle derartigen vorsichtigen Enunciationen berechnet sind. Im gegebenen Falle für das bedrohte Judenthum einzutreten, ist die verfluchte Pflicht und Schuldigkeit der jüdisch-polnischen Abgeordneten. Dass sie aber dieser Pflicht auch gerecht werden, das kann selbst der von ihnen bezahlte Tross nicht zu behaupten wagen. Es muss zugegeben werden, dass die jüdischen Abgeordneten aus Galizien sich oft in einer nicht sonderlich beneidenswerten Lage befinden, dass sie oft in ein Dilemma gerathen, wo das Gewissen und die Pflicht mit der konventionellen Schwächlichkeit kämpfen. Die letztere trägt jedoch leider immer den Sieg davon, da die Herren immer eine Beschönigung für ihre Handlungsweise oder bester für ihre Unthätigkeit zu finden wissen. So ist die Coalition des Polenclubs mit der Stojakowski- Grnppe vor sich gegangen, ohne dass dagegen von den jüdischen Abgeordneten ein Protest erhoben worden wäre. Der großen Idee des Slaventhums zu Liebe! Wie werden sie sich aber verhalten, wenn einmal — was in absehbarer Zeit geschieht — die Fusion dieser beiden Parteien aus die Tagesordnung kommt? Es ist weiters eine verfängliche Frage, welche Stellung sie zu deui von der Majorität vorbereiteten Anträge auf Einführung der consessionellen Schule nehmen werden? Sie werden sich wohl die Erlaubnis erwirken, sich bei der Abstimmung absentieren zu dürfen. In Angelegenheit der Zurücksetzung jüdischer Staatsangehöriger in Galizien haben sie nicht nur keine Interpellation selbständig eingebracht, sondern sogar zu einer solchen dem Abg. Daszynski und Dr. Straucher ihre Unterschriften verweigert. Das ist eine Taktik, welche einem Mangel an Mannesmuth, einer Gleichgiltigkeit und Stumpffinnigkeit entspringt, welche ebenso verächtlich als lächerlich ist. Als Dr. Straucher im Politischen Bvlksvereine sagte, dass „unsere jüdischen Abgeordneten aus Galizien es nicht verdienen, in die Volksvertretung entsendet zu werden", da hat er der Meinung tausender Juden Ausdruck gegeben. Das ist die Folge einer verfehlten Politik, die Folge eines consequenten, jedoch allzu beredten Schweigens, welches die jüdischen Wähler Galiziens trotz aller Wahlmanöver bei nächster Gelegenheit gebürend beantworten werden. & Wach Schluss des Mattes.) Die jüdische Colonialdank. Köln, 1. Juni. (Telegramm.) Außer meinem Bericht über den Einlauf bis Montag habe ich noch über günstige Nachrichten besonders aus Russland und Rumänien zu berichten. Erfreulich ist es, dass auch nichtzionistische Kreise sich bei der Subscription betheiligen. Eine Statistik lässt sich noch nicht veröffentlichen. Die Nachrichten werden täglich überholt. Verhandlungen mit Financiers des Bankconsortiums haben begonnen, vorläufig nimmt der A. Schaaffhausen'sche Bankverein Anzahlungen aus allen Ländern entgegen. W. Braila, 2. Juni. (Telegramm.) Bis heute sind achttausend- Shares der Colonialbank gezeichnet und angezahlt. Wir setzen die Subscription fort. E. p PopulSr-wiffeuschastlichk Rundschau. Die Ausführung des Zeppelin fchen Luftschiffes soll nunmehr definitiv gesichert sein. Am 9. Mai hat in Stuttgart die Konstituierung einer „Actiengesellschaft zur Förderung der Luflschiffahrt" stattgefunden, die auf der Basts eines bereits gezeichneten Grundcapitals von 800.000 Mark zunächst die Verwirklichung des Zeppelinischen Projectes in die Hand nehmen wird. Die verhältnismäßig günstigen Ergebnisse, welche die Versuche mit dem Schwarz'schen. Aluminiumschiff aus dem Tempelhoser Felde bei Berlin bei der königlichen Luftschiperabtheilung im "November v. I. zeitigten, haben dem Project des Grafen von Zeppelin zur wesentlichen Förderung gedient. Ein Aufruf der einerseits auf diese Ergebnisse, andererseits auf die gegenüber dem Schrvarz'schen Luftschiff nicht zu verkennenden Vorzüge des Zer pelinstchen Projectes hinwies, hatte zur Folge, dass eine Anzahl hervorragender deutscher Industrieller für das Unternehmen interessiert wurde und dem Plan einer für dasselbe zu gründenden Actiengesellschaft beitrat. Das erste Zeppelin'sche Luftfahrzeug wird so bald wie möglich gebaut werden, die ersten Versuchsfahrten sollen auf dem Bodensee und, um ganz gefahrlos zu bleiben, in mäßiger Höhe über dem Wasserspiegel stattfmden. Maschine zur directen Gewinnung von Getreide unandere» Pflanzentheile». Zwei alte römische Geschichtsschreiber (Plinius der Aeltere und Palladius) haben uns die Beschreibung einer Art von Wagen hinterlassen, deffen die Gallier sich bedienten, um das Getreidekorn direct von dem Halm zu ernten. Den Zweck der unmittelbaren Aehren- und Korngewinnung verfolgt nun eine von dem Franzosen I. Barthe in Easianet, Departement Haulc- Garonne, construierte Maschine, die das neue Princip verwertet, die Aehren nicht abzumähen, sondern abzupflücken und zugleich theilweise ihrer Körner zu berauben, und pe selbstverständlich auch zur Gewinnung anderer Pflanzenproducte, Beeren, Blüten (Hopsen >, Blätter, verwendet werden kann. Das wesentliche Organ dieser Maschine besteht aus um eine Achse angeordneten trogarligen Behältern, deren Vorderseiten mit verstellbaren Kämmen oder Rechen versehen stnd, und die bei der Achsendrehung wie die Eimerkette eines Baggers auf die Pflanzen wirkt. Dieses rotierende Greiforgan ist seitlich auf einem Wagen angebracht und wird durch die Zugthiere, welche dieses Fuhrwerk ziehen, vermittelst einer Zahnradübertragung in Drehung versetzt. Die Schnelligkeit seiner Bewegung ist so berechnet und reguliert, dass die Halme alle ergriffen, gekämmt und ihres Korns entledigt werden in dem Verhältnis, w'ie das Fuhrwerk auf dem Rande der zu erntenden

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