Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 22 (3.6.1898)
- Article
- [Nachricht]
- Date
- 1898-06-03
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22 jtoQWC Seite 5 der Shares. Alle diese Beträge werden beim A. Schaaffhausenschen Bankverein deponiert. Es ist wünschenswert, dass die bestehenden Zionsvereine der Banksubscription ihre ganze Aufmerksamkeit zuwenden und sich entsprechend bethätigen. Die Vereine erhalten auf Wunsch von Köln die Bekanntmachungen und Drucksorten. An das Bankcomite sind mehrfache Anfragen gekommen, ob die Actien der Jüdischen Colonialbank Dividenden erhalten werden. Diese Frage ist selbstverständlich zu bejahen. Die Bank hat ein rein geschäftliches Unternehmen zu sein. Die Größe der Dividenden wird sich natürlich nach den Geschäftsergebnissen richten. Es ist die Errichtung von Zweigniederlassungen an den wichtigsten Punkten des jüdischen Geschäftsverkehres beabsichtigt, so dass die Colonialbank, ganz abgesehen von ihren weiteren Zielen, befruchtend auf die Erwerbsverhältnisse der jetzt überall auch wirtschaftlich bedrängten Volksgenossen cinzuwirken berufen erscheint. Unter solchen Umständen und bei der Popularität, deren sich das Unternehmen schon seit dem ersten Aufruf unverkennbar erfreut, ist zu vermuthen, dass die Bank bald ein angesehener Factor im jüdischen Berkehrsleben sein wird. Ein merkwürdiges Beispiel hiefür ist in gewissem Sinne die vor Kurzem ins Leben gerufene russische Gesellschaft für Palästinaweine. Die Subscribenten hatten gemeint, ihre Beiträge a fonds perdu zu geben und wurden beim ersten Geschäftsausweis durch eine vierzehnpercentige Dividende überrascht. Andere Anftagen beziehen sich darauf, in welchen Raten die Ergänzung der Einzahlungen zu leisten fein wird und wann die letzte Einzahlung erfolgen muss. Hierüber wird das Baukcomite demnächst Beschluss fassen und eine Bekauntmachung an dieser Stelle erlassen. Die Thorsperre. Bon I. de Haas (London) Ohne jede Boranzeige oder Warnung hat das englische Oberhaus am letzten Montag in zweiter Lesung jene Maßregeln acceptiert, die der Freiheit und Gleichheit widersprechen. Australien hat seine Taxen gegen die Chinesen, die Einwohner des Eaps widersetzen sich der Landung der Indianer, Deutschland weist die russischen und polnischen Juden aus, Ungarn verwehrt denselben den Eintritt mit Bajonnetten, und nun ist die Liste vollständig. Wenn alle jenen Demokratien und Autokratien, alle Latiner und Teutonen die Einwanderung verbieten, warum nicht auch die Engländer? so fragte Lord Salisbury. Warum nicht? Tie britische Regierung hat darauf die Antwort gegeben, und das Gesetz, das man seit 1890 erwartete, ist in zweiter Lesung durchgegangen, der Augenblick ist doch sehr gut gewählt. Alle Augen sind auf das Leichenbegängnis Gladstones gerichtet, und der Politiker weiß, dass der verstorbene Führer eine zerklüftete, unentschlossene und ungenügende Partei hinterlassen hat. Die englische öffentliche Meinung ist überdies in Anspruch genommen vom spanisch-amerikanischen Kriege, von den politischen Differenzen mit Frankreich und Russland, von der Steigerung des Getreidepreises und von den social-ökonomischen Schwierigkeiten, welche infolge der Arbeitseinstellungen entstanden. Der arme Einwanderer kann da kaum verlangen, dass man seiner und seiner natürlichen Rechte gedenke. Auf das Oberhaus wird gewiss auch bald das Unterhaus folgen, dessen gehorsame Majorität in gleicher Weise das Gesetz gegen die Einwanderer annehmen wird. Der sogenannte arme Einwanderer, pauper alien, wird somit keinen Einlass mehr nach England finden und der Weg ist ftei für weitere Einschränkungen gegen den „armen Eiwanderer", wenn die Bill zu einem Gesetz geworden ist. So werden die Jnspectoren das Recht haben, alle diejenigen zurückzuschicken, welche sie als Pairpers, d. h. Arme, die der öffentlichen Wohlthätigkeit zur Last fallen, ansehen. Bom ökonomischen Standpunkt aus sind ja eigentlich die wenigsten Juden, die in England landen, Paupers, und während der letzten Jahre haben auch Biele in der Furcht vor einem solchen Gesetze nach England nicht übersiedeln wollen, so dass die Zahl der Einwanderer eher abals zugenommen hat. Allein man darf jetzt die wahre Situation nicht verkennen: England hört auf, die Zufluchtsstätte dieser Unterdrückten, in - besondere der Juden zu sein. Es ist schwer zu sagen, was die jüdische Gemeinde ungesichts dieser Situation beginnen wird. Tie Meinung darüber ist getheilt: es gibt solche, welche meinen, die Gemeinde werde nun viel geringere Lasten zu tragen haben : die Majorität; Einwanderer und deren Nachkommen, würden schon etwas thun, wenn sie nur wüssten was. So gibt es weder innerhalb der Gemeinde noch außerhalb derselben einen Mann, der in der Lage wäre, den Ansporn zu einer entgegengesetzten Bewegung in die Bevölkerung zu bringen. Denn die Majorität derselben ist thaisächlich schntzzöllnerisch gesinnt, und die Arbeiterkreise haben bereits auf dem Trades-Unions Congress ihre Sympathien für die Bill ausgesprochen. Das Thor ist somit geschlossen. Wie erbärmlich angesichts des Endes des 19. Jahrhunderts und des Zeitalters der sogenannten Humanität und Civilifatron. Wir gehen eben rückwärts und nicht vorwärts! Unlängst hat erst die englische Judenschaft das Jubiläum der Wiederzulassung gefeiert, nie sollen wir die Zurückweisung feiern? Es ist nicht die Zeit und nicht die Gelegenheit, über diese Maßregeln zu jammern. Wir müssen mit der Thatsache rechnen, und die nöthige Moral daraus ziehen. Die indifferenten englischen Juden werden sich den Doctrinen, für die sie bisher taub waren, nicht mehr verschließen können. Die Krise, die hereingebrochcn ist, hat einen doppelten Charakter. Es werden sich viele Elemente ermuthigt sehen, eine antisemitische Hetze gegen die bereits Eingewanderten ins Leben zu rufen. In zweiter Linie wird die Nachricht vom Einwanderungsverbot in den Ansiedlungsrayons Russlands die bittersten Gefühle erwecken. Die Flut steigt, sie wird weiter steigen, ohne einen Abfluss zu finden. So wird nun die Judennoth immer größer. Das Maß ist voll. Und wir. sehen keine andere Lösung als den Zionismus. Das Thor ist geschlossen von einer feindlichen Welt, nur das jüdische nationale Selbstbewusstsein wird sich außerhalb derselben eine Bahn zu schaffen wissen. Das beredte Schweigen. Von Siegmuud Rosenzweig. Wer glaubt, dass der Antisemitismus in Galizien ein Product jüngeren Datums sei, irrt gewaltig. Es mag aber eine gewisse Ironie des Zufalles sein, dass bis in jüngste Zeit, gerade jene Gesellschaftsclasse, der sich zu assimilieren man als unbedingt nöthig für die Beseitigung der Judenftage betrachtete, ausschließlich die Jndenhetze cultivierte. Allerdings nicht in lärniender Weise, aber umso wirksamer und gefährlicher. Nun wird man ftagen, warum der Antisemitismus in Galizien, mnm er schon früher bestanden hatte, wenn er quas-i permanenten Charakters war, erst in jüngerer Zeit znm Ausbruch gelangte, während dies in anderen Ländern bereits viel früher der Fall war? Darauf ist die Antwort sehr leicht. Es fehlte nämlich die geeignete Person, welche sich nicht scheute, die Fahne des Antisemitismus öffentlich zu entrollen. Den hohen Herren in Galizien widerstrebte dies; sie huldigten zwar in objectiver Beziehung dem Antisemitismus, wollten aber in subjectiver Hinsicht nicht als Anrisemiten gelten. Sei es infolge der zahlreichen Verbindungen mit den Juden, deren Abbruch einen materiellen Schaden bedeuten würde oder sei es auch infolge eines kleinen Restes von Schamgefühl. Diesem versteckten Doppelspiele machte P. Sto j alowski ein Ende. In ihm war der Erlöser erstanden, der die mckisemitische Heilslehre öffentlich den breiteren Schichten des Volkes überbringen sollte. Dass er reansierte, beweisen die judenfeindlichen Excesse und die methodisch verbreiteten Blutmärchen. Die Rücksichtslosigkeit gehört eben mit zum Jnventarium eines Agitators,