Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1898-06-03 · 22 (3.6.1898) · p. 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
22 (3.6.1898)
Article
[Ohne Titel]
Date
1898-06-03
Page
4 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
address
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3315709-3315742-3315765--06172-3360214
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

jPk^Wcic Nr. 22 ursachte — in Aegypten, im Lande der Knechtschaft. Man sieht, ein Ziegel ist durchaus nicht uui einen Grund verlegen, wenn es sich darum handelt, den Juden weh zu thun. Wir sind in dieser Hinsicht thatsächlich ein auserlesenes Volk. Der Jude müsste auch die Welt mit anderen Augen ansehen, als die übrigen Leute. Allerorts liegt für ihn eine latente Energie bereit, die unter geeigneten Bedingungen sich in Judenexcesse umwandeln lasten kann, und so könnte der Jude, wenn er die Augen rings schweifen lässt, erkleckliches Material für eine pestimistische Weltanschauung sammeln. Auch der Nichtjude kann natürlich in jedem Ding einen gelegentlichen Feind sehen, aber während z. B. der nichtjüdische Wirt, bei dem — sit venia verbo — der Gast eine Fliege in der Suppe findet, diese für seine Person allein „auslöffeln" muss, zieht man für die Suppe des jüdischen Wirtes bekanntlich auch die übrigen Juden zur Verantwortung. Der Anlass, der den Unwillen gegen einen einzelnen Juden wachruft, wird auch der Anlass für Judenexcesse^ sein. Schon mit der Prägung des Wortes „Judenexcesse" hat der Sprachgeist ein kleines Meisterstück geleistet. Auch in diesem Worte nehmen die Juden eine Ausnahmsstellung ein. Man spricht von „Arbeiterexcesten", „Soldatenexcessen" rc. und kein Mensch ist. wenn z. B. von „Arbeiterexcesten" gesprochen wird, nur einen Moment im Zweifel, dass die „Arbeiter" da der active Theil sein sollen. Wenn man aber die Zusammensetzung „Judenexceste" hört, so ist es für jeden eine selbstverständliche Sache, dass das Bestimmungswort, die Juden, dabei der leidende Theil sind. Ter Sprachgeist, der in den Berhältnisten sehr wohl Bescheid weiß, hat mit bequemer Nachlässigkeit eine vorhandene Wortschablone benützt, mit Ironie hat er bei der Wortbildung dem herkömmlichen Sprachgebrauchs direct zuwidergehandelt, ohne dabei das geringste Missverständnis befürchten zu müste't, denn jedermann weiß ja ganz genau, welche Rolle die Juden von altersher bei „Judenexcessen" spielen. Manchmal, in Ausnahmsfällen, kommt es vor, dass unter dem Antisemitismus auch ein Nichtjude zu leiden hat. Gewöhnlich dann, wenn er „jüdische Fehler" an sich hat. Einen solchen „Fehler" hat der Wiener deutschnationale Gemeinderath Dr. Räder an sich, und so ereilte ihn denn jüngst in einer antisemitischen Wählerversammluug die gerechte Strafe. Dr. Räder ist nämlich mir einer Nase ausgestattet, deren architektonischer Stil von Sachverständigen gewöhnlich durch den Terminus „Judennas" gekennzeichnet wird, und mit diesem semitischen Baudenkmal im Gesicht gieng der deutschnationale Gemeinderath nichts Böses ahnend in eine christlich-sociale Wählerversammlung. Hier erregte die exotische Nase berechtigtes Aufsehen und ein Kunstkenner gab nach einer eingehenden Untersuchung sein Uriheil dahin ab, dass man es hier mit einem außerordentlich stilgerechten Exemplar eine „Judennas'" zu thun habe. Dr. Räder, der von dem morgeuländischen Baustil keine besonders hohe Meinung hat, fühlte sich durch die Kritik des Christlich-socialen beleidigt, und protestierte energisch gegen die Verunglimpfung seiner Nase, worauf er unter Anwendung des üblichen Ceremonietts hiuausbcfördert wurde. Der dentschnationale Gemeinderath Dr. Fochler wurde bei dieser Gelegenheit blutig geschlagen. Das ist die Rache der Judennase. Wegen einer unschuldigen Krümmung wurde dieser arme Körpertheil von den Deutschnationalen Jahrzentelang mit Hohn und Beleidigungen überschüttet, bis er in gerechtem Zorn seine Spitze gegen die Peiniger kehrte und sich blutige Genuglhuuug verschaffte. + * Dr. Rader's Gesinnungsgenosse K. H. Wolf hatte es vor kurzem unternommen, antisemitische Eulen nach Isar-Athen zu tragen. Der Ort, wo er seine Waren absetzen wollte, war der Münchner deutschnationale Verein „Odin". Dieser hatte die Mitglieder des „Vereines zur Wahrung des Deutschthums im 'Auslande" zu dem Vortrage K. H. Wolf's cingeladen, als aber cirr jüdisches Mitglied des Vereines auch seinen Theil zur Währung des Deutschthums beitragen wollte und in das Versammlungslocal kam, da wurde es auf allseitiges Verlangen wieder hinausgewiesen. Das jüdische Mitglied sah diesen Vorgang als Kränkung an und zog die entsprechenden Consequenzen, indem es sich beim Vorstand des Vereines darüber beschwerte, dass man ihm bei der Wahrung des Deutschthums Zügel anlege. Die Beschwerde hatte auch einen ungeahnten Erfolg. Der Vorstand sprach dem jüdischen Mitglied sein Bedauern über das Vorkommen ans, und der getröstete Jude kann jetzt wieder unbehindert die Jnteresten des Deutschthums -m Auslande weiter „wahren" — bis zum nächsten Hinauswurf. m Die jüdische Colonialbank. (Mittheilungen des Bankcomites.) Alle Zuschriften und Anmeldungen sind an Herrn D. W o l f f s o h n, Köln a. Rh. zu richten. Ein für allemal ersucht das Comitö die Einsender, sich znge dulden, wenn bei der Maffenhaftigkeit des Einlaufes die Beantwortung einzelner Anfragen eine kleine Verzögerung erleidet. Eine zweite Bekanntmachung des Bankcomitös an die Vertrauensmänner ist unter der Presse und wird in den nächsten Tagen versendet. Ans vielen Orten sind bereits Resultate der ersten Subscriptionen eingetroffen. Diese örtlichen Listen pflegen kleine und große Posten durcheinander aufzuweisen. Auch kommen aus verschiedenen Städten, wo es Zeichenstellen gibt, die Anmeldungen direct nach Köln. Es steht jedem Zeichner frei, diesen directen Weg der Subscription zu wählen. Anzahlungen über fünftausend Mark sendet mau am besten direct an die Centraldepotstelle, den A. S ch a a f f h a u s e n's ch e n Bankverein in Köln a. Rh. Unter den vielen charakteristischen Einzelheiten des täglichen Einlaufes sei die Anmeldung eines christlichen Zionsfreundes erwähnt, welcher fünfhundert Shares zeichnet. Größere Subscriptioneu liegen in den letzten Tagen voraus Pinsk und Riga. Aus Nowv Radomsk wird geschrieben: Aus Anlass der Banksubscription wurde ein Comitö gebildet, au dessen Spitze Herr Leon Ruziewicz steht. Mitglieder sind die Herren: L. E. Follman, M. Lewkowicz, L. Tencer, A. D. Brüll, B. Stattler, L. Reichmann, S. Sachs. Die Subscription hat einen enthusiastischen Charakter. Alle Kreise der Stadt betheiligen sich. In Sophia hat der Verein Serubabel die Subscription organisiert. An der Spitze stehen Tr. R. Vierer und I. Felmigi. In Moinesti begannen die Herren I. N. Schapira, Wolf, M. 9t. Grünberg, Cosin, Storch, Davidovici mit Erfolg die Subscription. Lodz meldet: In zwei Tagen wurden fünftausend Shares nur von kleineren Zeichnern aufgebracht. Es werden sehr bedeutende Subscriptionen von hervorragenderen Persönlichkeiten erwartet. Ans Jacobsdal (Distr. Marico) im Transvaal, Südafrika kommt das Ersuchen, eine Bank in Johannesburg mit dem Verkauf unserer Shares zu betrauen. Wir wiederholen aus diesem Anlaste, dass die bis 1». Juli angemeldeten Subscribenten unbedingt berücksichtigt werden. Von vielen Seiten kommen an das Kölner Comitö nicht nur tOpercentige Anzahlungen, sondern gleich Vollzahlungen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.