Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 22 (3.6.1898)
- Article
- Die Arbeiter
- Date
- 1898-06-03
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Leire 2 ytx. 22 bezeichnet; oder doch nur solange Privatsache, als die Religion vorsichtigerweise von der Arbeiterpartei — nicht discutiert wird. Wohl aus solchen Unterschieden und empfindlichen Gegensätzen heraus ist es zu erklären, dass Stimmen laut wurden, die nach einer selbstständigen Organisierung der jüdischen Arbeiter verlangten. Ein solches Verlangen mochte von der führenden Partei als eine Art Anomalie angesehen werden, zumal die jüdischen Arbeiter, die Juden überhaupt als Station gar nicht in Betracht kamen, sondern gleichsam als Anhängsel der diversen Völker galten. Und wenn es nicht bloße Euphemie war, wenn man den Juden dasselbe Recht aus Existenz zusprach, wenn man ihnen den Namen des Volkes beilegte, in besten Lande sie ansässig wurden, — wozu eine selbstständige Organisation? Nun, der Entwicklungsgang der Juden bis aus den gegenwärtigen Moment, namentlich die letzte Phase desselben hat es offenbart, dass nicht blos die culturell noch nicht hochstehenden Massen des Judenthums national empfinden. Gerade im Zionismus der jüdischen Intelligenz zeigt sich die volle Berechtigung der nationalen Bewegung. Wir dürfen ohne Scheu auf den Unterschied Hinweisen zwischen der bewusst zionistischen Action und jenem Theil des Judenthums, welches unbewusst national ist, zusolge der Macht historischer Verhältnisse. Diese jüdischen Arbeiter sind der natürliche Bundesgenosse des Zionismus; aber zum thatsächlichen, mitwirkenden werden sie erst durch selbständige Arbeiterorganisationen. Dass solche bereits vorhanden sind, in Amerika, in England, in Russland, ist bekannt; bekannt auch, dass ihr Classeninteresse dadurch nicht im Geringsten tangiert wird. Als im vorigen Jahr die jüdischen Arbeiter in Manchester, Bäcker, Schneider, Schuster zur Bildung einer besonderen Gewerkschaft zusammentraten*), erklärten sie ausdrücklich, dass sie „mit den anderen Gewerkschaften gemeinsame Sache" machen wollen. Die Gründung einer selbständigen Vereinigung entsprang lediglich dem Bedürfnis „unter sich zu bleiben". Die Geschichte und die Wirksamkeit gerade der englischen Trades-Unions ist ein Beweis dafür, dass die Clastenfrage und das Classenintereste der Arbeiter sehr kräftig in selbständigen Organisationen vertreten und vertheidigt werden tonnen, ohne nothwendige Uebereinstimmung mit gewissen theoretischprogrammatischen Punkten der allgemeinen Arbeiterpartei. Die jüdischen Arbeiter, selbständig organisiert, würden in allen Einzelforderungen, die das Elasseninteresse dictiert, mit der Arbeiterpartei Zusammengehen, aber unabhängig von ihr sein in allem klebrigen. National, wie es die jüdischen Arbeiter im Leben deutlich genug sind, national zufolge ihrer Eigenthümlichkeiten, ihrer religiösen Bräuche -- warum sollten sie es nicht auch als Arbeiterclasse sein dürfen? Legen etwa die Arbeiter anderer Nationen ihre Nationalität ab, wenn sie zur socialen Frage Stellung nehmen? Und begeben sie sich ihres Volksthums, wenn sie mit der Debatte und der Action für den Moment zu Ende sind? Und nur. die jüdischen Arbeiter sollten auf ihre Nationalität verzichten, sie, die noch gar nicht fähig sind, an der Cultur einer anderen Nation rechten Anthcil zu nehmen? Man mag von der modernen Cultur einen noch so hohen Begriff haben, und die eigenthümlich jüdische Cultur oder Uncultur noch so gering schätzen, in dem Namen Fortschritt liegt ein schöner Hinweis daraus, dass das Beste nur eben schrittweise zu erreichen ist, dass mit den gegebenen Thatsachen sehr wohl zu rechnen ist, und dass an sie unmittelbar angeknüpft werden muss. Der Zionismus hat es gar nicht nothwendig, in allzu heftige, und je mehr lärmende, destoweniger fruchtbare Polemik mit der allgemeinen Arbeiterpartei sich einzulassen, um die jüdischen Arbeiter für sich zu gewinnen. Diese, ob sie auch zum großen Theil nicht dem Zionismus zuliebe national *)' Vcrgl. Socialpolitisches Ccnlralblatt, Jahrgang t^7 Seite 240. sind, können doch mit der Zeit national werden auch im zionistischen Sinuc. Und zwar durch die natürliche, vom Unbewussten zum Bewussten fortschreitende nationale Interessengemeinschaft, die einen immer innigeren Rapport zwischen ihnen und dem Zionismus Herstellen wird. Manches politische Ereignis in letzterer Zeit und die Stellung der officiellen Arbeiterpartei zu demselben - wir erinnern an die schwankende Haltung der französischen Arbeiterpartei in der Affaire Dreyfus — dürfte den jüdisehen Arbeitern klar machen, dass sie manche unliebsame Ueberraschung in dieser Hinsicht zu gewärtigen hat. Auch im Falle des Sieges der collectivistischen Anschauung dürste es in Bezug auf die Rassengegensätze kaum anders werden. Und wenn E. Bernstein im Nachwort zur Ueberfetzung von Webb's „Geschichte der englischen Trades- Unions" bemerkt: „Claffenkämpfe äußern sich nur selten ,, so acut, wie nationale", so können wir noch hinzufügen, dass die Rassengegensätze noch lange bestehen dürften, wenn., die Classengegensätze bereits verschwunden sein werden. Es leuchtet ein, von welch außerordentlicher Bedeutung die jüdische Arbeiterclasse für den Zionismus ist. Tie Arbeiter, falls sie zionistisch werden, mochten gleichsam den sicheren Präsenzstand abgeben, auf welchen in jedem Zeitpunkt zu rechnen, wäre. Andererseits darf man annehmen, dass das jüdische Volk den Forderungen der Arbeiterclasse und der jüdischen besonders so viel als möglich gerecht werden wird. Denn hier wird es nochwendig, daran zu erinnern, dass mit der Erreichung des zionistischen Zieles erst nur die Bedingung geschaffen ist für eine Blüte und Neuentfaltung des nationalen Lebens: dass das Judenthum als Nation geeinigt vor eben den Fragen stehen wird, mit deren Losung die Volker Europas so sorgenvoll sich abmühen. Aber mögen die Schwierigkeiten noch so groß sein, mögen zeitweise Krisen und Stürme hereinbrechen, die Volker werden dadurch dauernd nicht niedergedrückt, nicht lahmgelegt. Und auch wir sind guten Muthes. Gleichwie die anderen Nationen, so haben auch die Juden den unerschütterlichen Glauben an eine immer fortschreitende Besserung, an eine gedeihliche Entwicklung Aller. Sogar diejenige Partei, welche die Classengegensätze zu einer Theorie der Gesellschaft aus gebaut hat, sehen wir immer mehr vom revolutionären Princip abkommen, und dem evolutionistischen huldigen. Vor den positiven praktischen Forderungen tritt die Theorie in den Hintergrund. An dem Grundsatz der Evolution hält auch das zionistische Judenthum fest, und wird sicherlich, sobald es erst national consolidiert ist, in Bezug auf sociale Gesetzgebung hinter den anderen Völkern nicht Zurückbleiben wollen. Der Zionismus als vollständige Theorie mag sich mit den Einzelforderungen der besonderen Classen abgeben: hier genügt es, den allgemeinen Geist der jüdisch-nationalen Gesetzgebung anzudeuten. Man mochte es eher in symbolischem, denn in positivem Sinne verzeichnen, wenn Dr. Herzl im „Judenstaat" die tägliche Arbeitsdauer nicht auf acht, sondern gar auf sieben Stunden ansetzt. Man mochte sagen: das jüdische Volk werde nicht schlechter, sondern stets besser als ein anderes seine Sohne behandeln. Und darf man aus der geschichtlichen Vergangenheit eines Volkes auf seine Gestaltung in der Zukunft schließen, so wird im modernen jüdischen Gemeinwesen sicherlich ein Hauch von jenem milden Geiste zu verspüren sein, der die mosaische Gesetzgebung.erfüllt. Hk Derzweite Baseler Congress. In stummer 12 der „Welt" haben wir die Instruction mitgetheilt, nach welcher die Delegiertenwahlen abzuhalten sind. Wir machen nochmals auf diese Instruction aufmerksam, damit jede Verzögerung oder unrichtige Durchführung der Wahlen vermieden werde.