Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 21 (27.5.1898)
- Article
- Die Goldschilds
- Date
- 1898-05-27
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 16 Nr 21. Jeder einzelne Apfel wurde sorgfältig geprüft, an die Nase geführt, berochen und dann auf feinen Platz gelegt. Alan wollte bemerkt haben, dass sich die Greisin während dieser Wochen förmlich verjüngte. Der Geruch des frischen Obstes belebte sie, die Runzelnihrer Haut glätteten sich und ihre Augen nahmen einen erhöhten Glanz an. Aber in gleichem Maße als die glatte Schale der Aepfel welkte, verlor sich dies alles allmählig, so dass die Matrone im Frühjahre wieder einem mit gelber, faltiger Haut überzogenen Gerippe glich. Bei aller Absonderlichkeit und zur Schau getragenen Härte besaß die alte Sarah kein böses Herz. Wenigstens sicherlich nicht den Gliedern ihrer Familie gegenüber. Allerdings musste man nach ihrem Sinne geartet sein, d. h. streng Lalmudisch, rabbinisch glauben. Dann war man aber auch ihrer unwandelbaren Gunst Besonders die Kinder hatte sie in ihr Herz geschlossen. Manchen langen Winterabend waren David und Raphael im Stübel zu ihren Füßen gesessen, die gebratenen Aepfel behaglich verzehrend. Aber diese Leckerei war lange nicht das Beste, was die alte Sarah ihren jungen Gästen vorzusetzen hatte. Sie gehörte jenem, heute fast legendenhaften Geschlechte von Großmüttern an, die Geschichten zu erzählen wißen. Und was für Geschichten! Der berühmte Hans, der das Gruseln nicht kannte, hätte es sicher im Stübel der Apfel-Jüdin erlernt. Nicht von Gespenstern und Geistern, nicht von Riesen und Räubern wusste der welke, zahnlose Mund zu berichten. Rur die wahre Leidensgeschichte ihres Stammes war Sarah geläufig. Aber wahrhaftig — diese war lang genug, nm alle Abende eines Menschendaseins durch eine spannende Erzählung zu verkürzen! Die Geschichte des Hauses Goldschild allein hätte dazu genügt. Mit Bestimmtheit ließ sich der Ursprung dieser Familie bis in das 14-. Jahrhundert zurückführen. Am 17. September 1394 war ihr Urahne durch König Karl Vf. ans Paris vertrieben und hiemit die lange Reihe der Wanderm;gen eröffnet worden. Der schwäbische Ort Dieszenhofen bildete die erste Station der Vertriebenen. Aber schon nach sieben Jahren erhob der Reitknecht Johannes Zahn gegen einen ihrer Glaubensgenossen die Anschuldigung des Ritnalmvrdes und sie griffen — eingedenk der Pariser Schreckenstage — freiwillig zum Wanderstabe. So sehen wir sie im Jahre 1401 sich im freundlichen Villach ansiedeln, von wo sie 1421 die Anklage der Hostienschändung vertreibt. Hieraus gewährt Jglan bis zum Jahre 1426 und Rasensburg bis 1429 der unglücklichen Familie Aufenthalt. Von dort verjagt, wurde ihr Augsburg eine neue Heimat. Anfangs schien hier alles gut zu gehen. Als aber die Jahre des großen Getreidemangels anbracheu, ließ sich ein gewisser Fidcler einen empörenden Kornwucher zuschulden kommen. Dies bot den Anstoß, dass sich der Magistrat, der gewährteu Gastfreundschaft überdrüssig, an Kaiser Albrecht mit der Bitte wandte, die Jndengenieinde anshebeu zu dürfen. Ta gegen Erlag von 900 Gulden diesem Wunsche willfahrt wurde, sahen sich die Goldschilds 1439 abermals — und diesmal nicht ohne eigenes Verschulden — obdachlos. Längere Zeit gelang es ihnen sich in Nürnberg zu behaupten. Die dortige Bürgerschaft freilich hätte sich ihrer am liebsten bereits im Jahre 1473 entledigt, aber erst 1469 gab das Reich die nöthige Bewilligung zur Ausweisung, wobei die Häuser und Liegenschaften der ganzen Gemeinde als königliches Kammergut consisciert wurden. Nun zogen die Goldschilds nach Böhmen. Bndweis war ihr erstes, Prag ihr zweites Ziel. Herausgeber : JE*. Liäfcharner. Berantrv. Red.: Dr. Siegm. A>e Nachdem ihnen a::ch dort der Stuhl vor die Thür gesctzr worden war, findet die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts die Hcimatslosen in Wien. Aber die große Verfolgung von 1670 zwingt sie in die böhmische Residenz zurückzukehren. Dieser Zufluchtsstätte beraubte sie erst das Deere t der großen Kaiserin Maria Theresia. Aber als wären sie der großen Wanderungen müde, ließen sie sich, trotz der drohenden Gefahr, in dem nahen Mähren nieder, wo sie auch bis zum Regierungsantritte Kaiser Josef'« verblieben. Unter der Herrschaft dieses wilden Monarchen siedelte sich Aron — Sarahs Gatte — in Chiesch an und legte sich, das Aushängeschild feines Geschäftes zum Pathen nehmend, den Namen „Goldschild" bei. Das ist in großen Umrissen gezeichnet, die Geschichte dieser jüdischen Familie bis zum Jahre 1850. _(Fortsetzung folgt.)_ Bücherwell. S. P. R a b i n o w i tz: "JYiOpÄ sl'2 bs** Eine Betrachtung der zionistischen Bewegung. Warschau, Verlag „Achiasaf" .->r,5>8. (hebr.) Der Verfasser gehört bekanntlich zu den ersten, eifrigsten und bestgesinnten Zionisten. Und doch hätten wir bei der Lectüre seiner «christ mehr als einmal Grund, wie einst I o s u a vor Jericho den Engel zu fragen: „Gehörst du zu uns oder zu unseren Feinden?" — wenn er uns nicht gleich in der Einleitung sagte, dass er unter „Zionsliebe" die politische Befreiung unseres Volkes verstehe. Hier wird nämlich vorausgeschictl, daß die „Zionsliebe" oder die „Colonifarionsidee" eine conti nn i erlich e Ersch einu ng in der jüdischen Geschichte sei. die mit der Diaspora begonnen habe und für die unsere Alten in dem Ausspruch: „Am Tage, da der Tempel zerstört worden ist, wurde der Messias geboren!" den treffenden Ausdruck gefunden. Ezechiel und Jeremias die Propheten der ersten Diaspora haben politische u n d geistige Befreiung gepredigt, Serubabel. E s r a und 9! e ch e m i a s lheilten sich in die Arbeit der pol itischen und geistigen Restauration und begründeten so den Staat, für welchen später die Maccabäer ruhmreich gekäinpft haben. Diese ersten Zionisten, besonders der dritte, Nechemias, waren wie Rabinowitz zugibt „politische Zionisten", „Diplomaten", die die Perserkönige für ihre Ziele zu gewinnen verstanden; auch die „politischen Zionisten" von heute sind nach Rabinowitz „Diplomaten", aber ihnen gönnt er ihre „Diplomatie" nicht. Jene, die ersten, waren klug, bescheiden; sie foxbetten nicht vom Perserkönige, sondern erbaten alles von ihm. Diese, die heutigen, sehnen sich nach staatlicher Herrschaft; es genügt ihnen nicht, zu bitten, sie wollen auch noch völkerrechtliche Anerkennung. Rabinowitz scheint zu jenen Congressmitgliedern gehört zu haben, welche die Formel „rechtlich" der angenommenen Ausdrucksweise „öffentlich-rechtlich" vorgezogen haben scheint und,zu bedauern, dass die letztere angenommen wurde. Darüberlässt sich nun heute mit ihm nicht streiten, ebensowenig wie über seine Ansicht, dass ein Staat oder ein Gemeinwesen nur in der Weise entstehen könne, wie es B l u n t s ch l i in seinem ersten Bande: „Allgemeines Staatsrecht" S. 202—216 lehrt. Es gibt ja Leute, die diese Lehre nicht als ausschließlich maßgebend anerkennen! Herr Rabinowitz irrt ferner, wenn er glaubt, den Congresszionisten sei nur die „politische" und nicht auch die „geistige und culturelle" Restauration am Herzen gelegen. Vor dem ersten Zionistencongresse befand er sich unter denjenigen Zionssreunden, die im Congresse eine Gefahr für ihr Ideal befürchteten. Aus dem Congresse wurde er, wie viele andere eines bessern belehrt. Die nächsten Congresse werden ja immer weitere Fortschritte gegen den ersten sein und dann werden sich alle treuen Zionisten bei der Arbeit zusammensinden, sowohl die „politischen" vom schlage Nehemias und Serubabels als auch die „geistigen" als Nacheiseeer Esras, und ihr gemeinsames Werk wird ein ganzes, ein befreiendes und erlösendes sein. M. li. Büdlcmnlauf. Vor -cm Sturm. Ernste Mahnworte an die deutschen Inden von D r. B er n h ar d C o h n. Fr. Wesemanns Verlag, Geschichte der Juden in Kremsicr. Nach Original-Urkunden dargestellt von Rabbiner Dr. Ad. Frankl-Grün. II. Theil. (Isis—1868). I. K.a usmann s Verlag. Frankfurt a./M. isos, Maiheft des n^w?n Berlin. Was leistet die Mittelschule? Protokolle des 1. Haupt theiles der MittelschulenquLte der „Wage". Commifsionsverlag der Gesellschaft für graphische Industrie. 1898. Hebräisches Liederbuch von Morris Rosenfeld. Verlag Grover Brothers, London, 71 Suffolk-Street. 1897. tcr. Buchdruckerei „Industrie" (STBergmann). VUl^Schlösselg^ 11.