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Die Welt · 1898-05-27 · 21 (27.5.1898) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
21 (27.5.1898)
Article
Das eine Wort
Date
1898-05-27
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 21 Seite 15 pj^w«r verschieden, so mannigfach in allen Ländern! Wir haben ja so viel zu tragen an äußeren Leiden und inneren Zerwürfnissen! Wir brauchen so nothwendig Rathschlag und Hilfe gegen den Feind und Heilmittel für unsere eigenen Krankheiten! Ach, und ich Hab' ja nur — es ist zum Verzweifeln — eine einzige Secunde, ein einziges Wort. . . Was soll das für ein Wort sein? „G l e i ch b e r e ch t i g u n g!" Gleichberechtigung für unsere Brüder in Russland, Rumänien, Marokko und anderswo. Ach nein, das wird ja nicht viel nützen. Wir sehen kecn Glück bei unseren Brüdern in jenen Ländern, in denen ihnen die Gleichberechtigung zutheil ward. Das Gnadenbrot der fremden Völker ist für uns zu hart. Nein, mit der Gleichberechtigung ist das Judenthum nicht gerettet. . . „Aufklärung!" Ach, das ist ja nicht alles. Wir glaubten einst, durch eine sogenannte Aufklärung alles wieder gut zu machen, und wir haben uns doch so gründlich getäuscht. Die Aufklärung brachte uns neue Leiden und neue Schmerzen. Es ist uns damit nicht geholfen. „Einigkeit!" Wiederum ein frommer Wunsch. So lange unser Volk zerstreut in verschiedenen Ländern lebt, unter verschiedenen Nationen sein Dasein fristet, ist das Erreichen einer vollkommenen Einigkeit eine Utopie. Die Verschiedenheit der Lebensverhältnisse, der Sprachen, Sitten und Gebräuche können ja eine vollkommene Einigkeit gar nicht zulafsen. Wenn das Judenthum eine Centrale, wenn «>s ein Vaterland hätte, wenn es seine Sprache wieder besäße, ja, da könnte man schon . . . Halt! Ich hab's gefunden! „Palästina!" Nur die Rückkehr der Juden in ihr altes Heim, nur die Selbständigkeit auf ihrem eigenen Boden, nur das Wiederaufleben in ihrem alten Vaterlande, nur diese Mittel können unseren Leiden ein Ziel setzen. Das ist ja das schönste Wort, das mir je einfallen könnte. Es wird meinem Volke helfen, es wird mein Volk erlösen! Dabei bleibts! Sobald der Himmel sich öffnet, schreie ich mit der ganzen Kraft meiner Stimme: „Palästina"! Dieses Wort wird wirken, es wird meinem Volke zum Leben verhelfen! Und ich war so freudig erregt, so überrascht von meinem Einfall, dass ich vor lauter Glückseligkeit zu hüpfen begann. Ein kühler Wind hauchte mir über die heiße Stirn. Das Gras und die Bäume bewegten sich sachte und winkten mir geheimnisvoll zu, als wollten sie sagen: „Ja du hast vollkommen recht". Und abermals hob ich die Augen zum Himmel, um die heilige Secunde nicht zu versäumen — und siehe da, hell ist der Himmel, die ersten Sonnenstrahlen erscheinen im Osten, der Tag ist angebrochen! Mit dem Sinnen und Trachten ist mir die Nacht und mit ihr die heilige Secunde vergangen. Der Himmel hat sich geöffnet, und ich habe nichts gesehen und nichts gewünscht. Ich hab's versäumt. Die Sonne stieg einstweilen immer höher und beleuchtete das Feld. Die Vögel zwitscherten ihr Morgengebet. Ich stand da wie betäubt. Ein einziger Trost blieb mir: Der Zionsgedanke kam mir gleichzeitig mit den Sonnenstrahlen. Er ist die Morgenröthe für das Judenthum. w. Die GoidschUds. Roman aus dem Ende des 19. Jahrhunderts Friedrich Fürst Wrede. (Fortsetzung.) Mirjam's Eltern freilich waren reumüthig zum alten Glauben zurückgekehrt. Trotzdem musste es Aergernis erregen, wenn ein Rabbiner sich sein Weib aus einer so glanbensschwachen Familie „erwarb". Dass Rüben derartigen Bedenken nicht Raum gegeben, gereichte sowohl seinem Herzen als Mirjam's Schönheit zur Ehre. Vielleicht war aber doch darin auch der Grund zu suchen, dass er in seinem Hause dem übertriebensten Cnltns des Verstandes einen Thron errichtete und jedes Symbol, jede sinnige, die Phantasie anregende Zuthat im Gottesdienste streng verdammte. Die Leute wenigstens wollten bemerkt haben, dass Rabbi Goldschild, seitdem er sein junges Weib heimgeführt, noch ernster und strenger lebte und die Ceremonien in der Synagoge noch nüchterner gestaltete. Seine Predigten vollends glichen weit eher einer wissenschaftlichen Abhandlung als einer Erbauungsandacht. David hatte eine Probe davon gleich am ersten Tage zu hören bekommen und glaubte nun zu wissen, auf wen Raphael anspielte, wenn er von der „geistigen Wüste", in der erlebe, sprach. Frau Mirjam hatte in der Ehe mit dem strengen Lehrer nicht das gehalten, was ihre blühende Schönheit versprochen. Kaum dass sie Raphael das Leben geschenkt, siechte sie dahin. Sie verlor ihre Schönheit nicht nach Art der jüdischen Frauen, die, gleich orientalischen Rosen, ehe sie noch die Reife erlangt, das Maß der Formen verlieren und zerfallen, sondern sie verwelkte wie die blassen Blumen des Nordens. David hätte in dem reizlosen, hageren Weibe, das ihn am Freitag Abend im Hause des Oheims willkommen geheißen, kaum die Mirjam von ehedem erkannt. Nur die blauen, träumerischen Augen waren die gleichen geblieben. Die alte Sarah hatte in ihrer Schwiegertochter nach wie vor nur eine verkappte Frankistin gewittert und sie vom ersten Tage ihrer Ehe an mit ihrem Hasse verfolgt. Obgleich sie es niemanden gegenüber je geänßert — denn dazu besaß die Greisin einen viel zu ausgesprochenen Familiensinn — wusste cs doch jede Klatschbase in Chiesch, dass Mirjam der Grund sei, tvcshalb die hinfällige Matrone in ihrem Stübchen einsam lebte. Seit einer langen Reihe von Jahren hatte sie ihr Häuschen nicht niehr verlassen, außer, um an hohen Festtagen die Synagoge zu besuchen. Mochte die Sonne noch so verlockend warm über Wald und Wiesen leuchten — cnn die alte Sarah übte sie keinen Reiz mehr ans. Sommer und Winter fanden sie in ihrem Lehnstuhle, mit der gleichen großen Haube und dem gleichen bunt geblümten Rocke gekleidet, der wie das ganze Zimmer nach getrockneten Aepfeln roch. Außer ihrem Glauben und der Geschichte ihrer Familie bildete diese Frucht das Hauptinteresse ihres Lebens. Zwischen den Fenstern ihrer Stube und auf dem Fußboden der kleinen anstoßenden Kammer, wurde jeden Herbst ihr Jahresbedarf an Aepfeln aufgespeichert. Und der war kein geringer! Alle Sorten und Spielarten konnte man bei ihr finden. Große und kleine, rothbackige und solche von blassgrüner oder gelber Farbe. Weit und breit kannte die alte Sarah alle Aepfelbäume der Gegend, obgleich sie seit fast dreißig Jahren nicht den Bannkreis des Städtchens überschritten hatte. Die Leute kamen zu ihr, um ihr die Früchte anzutragen. Ein Marsch von einigen Stunden wurde dabei keineswegs gescheut, denn die „Apfel-Jüdin" — unter diesem Namen war sie im ganzen Kreise bekannt — zahlte für wohlschmeckende Sorten wahrhaft fürstliche Preise. Zur Zeit der Obsternte entwickelte sich daher im kleinen, Häuschen alljährlich reges Leben. Die alte Jüdin verbrachte daun die ganzen Tage damit, die erstandenen Früchte aus den Körben und Trögen herauszuneymen und zu ordnen.

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