Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 21 (27.5.1898)
- Article
- 14.000 Meilen-Depeche in 35 Minuten [Nachricht]
- Date
- 1898-05-27
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10 ,PK#WtfC Nr. 21 Aden, dem Gibraltar des Rothen Meeres, und von dort durch das Kabel des Rüthen Meeres nach dem 14-03 Meilen von Aden entfernten Suez in Egypten befördert. In Suez wurde die Depesche 200 Meilen weit über den festländischen Telegraphen nach Alexandrien telegraphiert. Dann wurde die Depesche über das unterseeische Kabel nach der englischen Mittelmeerinsel Malta, von dort nach Gibraltar weiterbesördert. Die Länge der beiden letztgenannten Kabel beträgt 203'.» Meilen. In Gibraltar gelangte die Depesche auf einem 337 Meilen langen Kabel nach Earcavellos bei Lissabon und von dort mit dem S56 Meilen langen Oeeankabel von Lissabon nach Parthenero, der Kabelstation inL andsend an der Südküste von England. Von dort, aber nicht direct, sondern auf dem Umwege über London und Waterville in Irland, gelangte die Depesche mit dann dem atlantischen Kabel nach seinem Bestimmungsplatze New-Z)ork. Die Gesammtentfernung, welche die Depesche in 35 Minuten durchlaufen hat, beträgt, wie bereits Eingangs erwähnt, 14.000 Meilen oder mehr wie zwei Drittel des Erdumfanges. Weltchronik. Gladstones Antisemitismus. Ein Freund unseres Blattes schreibt uns: In diesen Tagen der Trauer um den berühmten Staatsmann W. E. Gladstone, wo so viel von dessen Leben und Wirken gesprochen wird, kommt mir ein Geschichtchen in den Sinn, das mir vor Jahren Lord Wcrtworth, der Enkel Lord Byrons, als etwas selbst Erlebtes erzählte, und das zur Vervollständigung der Charakteristik des „Großen alten Mannes" beiträgt. Es war nach einem Diner im Hause des Lord Acton, wo die Herren — unter denen sich auch Gladstone befand — noch bei einem Glase Sherry beisammen saßen, als unter Anderem, die notorische Abneigung Gladstones gegen die Juden zur Sprache kam. Alle Anwesenden wussten, dass diese Antipathie ihren Grund einzig und allein in dem Umstande hatte, dass sein Rivale D'Jsraeli diesem Stamme entsprossen war. Trotzdem der letztere damals schon mehrere Jahre nicht mehr unter den Lebenden weilte, konnte der „Grand Old Man" die Eifersucht auf den Ruhm des großen Staatsmannes nicht los werden. — Ein Herr der Gesellschaft nahm die Juden in Schutz und meinte, sie seien sehr begabt, und die Welt hätte ihnen manchen großen Mann zu verdanken. Darauf Gladstone: „Wenn man auch zugeben müsse, dass die Juden einen Philosophen wie Spinoza, Musiker wie Mendelssohn und Meyerbeer, einen Dichter wie Heine etc. hervorgebracht haben, so muss man doch auch zugestehen, dass sie keinen einzigen Staatsmann anfznweisen haben." Einen Augenblick wurde es stille, aber alles wusste, dass Gladstone mit diesem Ansspruch die Nennung T'Jsraelis provocieren wollte, um Gelegenheit zu haben, die Leistungen dieses Staatsmannes von seinem Gesichtspunkte ans zu kritisieren. Ta sagte einer aus der Gesellschaft: „Doch, Mr. Gladstone, die Juden haben auch einen Staatsmann hervorgebracht, und zwar, einen der größten, den es je gegeben." Nun erhob sich Gladstone kampfbereit, und fragte erregt mit lauter Stimme: „Und wer war denn dieser große jüdische Staatsmann?" Alles war gespannt auf das, was nun kommen werde, als der Gefragte mit aller Ruhe antwortete: „E s w a r M o s e s." Air. Gladstones Erregung verschwand augenblicklich, und Alles brach in schallende Heiterkeit aus. robias M. Menelik im heiligen Lande. Wie die egyptischen Journale anzeigen, wird der Kaiser von Aethiopien, Menelik, im Jahre 1900 eine Reise nach Palästina machen. Er wünscht die Stadt zu sehen, wo vor mehr als 3000 Jahren die Königin von Saba, welche als Ahnfrau seines Geschlechtes gilt, von Salomo gastlich empfangen wurde. Nach dem Stammbaum des Negus zählt er 97 Generationen seit den Zeiten der Königin von Saba. Der „gefährliche" Zionismus. Der „Mainzer Israelit" läßt sich aus Berlin melden: Tie Londoner Judenmission hat im Jahre 1897 in Berlin schlechte Geschäfte gemacht. Trotz 740 Hausbesuchen, 73 Versammlungen und der Bertheilung von 7100 Drucksachen hat sie keine einzige Seele zu erobern vermocht. Schade um das schöne Geld. Die D i b r e E m e t h, auch ein Organ der Judenmission wettern scharf gegen den Zionismus, weil er die Juden noch hartnäckiger gegen die „Heilslehren des Christenthums" macht. „Das Eintreten für eine jüdische Nation christlichen Glauben sei eine schwere Enttäuschung gewesen." Die „Alliance Jsraelite Universelle" in Paris versendet ihren letzten Jahresbericht. Bon den Ausgaben, die über eine Million Francs betragen, entfallen: auf Seminare. 112.000 Francs „ Elementarschulen. 403.000 „ „ Haudwerkerschulen. 172.000 „ beive Ackerbauschulen (in Jaffa u. Djedeida) 236.000 „ In den 90 Elementarschulen werden 20.739 Kinder erzogen. Das Institut von Jaffa zählt 147, das in Djedeida 62 Schüler, doch wurden Neubauten in Angriff genommen, damit sie je 250 Zöglinge aufnehmen können. Den Jahresbericht beschließen die sehr günstigen Mittheiluugen des Jnspectors Benedict über die Jaffaer Ackerbauschule, deren Bewirtschaftung im letzten Jahre einen Reingewinn von 19.711 Francs ergeben hat. Französische Eisenbahnausstattung. Das Innere der französischen Eisenbahnwaggons findet man oft mit gedruckten Zetteln beklebt, welche der Aufforderung enthalten, nichts mehr bei Juden zu kaufen. Ueberdies haben die Angestellten gewisser Bahnlinien, sogar der Pariser Gürtelbahn, jeden Morgen alle Hände voll zuthun, die mit Kreide geschriebenen Drohungen an den Thüren, Wänden und Decken der Waggons abzuwaschen. Im „Daily Graphic" beschreibt der römische Correspondcnt das trotz der Beseitigung der Mauern noch immer bestehende Ghetto. „Es ist heutzutage nichts interessanter als ein Spaziergang durch diese engen Gaffen, in denen stets die Leute vor ihren scheinbar armseligen aber mit allerhand oft sehr kostbaren Gegenständen, die sie zum Verkaufe anbieten, sehen. Der jüdische Kaufmann weiß alle wertvollen Gegenstände zu verbergen, und wenn jemand eine alte Spitze oder etwa? sonst Wertvolles verlangt, dann gibt ihm der gute alte Mann ein mysteriöses Zeichen und zeigt einem Gegenstände, die man in dieser alten Baracke nie geahnt hätte." Besonders schmeichelhaft drückt sich der Correfpondent von den jüdischen Frauen aus: „mit ihrem wundervollen schwarzen Haar und ihren glänzenden süßen Augen." „Ter jüdische Typus ist trotz der zwanzig Jahrhunderte der Verfolgungen im römischen Ghetto intact geblieben." Russische Inden und „Capitän Dreyfus" Ein unlängst in Berlin erschienener Roman „Capitän Dreyfus", der das Schicksal des Verbannten von der Teufelsiusel schildert, wurde ins Deutsch-jüdische (Jargon) übersetzt und von einem Warschauer Verleger herausgegebeu. Bereits am ersten Tage wurden 5000 Exemplare des Werkchens verkauft. Tie Käufer gehören meistens den ärmeren Schichten der jüdischen Bevölkerung an und widerlegen wieder einmal aufs Glänzendste die Behauptungen der Antisemiten von der Gleichgiltigkeit der jüdischen Massen gegenüber allem, was nicht mit dem.„Geschäfte" zusammenhängt. Ein Freund Leo Tolstois. Der ruffische Schriftsteller S. I. M a n a s s e w i tz ist dieser Tage in Berlin an den Folgen eines Schlaganrallcs im Krankenhause aus dem Leben geschieden. Der Verstorbene war lange Jahre hindurch beeideter Translator und Cenfor für hebräische Sprache zu Moskau und kam daselbst vielfach mit Tolstoi zusammen, der ein häufiger Gast des früheren Moskauer Oberrabbiners zu sein pflegte. Mit Hilfe Manaffewitz lernte Tolstoi die Bibel und die sonstigen religiösen Bücher der Juden im Urtext kennen, ein Studium, das ihm für seine späteren Werke reiche Anregungen bot: Manaffewitz, den die russischen Judenverfolgungen um seine Stellung brachten, lebt seit mehreren Jahren als Privater in Berlin. * Drnrnonts Wahlkosten Aus Paris wird uns geschrieben : Trnrnvnt hat zu seinen Wahlvorbereitungen 400.069 Francs nach Algerien mitgenommen. Diesen Betrag haben ihm