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Die Welt · 1898-05-27 · 21 (27.5.1898) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
21 (27.5.1898)
Article
Ein Jubiläum
Date
1898-05-27
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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jftQwr Seite 5 Nr. 21 ich einem Gesetze bei, das wahrhaft von christlichem Geiste gelragen ist." Das Uilterhaus nahm denn auch die Bill mit 234 gegen 173 Stimmen an, und der Sprecher gab sie an die Lords weiter. Bei diesen aber herrschte große Entrüstung über die Gemeinen. Die Ausdrücke, mit denen einzelne Zeitungen der Hochkirche z. Bdie Morning Post, der Herald, sich gegen die Inden, besonders die Rothschilds wandten, konnten im niederösterreichischen Landtage gefallen sein. Da wird Lord Rüssel, ein Bertheidiger der Bill, beschuldigt dem Baron Rothschild seine Wahl zu danken, von Betrügern, Schacherern, Wucherern, gesprochen, neben denen ein christlicher Lord nicht sitzen könne u. s. w. Der Hauptangriffspunkt aber wurde von Lord Stanley in der Sitzung vom 26. Mai geltend gemacht. Er behauptete nämlich, die Juden hätten ausgeprägtes Nationalgefühl; sie würden, wenn in das Parlament ausgenommen, nur jüdische, nicht gemeinsame Interessen vertreten, weil man nicht zugleich Nationaljude und englischer Patriot sein könne, und dazu dürfe ihnen keine Gelegenheit geboten werden. Vergebens war der Widerspruch des Marquis os Landsdowne, vergebens die entgegengesetzten Ausführungen des Lord Brougham, die Bill wurde verworfen und der Wunsch ausgesprochen, das Unterhaus möge nichts Aehnliches mehr beschließen. Dieser Wunsch war zwar vergeblich, denn schon am 6. Juni wurde das Emancipationsgesetz in veränderter Form wieder eingebracht, aber man musste es doch so umgestalten, dass eine allgemeine Toleranzbill daraus wurde; von den Inden war nicht mehr die Rede darin. — Heute tagen in Piccadilly, im vornehmsten Theile Londons, die Delegierten der zionistischen Vereine Englands, und cs fällt niemandem ein, englischen Jude:: aus ihrer zionistischen Gesinnung einen Vorwurf zu machen. Hohe Offiziere, Unterhausmitglieder bekennen sich zur Sache ihres Volkes und thun cs öffentlich, nicht geheim. Denn niemand wagt zu bezweifeln, dass sie gute Engländer bleiben, auch wenn sie danach streben, ihren armen Volksgeuoffen eine menschenwürdige Existenz zu schaffen. Leider sind wir von solchen Zuständen weit entfernt, weil uns eben die politische Erziehung der Engländer fehlt. Es ist derselbe Grund, aus dem unsere Parlamente Carikatureic des Londoner Unterhauses darstellen. Wir sollten aber danach streben, in Wort und Schrift immer wieder zu betonen, dass der Zionismus und die Liebe zu dem Lande, in dem wir leben, durchaus keine Gegensätze bilden, eine Thatsache, von welcher der Engländer längst überzeugt ist. Bor allem muss der opportunistische Grundsatz zahlreicher Leute in angesehenen Stellungen schwinden, die uns gerne geben, uns gerne fördern — aber nur, wenn es Niemand sieht. Wer für eine ehrliche Sache ficht, braucht sich ihrer nicht zu schämen, und man wird uns keiner schlechten Absichten zeihen können, wenn man uns ganz kennt. So werden nur uns selbst nützen und dem Lande unserer Geburt, indem wir seine politische Reise fördern. Der Dichter Zola und das Iudenthinn, Von Robert Jaffö. I. In seinem 1893 im Nietzsche-Berlage erschienenen Buche von den „Größen der modernen Literatur" erwähnt Tühring den „Romanschreiber" Emil Zola zweimal (bezeichnenderweise im fünfzehnten Capitel, das „Nichtgrößen und bloße Auszeichnungen im Schlechten und Guten" überschriebeu ist). Einmal nennt er den „Geschästsromancier, der von Gnaden der Reklame und Judengenossenschaft einen augenblicklichen Modenamen ge- N'vnnen hat" im Gegensätze zu Gogol einen „reinen Stümper", das andere Mal im Gegensatz zu — Rochefort, der nämlich 1875 einen Roman..Les vöpra.vös" geschrieben haben soll — einen „Modefaiseur der Judenrasse". „Wer vergleichen will", sagt er, „der kann beobachten, wie geschäftliche Romanfabrikanten ü In Zola auch bei uns in Deutschland die weiteste nnd geflissentlichste Pressreclame und die buchhändlerische Begünstigung für sich haben, während man in sehr frequentierten Bücherlagern und zugehörigen Katalogen die verschiedenen Romane Rochefort's, ja überhaupt diesen Namen nicht antrifft." Bei Herrn Dühring, der die „Hebräer" bei jeder nur denkbaren Gelegenheit auf eine mehr als unfeine Weise beleidigt und gar an die „Thatsüchlichkeit des hebräischen Blutaberglaubens und der zugehörigen rituellen oder nichtrituellen Verbrechen" glaubt, sind solche Ausfälle noch das Mildeste. Bor seinen Büchern muss wie in einem von Hass und querköpfigem Fanatismus schwelenden Raume jeden guten Menschen Entsetzen und Augst befallen, und jede frohe und gütige Natur muss traurig werden, wie ein einseitig überspannter Geist gegen alle Lieblichkeit und Güte des Daseins wirkt. Ganz wertlos erscheinen dazu all seine weiten, ungesunden, sprunghaften, widerspruchsvollen Reflexionen, und rvenn ein thätiger Mensch sich durch sie hindurchgelesen hat, befreit er sich von dem Eindruck der Confusion und Abstraction wohl nur, wenn er sie wie eine weiße, leere Fläche ansieht und erst in seiner ureigensten Thätigkeit und Anlage etwas concret Geformtes und Sichtbares findet. Aber wie echt und tief demungeachtet all die querköpfigen Aeußerungen Dühring's ans seinem Blnte, der Flut aller Jnstincte, gefloffen sind, ergibt sich jetzt, wo sein Hass gegen Zola und seine Begeisterung für Rochefort durch die Ereignisse der letzten Zeit eine recht pikante Beleuchtung erfahren hat. Denn wer mit klarem, objeetiv vorsichtigem Blick diesem Problem nachspürt und nachschürft, wird bald verlvnndert erkennen, dass etwas wie ein Zusammenhang zwischen Zola nnd dem jüdischen Natioualcharakter besteht. Ein Zusammenhang mit den Zügen, die auch Friedrich Nietzsche, der übrigens gelegentlich seiner Abneigung gegen Zola einen recht drastischen Ausdruck gegeben, in seinem Antichristenthum bis zur wahnwitzigen Erschöpfung gehasst hat. Wenn sich bei einem Schriftsteller durch seine Werke die Persönlichkeit deutlicher als bei einem anderen eröffne^, so trifft dies vorzüglich bei Zola zu, dessen Werke nach des Meisters berühmter Definition Naturausschnitte sind, die er durch sein Temperament gesehen hat. Es ist nämlich eine seltsame Thatsache, dass dieses Temperament des Dichters sich zur psychologischen Beobachtung und Vergleichung umso besser darstellt, je mehr der Dichter hinter dem objcctiven Kunstwerke verschwindet; wie denn auch, was Dichterpersönlichkeit zur Charakteristik und Vergleichung von Natioiren, Epochen nnd socialen Zuständen beitragen, umso bedeutender ist, als die Forderungen des Realismus sorgfältig erfüllt sind. Wie wenig würde eine Gegenüberstellung sogenannter idealistischer Dichter, etwa Schillers und Corneilles, besagen und die Völkerpsychologie fördern, nitd wieviel die Gegenüberstellung realistischer Dichter! Dem feinsten Gradmesser gleich gibt die naturalistische Form sogar die Intensität der Künstlerfreude, die Innigkeit des Lebensgefühls an, wie sonst nur die beste Lyrik, und sondert demgemäß am schärfsten die einzelnen Dichterpersönlichkeiten. Was dergestalt bei Zola offenbar wird, ist die vollkommene Abwesenheit der reinen artistischen Freude; so dass man alles correcten Naturalismus ungeachtet beinahe die Gegenständlichkeit im Gvethe'schen Sinne vermisst. Nun darf man doch aber Zola nicht seinen vielen Mitläufern, den kleinen Talenten aus aller Herren Ländern gleichstelleu, bei denen wie mit matter, abgespannter Hand, ohne Frende daran, allein dem erlernbaren naturalistischen Mechanismus gemäß, die Details gehäuft werden. Bei dieser mechanischen Neben- und Nacheinanderreihung der Details ist es immer, als schreite der Schriftsteller mit ketrengefeffelten Füßen daher, nicht auf Wolken ziehen Träume und leichte Bilder dahin, sondern mühsam, schwerfällig nnd unbeholfen, tritt aus einer reizlosen und umständlichen Darstellung, allerdings mit einenc gewissen tiefen Eindruck, das Bild der darznstellenden Zustände hervor. Das, was den Meister von diesen Nachahmern unterscheidet, indem es gewissermaßen den Mangel der artistischen, ins Leben verliebten Freude ersetzt, ist ein gewaltiges, actives, moralisches, gesellschaftssatirisches Pathos. Hier ist eben, wie bei Ibsen, die innige Berührung mit dem historischen Judenthum, mit seinem moralischen Ethos und

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