Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 21 (27.5.1898)
- Article
- [Nachricht]
- Date
- 1898-05-27
- Page
- 4 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 21 Größere Subscriptionen wurden bisher von Lodz, Kiew, Wien nach Köln gemeldet. Kleinere von Jassy, Kattowitz, Reichenberg, Marktbreit rc. Aus Braila wird geschrieben: Ich habe Ihnen bereits telegraphisch gemeldet, dass Braila in den ersten zwei Tagen fünftausend Shares der jüdischen Colonialbank gezeichnet hat, und dass die vorgeschriebenen 10 Percent ordnungsgemäß deponiert wurden. An dieser ersten Subscription betheiligten sich vornehmlich die bemittelteren Classen. So zeichneten Herr B. Diamand 1000, Herr I. Bolehower 500, Herr Oscar Kirschen 300, Herr Esra Moscvwitz 300 Stück. Das Gros der Bevölkernng soll morgen beginnen und dürfte bis Ende dieser Wochen das Totale auf zehntausend Stück anwachsen. Niemand schließt sich von der Zeichnung aus, alle Juden haben sich auf einem gemeinsamen Terrain zusammengefunden, und da sowohl der Verein „Erez Israel" als auch der Lefevercin „Zion" eine rührige und energische Agitation betreiben, so ist nicht zu zweifeln, dass Braila aus dem Wettkampfe als „guter Erster" hcrvorgehen werde. Heute sprachen Herr Agent und der Schreiber bei der „Bnei Zion" vor einem zahlreichen Auditorium mit dem Resultate, dass nach der Versammlung eine stattliche Anzahl Shares gezeichnet wurden. Im Laufe der Woche wird die Ernte der heute ausgestreuten Saat erfolgen. Kommenden Sonntag sprechen die beiden Herren wieder vor dem Massenmeeting des „Erez Israel", um dann von Neuem zu sammeln und so weiter, bis jeder Jude dieser Stadt die Anwartschaft hat, ein vollberechtigter Sharebolder der jüdischen Colonialbank zu werden. Die Zahlstelle für die hiesigen Zeichnungen ist das Bankhaus Rottenberg & Co., das in der liebenswürdigsten Weise und ohne jeden, wie immer gearteten Entgelt sich der nicht unerheblichen Mühe unterzogen hat, die 10 Percent gegen Quittung in Empfang zu nehmen und zur Verfügung des Kölner ComitOs zu halten. Um die Arbeiten rasch zu erledigen und die Agitation energisch und zielbewusst zu betreiben, hat der Verein „Erez Israel" eine separate Bankcommission eingesetzt, bestehend aus den Herren Tinerman, Herz und Dr. Moscvwitz mit dem Schreiber als Obmann. Diese Herren halten täglich Sitzung ab. I. H. E l l m a u n. Vertrauensmänner, welche Subscriptionsfornmlare wünschen, mögen sich an das Comit^ wenden. Unter den vielen Anregungen, welche bereits an das Bankcomitü gelangt sind, ist die nachstehende Zuschrift ans Sofia bemerkenswert: Ich glaube annehmen zu dürfen, dass außer dem vorherbestimmten Hauptzweck, das Ziel der Colvnialbank auch das sein soll, den unbemittelten Classen unseres Volkes die unbeschränkte Möglichkeit zu gewähren, sich an der Snbscription zu betheiligen. Diese Leute sollen ihre Ersparnisse in Shares anlegen können. Dadurch könnte sich ihr Wohlstand heben, denn ich habe den guten Glauben, dass unsere Actieu zukünftig bedeutend wertvoller werden müssen. Dieses Ziel kann nur durch Gewährung von möglichst längen Abzahlungs-Zeiträumen erreicht werden, weil diese Classe bis nun fast kein erspartes Capital besitzt, und deshalb nur soviel Actieu kaufen kann, als sie jährlich ersparen kann. Auf diese Weise wird zum Beispiel jemand, der jährlich ein Pfund ersparen kann (bei einem Jahre Abzahlungs-Zeitraum) nur eine Actie kaufen können, währenddem er bei zehnjährigem Abzahlungs-Zeiträume zehn Actieu kaufen und jährlich eine abzahlen kann. Sollte (wider Erwarten) das Bankconsortinm einen derartigen Modus unpraktisch finden, möchte ich Sie höflichst bitten den Vorschlag zu machen, fämmtlichen Subscribenten, auf ihr Verlangen eine neunjährige Hypvthekenanleihe (unter Garantie der Actieu) von L0 Percent gegen Zinsvergütung zu gewähren, mit der Verpflichtung, jedes Jahr einen nennten Thcil der Anleihe sammt zufallenden Zinsen zu decken. Aus Johannesburg (Transvaal) wird eine rege Agitation für Share-Subscription gemeldet. Unter den Shareszeichnern in Wien befinden sich: Tr. Hcrzl 2000, Paul Naschauer 1000, Architekt Oskar Marmorek 500, Dr. Alexander Marmorek 500 Stück. & Ein Jubiläum. Von Dr. Friedemann (Berlin). Die Zeiten und mit ihnen die Völker ändern sich, aber sie schreiten in ihren Ideen durchaus nicht gleichmäßig fort. Eine langsam stetige, durch äußere Einflüsse ungehemmte Entwicklung von Ideen kann nur bei den Nationen stattfinden, bei welchen nicht das Genie einiger weniger Männer die Massen zu vergänglichem Strohfener entflammt, sondern bei welchen die historische Enttvicklung mit unabwendbarer Consequenz neue Ge danken erfordert. Einen besseren Beweis hicfür könnte man schwerlich suchen und finden, als ihn Frankreich und England gegenwärtig in der Judenfrage bieten. In crsterem Lände schamloseste Ansbrüche des Rasten- und Religionshasses, denn auch solcher liegt wenigstens bei den klerikalen Franzosen dem Antisemitismus zu Grunde. Und wer den Franzosen im eigenen Laude kennen gelernt hat, war kann: überrascht davon, denn es gibt wohl in vielen Punkten keine, trotz der Pariser Politur, vorurtheilsvollere, und am kleinlichen hafteudere Station als die französische hundert Jahre nach Rousteau und Voltaire. Tie Einwohner südfranzösischer Provinzstädte können sich in dieser Beziehung getrost mit Wien und Krähwinkel messen. In England dagegen, dem klassischen Lande des historischen und politischen Verständnisses, finden wir auch in Benrtheilung der Juden nennenswerthe Fortschritte, die uns anschaulich werden, wenn wir 50 Jahre zurückblicken. Fast genau ein halbes Jahrhundert ist verstrichen, seit das Oberhaus—am 26. Mai 1848 — die erste Judenemancipationsbill mit 163 gegen 128 Stimmen also mit 35 Stimmen Majorität verwarf, weil alle I n d e u N a t i o n a l j u d e n seien. Wilde Kämpfe waren diesem Ergebnis vorangegangen, und mit Wort und Schrift die „endlose Bill" angegriffen und vertheidigt worden. Bor allem war es die hochkirchliche Partei unter Führung des Sir Robert Jnglis, des Vertreters für Oxford, die schon im Unterhause das Gesetz mit der Motivierung zu beseitigen suchte, „ein jndaisiertes Parlament", könne nicht die Angelegenheiten der englischen Hochkirche ordnen, überdies sei die Stimmung im Volke durchaus gegen jede Verbefferung in der Stellung der Inden. Um letztere Behauptung zu erweisen, verlangten die Ultra-Protestanten eine längere Vertagung der Berathung, damit dem „protestantischen Volke im vereinigten Königreiche Zeit ge geben sei, seinen Unwillen gegen die Maßregel auszusprcchen." Die Vertagung wurde auch beschlosten, aber ohne jeden Erfolg für die Antragsteller. Die „Times", damals noch wirklich die sechste Großmacht, nahm lebhaft für die Juden Partei, Massenmeetings beschlossen Resolutionen zu Gunsten des Gesetzes, die Stadräthe der größten Städte, z. B. von Manchester petitionirten zu Gunsten der Inden emancipation. Macaulay, der berühmte Historiker, veröffentlichte in der „Edinburgh Review" einen Aufsatz, in dem er „christliche Regierung und christliche Kochkunst" als Ausdrücke von gleicher geistiger Bedeutung verhöhnte, und im Unterhause selbst hielt Sir Robert Beel eine Rede, in der es heißt: „ . . . Man lese über die Gräuel, die wir an den Juden gut zu machen haben, Hume und Sharon Turner nach. Ich bewundere, welchen Charakter trotz aller Verfolgung und Unterdrückung sich die Juden bewahrt habeit. Ans Englands Beispiel soll man sich für Graufauikeiten nicht mein berufen können. Sein Beispiel soll ein Balsam für die unterdrückten Juden an allen Orten sein und vielfach Nachahmung finden. Gerade weil ich nicht gleichgiltig gegen die Religion :md stolz darauf bin, einem christlichen Volke anzugehören, stimme