Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 21 (27.5.1898)
- Article
- Die Palästinafahrt
- Date
- 1898-05-27
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 jpfc$w<r Nr. 21 aber wirkungsvolle Mäßigung Wilhelms II. zittert es davor, er könnte auch den Rest des französischen Einflusses im Orient, das Protectorat über die orientalischen Christen, an sich bringen. Die Palästinafahrt erinnert die Franzosen in unheimlicher Art daran, dass sie einst die unwidersprochenen Schützer der Heiligen Stätten waren, und dass um der letzteren willen Frankreich zum Krimkriege steuerte. Haben der russische Argwohn und die französische Furcht eine Berechtigung? Rein psychologisch betrachtet, gewiss. Große, weitausgreifende Entwürfe haben Platz rn den Gedanken Wilhelms II., die wundersame Expedition nach Kiao-Tschou hat es gezeigt. Und seine gewinnende Persönlichkeit, von ungeheurer Machtfülle umstrahlt, wirkt moralisch erobernd, wo sie erscheint. Wer wird schlechthin bestreiten wollen, dass große, unausgesprochene Zwecke auch mit seiner Palästinafahrt sich verknüpfen mögen? Aber wenn man ihn einen Eroberer nennt, so ist er jedenfalls ein friedlicher Eroberer, der seinen Zielen mit den Mitteln der Civilisation und zum Heile der Civilisation nachstrebt. Und was in Palästina zu erobern ist, hat mit Krieg und mit Herrschaft nichts zu thun. Palästina wieder fruchtbar zu machen für die Völker der Welt, ihm seine alte Civilisation zu erneuern, es wieder zu einem Pivot der Cnltur und der Arbeit zu gestalten, ist so recht ein Ideal, wie es in die Gedanken Kaiser Wilhelms II. passt. Nur freilich bieten sich schwer die Mittel dazu an, wenn anders man von dem einzigen, welches Erfolg verheißt, nicht Gebrauch machen will. Dieses einzige Mittel ist die Neubesiedelung Palästinas mit denen, die es aus der Ferne seit zwei Jahrtausenden als ihre Heimat betrachten und ersehnen, und zwar die Neubefiedelung unter dem sicheren Schutze großmächtiger Bürgen. Meint jemand, Wilhelm 11. sei nicht voruriheilslos genug, um zu erkennen, dass die heimkehrenden Juden das einzige verlässliche Culturelement sein würden, um Palästina den Interessen der Civilisation, des Friedens und der Ruhe im Orient dienstbar zu machen? Er ist modern und zugleich romantisch genug, um diese große Idee zu verstehen und zu fördern, er ist Realist genug, um ihre Ersprießlichkeit für die Weltpolitik zu würdigen, und Idealist genug, um sich vor der Gerechtigkeit der Geschichte zu verneigen. Er wird an Ort und Stelle die Größe der Idee, ermessen, denn er sieht scharf und sein Blick reicht in die großen Weiten der menschheitlichen Entwicklung. Er ist ein Freund des Sultans, dem das von den Juden wieder besiedelte Palästina eine Stütze und ein Bollwerk sein würde. So werden den protestantischen Kaiser jüdische Schnsuchtsgedanken nach Jerusalem begleiten, und schwerlich sind ihm diese Gedanken unbekannt geblieben. Es sind nationale Gedanken, und keiner lebt heute auf der Höhe oder in der Niederung, der mit größerer Begeisterung und Thatkraft das Nationale im Geschichtlichen erfasst. Die Erlöserkirche in der Heiligen Stadt einzuweihen, zieht Wilhelm 11. nach Palästina: es gibt aber ein modernes Erlösungswerk, das des Mächtigen wartet, um vollbracht zu werden. Keine Romfahrt und kein Kreuzzug schafft heute mehr Ruhm und Glück und Frieden! Civilisation ist Macht, Befreiung ist Größe. Daran gemahnt Wilhelms II. bevorstehende Palästinafahrt, und ehrfürchtige Schauer der Geschichte vereinigen sich mit dem Athem der unmittelbaren Gegenwart, wenn man sich vorstellt, der deutsche Hohenzollernkaiser könnte geneigt sein, anders als Salier und Staufer, aus der Fülle seiner Macht auch neues, friedliches, fegenbringendes Leben wieder aussprießen zu lassen durch sein edles Fürwort für jene, die sich zurücksehnen nach der palästinensischen Heimat. Der zweite Baseler Cvngrefs. In einöm jüdischen Blatte wurde jüngst der urw rvahre Belicht eines Äkurucs veröffentlicht) dem die Wohlfahrt der Juden ebenso heilig zu sein scheint, wie sein Ehrenwort, das er nicht gehalten hat. Nun wird weiter gegen die zionistische Partei und ihre Leitung gehetzt. Zugleich werden aber die Freunde dieses Blattes oder vielmehr seine Hintermänner aufgefordert, den Schekel zu entrichten, um auf dem Congresse das Uebergewicht über die politischen Zionisten zu bekommen. Diese Aufforderung hat uns sehr ersteut. Es wird interessant sein, wenn sie befolgt wird, die Werkzeuge dieser neuen Volksrettcr kenne» zu lernen, die ihre Thätigkeit mit der Verleumdung beginnen. Was diese Gegner der politischen Zionisten auszeichnet, das sind nicht nur die Mittel, mit denen sie arbeiten, sondern auch die Personen, derer sie sich bedienen. Es ist characteristisch, dass diejenigen unserer Feinde, die sich gerade nicht der größten Tadellosigkeit erstenen können, ihre lieben Bundesgenoffen geworden sind. Der Subventionenjournalist, dann der Mann mit dem abgenützten Ehrenwort und die angeblichen Freunde des Volkes, welche cs vor dem politischen Zionismus schützend in ihre nicht hochgenug zu „schätzenden" Arme und Hände bekommen möchten, bilden eine Bereinigung. Da kann es allerdings nicht fehlen. Es ist gut, dass sich alle die schönen Seelen finden. Als sich im Vorjahre so viele an unsere Sache herandrängten, da war es klar, dass manches unzuverlässige Element, das eigene Ziele verfolgte, darunter sein werde. Es ist erfreulich, dass die reinliche Scheidung fo rasch begonnen hat. Mit dem Gefühle der Erleichterung wird jeder wahre Zionsrreund die Entlastuilg unserer Bewegung von solchen Elementen begrüßen. Nur wer ein reines Herz und reine Hände hat, soll an unserem Werke mitthuu. Tie Anderen mögen es bekämpfen. Das kann uns nur fördern. Wir wissen wohl, dass alle diese Angriffe erst „Präludien" sind. Das Grundmotiv lässt sich aber jetzt schon erkennen : Discreditiernng und Verleumdung der Führer soll die Bewegung vernichten. Und je mehr die Zeit des 11. Congreffes naht, umso größer werden diese Anstrengungen unserer Gegner. Sie ahnen es, dass dieser zweite Congress ihnen und ihrer „Arbeit" noch gefährlicher werden wird, als der erste. Deshalb können diese Minirarbeiten auch als Maßstab für die Thätigkeit dieser Gegner dienen und wir nehmen gerne von ihnen Act. Mit so großer Genugthuung und mit so geringer Sorge uns das Vorgehen dieser Menschen erfüllt, mit ebenso großem Bedauern würden wir es bemerken, wenn ihre Thätigkeit unsere Freunde irgendwie irritieren würde. Gerade jetzt, angesichts der großen Actionen, welche wir begonnen baden, und allen Perfidien zum Trotze durchzuführen hoffen, ist die Wachsamkeit und der Eifer unserer Gesinnungsgenoffen dringend geboten. Die Parteileitung erwartet, dass jeder seine Schuldigkeit thun wird. Das haben auch unsere Freunde zumeist erkannt und nicht nur gegen diese Angriffe in scharfer Weise Stellung genommen, sondern mich in zahlreichen Zuschriften an das Actionscomiw erklärt, nun erst recht in ihren Bemühungen fortzufahren. Die Arbeiten des zweiten Congreffes sollen nach ihrer Ansicht jedem unserer Freunde und auch jedem nuferer achtungswerten Gegner den Beweis liefern, wie wenig die planmäßig betriebene und von unseren Feinden soutenierte Besudlungsarbcir auszurichten vermag. Die Vorarbeiten zum Congress sind auch wirklich - im besten Fortgang. Aus allen Ländern des Erdballs laufen die Meldungen über die Erfolge der Agitation, der Schekelenrrichtnng und der Banksubscription ein. Aus Südafrika und Amerika wurde das Cvrnitö um eine frühere Festsetzung des