Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 21 (27.5.1898)
- Date
- 1898-05-27
- Page
- None (sequence 1)
- Language
- German
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n-—-:-2i Vedartwn und Administration: Wie» IX., Türkenstraße 9. Telephon Nr. 8805. Q-s Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkenstraße 9, zu richten. Unfrankierte Briese werden nicht angenommen und Manuscripte nicht zurückgesendet. ^-L, Preise der Anzeigen: Die viermal gespaltene Petitzeile IO kr. Einzelne Nunrmern 15 kr. U-0 * Oesterreich-Ungarn; halbjährigfl. — a Kr., ganzjährig a fl. 12 Sir.; Für das Ausland: Deutschland * ganzjährig Ui Mk. 7<) Pf., halbjährig <r Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 Shg., halbjährig 7 Shg., Russland ganzjährig 7 R., halbjährig N R. .50 Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Egypten ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 8 Doll. 40. Nr. 21. Wien, 27. Mai 1898. 2. Jahrgang. WM— Da Ende Mit! Line größere Anzahl von Abonnements abgrlausen ifl, so werden die Betreffenden erinnert, die Erneuerung rrrlztzerttg vorzunrhmrn, damit in der Zustellung des Blattes keine Unterbrechung eintrete. Die Administration. Die Palästinafahrt. Von O. Crter. Es ist ein großer Unterschied der Zeiten. Mit der Klage über den Niedergang des romantischen Ideals und die Entgötterung der Welt ist er nicht erschöpft. Es gibt noch Romantiker, aber sie sind anders als vordem, und es gab immer Materialisten, die aber ebenfalls anders waren, als die heutigen. Kaiser Wilhelm II. ist ein Romantiker, aber wie verschieden ist seine Physiognomie von der des dritten Ottonen oder von der des „letzten Ritters"! Diese heutige Kaiserromantik macht keine Romfahrten und predigt keine Kreuzzüge, sie ist so durch und durch zweckbewusst, dass man sie, wenn es nicht eine eontrallietio in aäjecto wäre, die realistische Romantik nennen könnte, und während sie die unverkümmerte Entfaltung der ganzen Persönlichkeit gestattet, hindert sie doch auch nicht, dass den anspruchsvollen Inhalt der „schöne Schein" umhüllt. Wilhelm II. ist der Kaiserromantiker von heute; er verkündet, dass die Zeit, deren Sohn er ist. im Zeichen des Verkehrs stehe, und öffnet dem letzteren die chinesische Pforte; aber er geht auch nach Jerusalem, um dort die protestantische Erlöserkirche einzuweihen und wie ein leuchtendes Meteor den erneuerten Glanz der Kaiser-Autorität zu verbreiten. Von ihm darf man wirklich sagen, was Wallenstein von dem jungen Piccolomini sagt, dass er „um die gemeine Deutlichkeit der Dinge den goldenen Duft der Morgenröthe webe". Natürlich, wenn Wilhelm II. nicht die starke Persönlichkeit wäre, die er ist, und wenn man ihn großer Dinge weniger fähig erachtete, als man es thut, so würde seine Palästinafahrt von niemandem in einem anderen Lichte angeschaut werden, als in dem eines prunkvoll frommen Schaustückes. Aber dieser Kaiser, der Soldat vom Wirbel bis zur Zehe ist und dennoch um der Wohlfahrt seines Polkes willen den Frieden hütet, der mit fast mystischer Hingebung die Unnahbarkeit der Krone vertheidigt und dabei jeden Conflict derselben mit dem Volksgeiste klug vermeidet — dieser Kaiser kann nichts beginnen, worin nicht eine besondere genialische Absicht vermuthct wird; seine Worte und seine Handlungen umleuchtet trotz ihres realistischen Inhaltes ein blendender romantischer Schein. An dem jetzt der Verwirklichung entgegengehenden Projekte der Palästinafahrt kann man dies mit besonderer Deutlichkeit wahrnehmen. Der protestantische Kaiser will persönlich den Protestanten in Jerusalem die Kirche einweihen; es ist an sich nichts weiter als eine prunkhafte kirchliche Demonstration. Aber in Petersburg und in Paris verspürt man darüber ein unverhohlenes Missbehagen, denn man traut diesem Kaiser zwecklose Demonstrationen nicht zu, man ist überzeugt, dass er nichts unterninimt ohne weitreichende Motive, und man stellt sich daher auch diese Palästinafahrt als eine politische Recognoscierungssahrt vor, deren wahrer Zweck sich hinter einer großen kirchlichen Ceremonie verbirgt. Was argwöhnt man in Petersburg und wovor zittert man in Paris? In Petersburg hat man seit einem halben Jahrhundert unermüdlich daran gearbeitet, nach dem alten diplomatischen Recepte des „üte-toi que je m’y metleu den englischen Einfluss . am Goldenen Horn durch den russischen zu ersetzen, und als man eben am Ziele angelangt zu sein glaubte, saß ein Dritter auf dem ersehnten Platze — Deutschlands Einfluss hatte den englischen verdrängt und war dem russischen zuvorgekommen. Dieses ganz in der Stille vollbrachte diplomatische Meisterstück war Wilhelms II. eigenstes Werk; er hatte sich als Gast des Sultans dessen persönliches freundschaftliches Vertrauen erworben. Die tückische Armee wurde von deutschen Jnstructoren kriegstüchtig und siegesfähig gemacht, die türkische Integrität hatte an dem deutschen Kaiser einen mächtigen Fürsprecher, deutschen Großconcessionären wurde der Bau der anatolischen und kleinasiatischen Bahnen überlassen. Nun wiederholt Wilhelm II. seinen Besuch im Reiche des Padischah, und als der eigentliche Schöpfer einer selbständigen deutschen Orientpolitik verursacht er durch seine Fahrt in Russland die Beklemmung, dass Deutschland „im Zeichen des Verkehrs" sich als neue Orientmacht auf der Zwischenlinie zwischen der russischen und der englischen Interessensphäre von der Levante bis zum persischen Meerbusen einschieben könnte. Palästina liegt aus dieser Linie, es ist die große historische Etappe. Das ist die russische Sorge. lind die französische? Frankreich ist alter lleberlieferung gemäß die Schutzmachi der orientalischen Christen, es hält eifersüchtig an dieser lleberlieferung fest, welche ein Theil seines internationalen Prestige ist, und von jeher geängstigt durch die kluge.