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Die Welt · 1898-05-20 · 20 (20.5.1898) · p. 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
20 (20.5.1898)
Article
Drumont's Triumph
Date
1898-05-20
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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aus ihnen den tiefliegenden Grund zu dieser ungewöhnlichen Einstimmigkeit heransflnden könnte. Allein, es sollte mich nicht wundern,'wenn nicht die Regierung selbst dieses Resultat bewirkt hätte. Was die Taktik der Juden anbelangt, so war sie von Ansang an so ungeschickt, dass ein anderer Ausgang noch viel erstaunlicher gewesen wäre. Aus den Zahlen ergibt sich vorerst ganz klar, dass sich die Juden eimnüthig der Wahl enthalten haben, obschon es abgemacht war, dass sie wie ein Mann stimmen sollten. Wohl standen vor den Wahllocalen judenfeindliche Mauren, die mit dicken Stöcken bewaffnet, jedem herannahenden Juden den Eintritt versperrten, aber unter solchen Umständen empfahl sich die Erklärung des Belagerungszustandes und die Aufschiebung der Wahl von selbst. Auch die geringe gegen Max Regis, Guvrin und Louis Regis entfaltete Energie war nur dazu angethan, die Gemnther zu Gunsten von Drumont aufznregen, denn, entweder hätte man diese und noch mehr Herren ins Gefängnis stecken und auch auf viel längere Zeit fefthalten sollen, was sie von rechtswegen reichlich verdienten, — oder man hätte sie ruhig, ohne solche halbe Maßregeln, laufen lassen sollen. . Diese Heimtücke der Regierung ist durchaus keine willkürlichsnpponierte, das erhellt nicht nur aus ihren groben und unmöglich unwillkürlichen Fehlgriffen, sondern aus positiven Maßregeln, worunter die Dazwischenschiebung von sogenannten Abwendungscandidaten mit unverhohlenem officiellen Gepräge, deren Jntervenierung lediglich zum Zweck hatte, S a m a r y etliche hundert Stimmen zu entziehen; denn, wer Drumont zu antisemitisch fand, konnte nur fiir Samary, aber nicht fiir einen Unbekannten stimmen. Welches Jntereffe die Regierung daran gehabt haben mag, ist nicht schwer erklärlich. Es ist nicht unmöglich, dass die Wahl Drumont's tu den clerikal-meline'schen Vertrag hineingehört. Ein Deputierter wie Drumont, der ein schlechter Redner ist, flößt einer Regierung weniger Sorge ein als etwa ein guter Debatter. Was darin Wahres sein mag, wird sich später Herausstellen, aber unwahrscheinlich ist diese Drumont ireundliche Intervention der Negierung nicht. Tie Juden haben gleichfalls gefehlt. Darüber ließe sich ein ganzes Buch schreiben. Zuerst haben sie principiell jedes einheimische jüdische Element von dem Feldzug ferngehalten und haben sich christliche Anarchisten von Paris kommen lassen, die kaum gelandet, von den Antisemiten erkannt, durchgebläut und in 24 Stunden zu Gunsten Drumont's total discreditiert wurden und der Judensache so furchtbar schadeten, dass die uneingeweihten Pariser Blätter glaubten, Drumont hätte sie selbst ganz macchiavelistisch konunen lassen. Bon den Placaten aller Art, voller Enthüllungen über Drumont, Gudrin und Andere, die sonst überall, wo man auf Ehrlichkeit Wert legt einigen Erfolg gehabt hätten und die das entgegengesetzte Resultat hervorriefen, will ich gar nicht sprechen. Der größte Fehler lvar aber, dass die algerischen Inden selbst, vor drei Monaten eine Deputation nach Paris schickten, um sich Rath und Geld für Algier bei den Pariser politischen Juden zu holen. Sie sind zwar in ihrer Mehrzahl sehr reich und kennen die Verhältnisse sehr gut und brauchten Paris keineswegs. Aber sie sind an der heutigen Lage der Inden schuld und haben sich Rath geholt, um nöthigenfalls die Verantwortlichkeit auf Paris abzuwälzen, und sie haben um so lieber die Leitung des Wahlkampfes dem Pariser Comite überlasten, als sie selbst dadurch der Pflicht entledigt wurden, mit dem eigenen Geld heranszurücken. Das Resultat ist, dass Paris eine schwere Geldsumme einbüßt, dass Drumont jetzt als Imperator Algiers zurückkommen wird, und dass die Juden mehr als je werden fühlen müssen, was der Judenhass ist. In Oran war es noch schlimmer. Seit vier Jahren kämpfen die Gebrüder Bidal Mardochäe Schalom gegen die Antisemiten und haben zusammen mehr als 30 Duelle und viele Gefängnisstrafen zu bestehen gehabt. Da der Antisemitismus dort nur wahlpolitisch aber nicht religiös oder kaufmännisch ist, (der Christ ist dort kein Kaufmann, und die Clerikalen gehen mit den Juden gegen die anticlerikalen Antisemiten Hand in Hand) — so empfahlen die Gebrüder Schalom die Enthaltung von der Wahl. Das konnte nur der Jndenmasse, aber nicht den jüdischen Wahl-Agenten und Händlern vom Consistorium Pasten. Sie klagten aber nicht und trieben sogar die Schalom dazu, in ihre Zeitung dem Colonoranais für die Wahlenthaltung zu schreiben. Zugleich trennte man die zwei Brüder, indem man den von den Antisemiten verhasstesten, der öffentlichen Ruhe halber nach Paris zu fahren beschwor. Auf einmal schloss das Consistorium eine förmliche Allianz mit den Antisemiten gegen die Schalom und forderte die Oraner Juden auf, für den judenfeindlichen Deputierten St. G e r m a i n zu stimmen. So sehen wir heute ein offenes Syndikat von den Juden Simon K auoni, Obmann des Consistoriums, Mardochee Ben ich vn, G a r o n und M e d i o n i an der Seite der Antisemiten B i d a i n e und P e f f a n, die vor einigen Monaten die Antisemitenrotten gegen die Juden und Judenläden aufhetzteu und überhaupt die unvergesslichen Oraner Unruhen anstifteten. Solche antisemitische Herren haben nunmehr ihre Schulden dank dem Pariser Judenwahlcomite theilweise bezahlt und leben herrlich und in Freuden, angesichts der von Raub und Todschlag vor Elend verhungernden Juden, von deren Wahlzetteln, von deren Blut sie alle weiterhin leben werden. — P. PopMr-mffenschaMchk Rundschau. Eine Holzbahn. In Neu-Schottland, einer waldreichen Provinz der britischen Besitzungen aus Canada, ist eine höchst eigenartige Bahn eröffnet worden. Ihre Züge rollen anstatt auf Eisen- oder Stahlschienen auf geglätteten Baumstämmen dahin, während die Räder aus gepresstem Papier hergestellt sind. Diese Bahn ist in der Provinz bereits die dritte ihrer Art. Sie besitzt eine Länge von 15 englischen Meilen und dient hauptsächlich zum Transport von Kieselerde und Holz, welches von den Bergen thalabwärts geschafft wird. Da das Holz dort außerordentlich wohlfeil ist, so stellen sich die Erbauungskosten derartiger Bahnen erstaunlich niedrig. Zweistöckige Personenwagen. DiePullmann'sche Waggonfabrik in Chicago baut gegenwärtig für den Localverkehr bestimmte zweistöckige Localbahnrvagen. Diese Wagen sind 38 englische Fuji lang und 13 Fuß hoch, mit einem Gesammtgewicht von 15 Tonnen bei voller Besetzung mit 90 Personen. Neuerungen in China. Der bekannte Ethnograph E. v. Heffe-Wartegg schreibt der „Köln. Volksztg." aus Shanghai. März, über allerlei interessante Neuerungen im Reiche der Dritte. Man erfährt daraus, dass die neue Eisenbahn zwischen Woosung und Shanghai im Juni dem Verkehr übergeben werden soll. In verschiedenen Provinzen des Reiches sind Eisenbahnen im Bau, von der neuen Bahn Hankau-Peking sind die ersten 15 Kilometer fertig, und die Züge der im vergangenen Jahre eröffneten Strecke Tientsin-Peking sind zum Erdrücken mit Chinesen gefüllt. Ja sogar der Kaiser hat sich einen neuen Salonwagen bauen lassen, um mit Einbruch des warmen Wetters eine Reise nach Tientsin zu unternehmen. Der Kaiser von China auf einer Eisenbahn! Zwischen dem einige Kilometer von den Thoren Pekings befindlichen Bahnhofe und der Hauptstadt wird demnächst eine elektrische Bahn angelegt. Wie Shanghai, so ist auch Tientsin schon elektrisch beleuchtet, ja sogar einige Straßen des Chinesen-Viertels von Tientsin haben in der letzten Woche elektrische Beleuchtung bekommen! Von bestimmtester Quelle erfahre ich, dass der Kaiser aus eigenem Antriebe aus einem amerikanischen Buchladen in Peking -100 verschiedene Werke in englischer Sprache für seinen Gebrauch bestellt hätte. Durch ein eigenes kaiserliches Edict ist kürzlich das Studium von Geographie, Geschichte, Mathematik und anderen abendländischen Wissenschaften anbefohlen worden. Die wichtigste Neuerung jedoch, welche in das gesammte Leben der Chinesen am tiefsten einschneidet und für sie wie für die Europäer von größtem Nutzen sein wird, ist die Eröffnung der freien Schiffahrt auf allen Inland-Gewässern Chinas im Juni. Mit ihr ist dem europäischen Handel mit China der weiteste Spielraum gegeben. Im Gebiete der Petrol cum quellen in Baku bildete sich eine neue Quelle, die 500,000 Pud Naphta täglich auswirft. Durch elektrisches Licht hervorgerufcue Vegetation konnte in der Drachenhöhle bei Jserlohe beobachtet werden. Dort ist hinter einer elektrischen Glühlampe, die etwa 6 bis 10 Meter vom Eingang der Höhle entfernt ist. an der Wand eine Moosvcgetation entstanden, die vor Einführung der elektrischen Beleuchtung

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