Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 20 (20.5.1898)
- Article
- Prof. Dr. Hermann Schapira
- Date
- 1898-05-20
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Entbehrungen, zuerst buchstäblich als Taglöhner, dann später als Angestellter eines Handlungshauses in Odessa, erwirbt er sich die spärlichen Mittel zum Studium. Und nun beginnt ein zehnjähriges Wanderleben: London, Berlin. Heidelberg, wo er sich den mathematischen Doctor holt, dann wiederum Odessa und endlich Heidelberg, das sind die Stationen dieses unruhevollen Daseins. In der lieblichen Neckarstadt lässt er sich endlich als Privatdocent nieder, und wenige Jahre später ersolgt seine Ernennung zum außerordentlichen^Professor der Mathematik. Es ist nicht unserelSache. hier über seine wissenschastlichen Leistungen zu urtheilen, aber "man bedenke wohl, was es heißen will, wenn eine deutsche Fakultät einen russischen Juden, der keiner Clique angehört und stets nur mit den reinlichsten Mitteln gearbeitet hat, zum Professor wählt. Da sind außergewöhnliche Leistungen als unumgängliche Voraussetzung anzunehm-n. Schapira war jedoch weit entsernt davon, nun auf seinen Lorbeeren auszuruhen. Jetzt erst beginnt der schönste Theil seiner Wirksamkeit, die Thätigkeit für sein Volk. Der national-jüdische Gedanke war damals erst im Keime vorhanden, nur das Eigenthum kleiner Kreise. Aber zu diesen gehört auch Schapira; er ist schon damals ein Chowew Zion und begründet in Heidelberg den ersten nationaljüdischen Verein Deutschlands. Und als endlich die Saat herrlich aufgieng, als der Baseler Congress zu Stande kam, da war er einer der Ersten, die dem Appell Folge leisteten. Er eilte hin, arbeitete tapfer mit, trotz der Jüngsten, und bei allen Meinungsdifferenzen im Einzelnen war Niemand entzückter über den Erfolg des Ganzen. Seitdem verbleibt er in der Arena. Seiner angegriffenen Gesundheit nicht achtend, stürzt er sich muthig in das Gewühl der Volksversammlungen, er spricht in Berlin, in Frankfurt, er fährt, kaum von einer schweren Krankheit genesen, nach Köln, um hier an einer zionistischen Conferenz theilzunehmen. Und als Soldat auf dem Schlachtfeld wird er vom Tode ereilt: eine Lungenentzündung befällt ihn, und am dritten Tage der Krankheit, am Sonntag, den 8. Mai, Abends 10 Uhr, haucht er seine reine Seele aus. Trotzdem Schapira hier in Köln nur wenige persönliche Beziehungen hatte, so hatte sich doch am 10. Mai ein stattliches Gefolge eingefunden, um ihm das letzte Geleite zu geben. Auf dem Friedhof sprach zunächst der Rabbiner Dr. Rosenthal. Dann richtete Professor Lehmann aus Heidelberg, ein langjähriger Freund des Verblichenen, bewegte Worte an die Versammelten und legte im Aufträge der Heidelberger Universität einen Kranz nieder. Hatte Professor Lehmann hauptsächlich den edlen Menschen und großen Forscher betont, so hob in der nun folgenden Ansprache Dr. Bodenheimer, als Vorsitzender der zionistischen Vereinigung für Deutschland, die eifrige zionistische Thätigkeit Schapiras hervor. Zwei Ideen waren es, so führte der Redner aus, innerhalb der größeren Ziele der ganzen Bewegung, für die der Verstorbene gekämpft hat: die Schaffung eines nationalen Fonds zum Erwerb von Land für das ganze jüdische Volk und die Errichtung einer jüdischen Hochschule in Jerusalem. Felsenfest sei er von dem baldigen Siege der zionistischen Idee überzeugt gewesen, und als er im Vorgefühl des nahen Todes von ihm Abschied genommen, da habeer ihm zugerufen: „Harren Sie aus! Wir werden siegen!" Es sprachen noch ferner: Dr. Marc use im Aufträge der persönlichen Freunde zu Heidelberg und Mannheim, Prof. Steiner für den mathematischen Verein in Heidelberg, Herr David Wolffsohn für das Actionscomitö des Zionistencongreffes, Herr Birkenstein für die zionistische Ortsgruppe Frankfurt, Herr ktnä. Epstein in hebräischer Sprache für den Heidelberger zionistischen Studentenverein, zu dessen Gründern der Verstorbene gehört hatte. So ruht Schapira nun am Rheinufer vom harten Daseinskanipfe aus. Die Lebenden aber werden sein Andenken am besten ehren, wenn sie ihm nacheifern in Lauterkeit der Gesinnung, in feuriger Liebe zu ihrem Volke, auf dass das Wort des Dichters in Erfüllung gehe: „Was vergangen, kehrt nicht wieder, „Aber gieng es leuchtend nieder, „Leuchtet's lange noch zurück!" 82. Ein (Sriilj*)- Sei mir gegrüßt Zion, und du Jerusalem, 0 heilige Stadt! Heil dir und meinen Brüdern, die in deinen Lehrhäusern Gottes Wort pflegen, die an deinen Ruinen heiße Thränen des Schmerzes vergießen und deiner Aufrichtung sehnsuchtsvoll harren. Heil denjenigen, die deinen Acker bestellen, mit Thränen säen und mit Jubel ernten. Heil denen, die der Sprache unserer Väter ihre Lebendigkeit wiedergeben. Seid mir gegrüßt ihr Jungen, die ihr die heiligen Laute sprechet, die ihr die Liebe zu eurem Baterlande mit der Muttermilch einsaugt. Heil euren Müttern, die an eurer Wiege heilige Lieder singen und mit den herrlichen Lauten unserer Propheten euch in den Schlaf wiegen. Wie sehne ich mich nach euch, meine Brüder und Schwestern! Welch heißes Verlangen in eurer Mitte zu weilen, mit euch Leid und Freude, Kummer und Hoffnung zu theilen. Wisset denn, dass auf euch die Augen aller gerichtet sind, die nach allen Weltenden hin zerstreut leben. An euch denken wir Tag und Nacht, nach euch sehnen wir uns. Friede sei bei euch! Mögen Friede und Eintracht in eurer Mitte herrschen, aus dass ihr als Vorbild dienet euren zerstreuten Brüdern, deren Einigung und Sammlung unsere heiligste Aufgabe bildet. Wir wissen wohl, 0 Brüder, ganz Israel weiß es, welche Mühe und Drangsale ihr tapfer und muthig ertraget. Was ihr bis heute ertragen und erduldet, ist uns weder unbekannt, noch wird es die zukünftige Geschichte unseres Volkes übersehen. Aber vergeffet doch nicht, dass alle die Müh- und Drangsale, die ihr ertraget, nur ein geringer Tropfen sind im unermesslichen Meere von Leiden, das sich über unser schwer geprüftes Volk ergoffen, und das unser Volk mit beispielslosem Muthe ertragen. Diesen Muth habt ihr eurem, unserem Volke zu verdanken und — ihr dürft nicht undankbar sein. Wisiet, meine lieben Brüder, dass das Wohl unseres Volkes und dessen Eintracht uns zu den größten Opfern ver- *) Anmerkung: Wir bringen unseren Lesern die Ueb ersetzurig der letzten Publication Prof. S ch a p i r a's, welche am Passahfeste im „Hazewi" erschienen ist.