Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 20 (20.5.1898)
- Date
- 1898-05-20
- Page
- None (sequence 1)
- Language
- German
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8-x Redsrtion * Erscheint jede» Freitag. r l-EJ Preise der Anzeigen: und Administration: Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an Die viermal gespaltene Petit¬ Wie« die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkenzeile 10 kr. IX.. Türkenstraße 9. straße 9, zu richten. Telephon Nr. 8805. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Einzelne Nummern 15 kr. S-1 l Manuskripte nicht zurückgesendet. | 2-n; 3 fl. — 6 Kr., ganzjährig 6 fl. 12 Kr.: Für das Ausland: Deutschland ganzjährig 7 R., Nr. 20. Wien» 20. Mai 1898. 2. Jahrgang. Der Zionismus und seine Gegner. Bon Dr. Max Nordan. (Vortrag, gehalten in Berlin.) (Schluss.) Ich will nicht die Vorfrage aufwerfen, ob diejenigen, die uns diese EinwLnde entgegenhalten, guten Glaubens sind. Ich bin bemüht, dies von allen unseren Gegnern anzunehmen, selbst von den Protestrabbinern, so schwer sie uns dies auch machen. Es sei also zugegeben, dass die jüdischen Antizionisten thatsächlich Juden bleiben, das Judenthum erhalten wollen, dass sie nicht im Geheimen das allmähliche Versickern des Judenthums im europäischen und amerikanischen Erdreich wünschen und erhoffen und sich nur darum gegen den Zionismus auflehnen, weil er den ihrer Meinung nach im besten Zuge befindlichen Aufsaugungsvorgang unterbricht. Ich wende mich nun zu diesen gutgläubigen Gegnern und beleuchte zunächst ihren dritten Einwand, der der leidenschaftsloseste zu sein scheint und thatsächlich der wichtigste ist. Er sagt: Das Judenthum bedarf zu seinem Bestände des Zionismus nicht. Die Juden leben seit zwei Jahrtausenden in der Zerstreuung, sie werden es weiter thun. Sie haben zwanzig Jahrhunderte lang der Verfolgung widerstanden, dies ist uns eine genügende Bürgschaft dafür, dass die Verfolgung ihnen auch künftig nichts anhaben wird, besonders da sie. Dank der höheren sittlichen Entwicklung der Völker, nicht wieder die grausamen Formen wird annehmen können, die sie so häufig in der Vergangenheit hatte. Also lassen wir Zion Zion sein und bleiben wir getrost, wo wir sind. Die so sprechen, find' beklagenswert, kurzsichtig oder schließen eigensinnig die Augen vor den sinnfälligsten Thatsachen. Sie glauben, dass die Verfolgungen künftig nicht mehr dieselben grausamen Formen annehmen werden, wie in der Vergangenheit? Ich würde Ihnen nicht rathen, darauf allzusehr zu bauen. Ich komme aus einer Stadt, wo vor wenigen Wochen der Schrei: „Tod den Juden!" durch die Straßen hallte. „Ein bloßer Schrei", sagen Sie? In Algier wurde ein Jude thatsächlich auf offener Straße bei Hellem Tage niedergemetzelt, der arme Dr. Schebat, den einige meiner Freunde persönlich gekannt haben. Einige tausend friedliche Bürger standen dabei und sahen lächelnd zu. wie eine Mörderrotte den wehrlosen Mann unter Martern todtete. „Was geht uns das an, was im fernen Algier oder selbst im näheren Paris geschieht!" Wiegen Sie sich nicht in Sicherheit. Das Beispiel, das ein großes Volk gibt, wird leicht von anderen Völkern nachgeahmt, und politische Grenzen haben nie als Schutzwehr gegen das Eindringen von Seuchen gewirkt. Auf der Reise hierher fuhr ich eine Strecke weit mit einem jüdischen Herrn zusammen, der mich und meine Bestrebungen kannte. Er meinte lächelnd: „Sie werden in Berlin mit Ihrem Zionismus keine Gegenliebe finden. Sie kommen um einige Jahre zu spät. Eine Zeit lang war es für die Juden auch bei uns ungemüthlich genug. Aber es ist sehr viel besser geworden. Der Antisemitismus hat stark abgenommen, und wir fühlen ihn in Deutschland kaum mehr." Sehr richtig. Der Antisemitismus hat stark abgenommen. Ruhig, methodisch, höflich, doch unwiderstehlich haben Regierung und Gesellschaft den Juden auf den Platz zurückgestellt, der ihm nach ihrer Auffassung gebürt, und nun haben sie keinen Grund mehr, sich gegen ihn zu ereifern. Die anständigen und vernünftigen Leute haben in einem wohlgeordneten, kräftig regierten, hochgesitteten Rechtsstaate wie Deutschland niemals gewollt, dass die Juden beraubt und todtaeschlagen werden. Man gönnt ihnen gerne das bisschen Leben, wenn sie sich demüthig in ihrer Ecke halten wollen, und hat nichts dagegen, dass sie sich im Handel mit alten Hosen sogar Wohlstand erwerben. Als den Juden die Gleichberechtigung wie süßer Wein zu Kopf gestiegen war, da hatten sie in trunkenem Uebermuthe die unzulässigsten Ansprüche erhoben. Drängten sie sich nicht in die Wissenschaft, in die Dichtung, die Kunst ein? Legten Sie nicht die Hand auf die Universitäten, die Presse, die Theater? Forderten sie nicht Richter- und Beamtenstellen? Verstiegen sie sich nicht bis zur unglaublichen Vermessenheit, Officiere werden zu wollen? Solcher Anmaßung musste mit allem Nachdruck entgegengetreten werden. Eine kurze, aber scharfe Anstrengung, und die gute Ordnung war wiederhergestellt. Die Juden erwachten aus ihrem Rausche zur gewohnten löblichen Nüchternheit und überwanden selbst das bisschen Kater bald, das sie noch eine kleine Weile belästigte. Sie verlangten nicht mehr, was ihnen nicht gebürt. Sie sahen ein, dass ein Jude auf ein Portepee, einen Richtertalar, einen Geheimrathsfrack keinen Anspruch habe. Sie versuchten nicht mehr, in Freimaurerlogen, in Verbindungen, in Vereine einzudringen, wo christliche Deutsche unter 'sich sein wollen, und waren schon dankbar, wenn arische Gönner einem Concessions-Moses gestatteten, in gemeinnützigen Gesellschaften als Schatzmeister zu figurieren. Und als auf diese Weise jeder seinen richtigen Platz wiedergefunden