Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 19 (13.5.1898)
- Article
- Brief eines Unentschlossenen
- Date
- 1898-05-13
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 Nr. 19 werden, ivenn eben das Haus ausgeplündert ist, oder wenn man gerade massacriert wurde. Darum glaube ich, dass Sie unter solchen Leuten am ehesten Anhänger finden können. Ich halte Ihre Bewegung überhaupt mehr für die unteren Schichten geeignet. Unsereiner hat das doch nicht nöthig. Dabei anerkenne ich ja, dass der Gedanke schön ist. Aber, wie gesagt, ich kann mich nicht entschließen, so prononciert aufzutreten. Die Leute nehmen alles übel, wenn man ein Jud ist. Sogar das Bücherschreiben. Neulich hat fich im Wiener Parlament einer darüber aufgehalten. Der Herr scheint übrigens auch sonst nicht gerade ein Bildungsfreund zu sein. Denn als der Abgeordnete Verkauf aus der National- Oekonomie zu eitleren begann, schrie er auf: „Ui je, ein Buch! Das Hab' ich nicht gern!" Dann aber begründete er die Ursache seiner Abneigung, indem er behauptete: „Die Bücher schreibt ohnedies nur ein Jud vom andern ab!" Da sieht man, wie den Juden Unrecht geschieht. Es ist doch wirklich nicht wahr, dass die Juden alle Bücher schreiben. Immerhin aber ist es schon gefährlich, fich in dieser Weise bemerkbar zu machen. Wenn der Heine keine Bücher geschrieben hätte, könnte er vielleicht heute schon ein Denkmal haben. Man schadet sich wirklich nur, was man auch anfängt. Es gibt Augenblicke, wo ich beinahe schon entschlossen bin, der Ihre zu werden. Wenn ich sehe, in welcher Weise die Juden beschimpft werden, wie groß der Hass ist, und wie unmenschlich alles an uns in den Schmutz ezogen wird I dann glaube ich an die Nothwendigkeit, as Selbstgefühl des niedergedrückten und verfolgten Volkes wieder aufzurichten. Ich meine die dreitausend Galgen für Juden, die in der Getreidezolldebatte verlangt wurden. Ein Schauspiel wäre das allerdings, aber da man nur Juden hängen will, blieben noch Ausbeuter genug übrig, und das Brot würde nicht billiger. Haben wir es wirklich nothwendig in allen Nöthen und Verlegenheiten als Sündenböckc yingeschlachtet;u werden? Die Mehrzahl, der Juden hungert ja auch, und das Getreide, das durch die reichen jüdischen Hände geht, würde vielleicht eben auslangen, die armen jüdisckien Mäuler zu stopfen. Da bleibt noch ein großer Rest von solchen, die in anderen Eonfessior"n hungern. Dass es nicht immer die Juden sind, die sich aufs Ausbeuten verstehen, sieht man jetzt in Palästina. Dort sind die eingewanderten Deutschen die Inhaber des Großhandels. Die Juden sind die Kleinhändler, und wahrlich, sie seufzen genug. Wie heute in unserer Gesellschaftsordnung die Geschäfte betrieben werden, gibt es eben keine nationalen Gründe für die Ausbeutung. Bei solchen Anlässen, wie bei dieser Galgengeschichte, habe ich immer den Wunsch, die Juden mögen sich zusammemh'.m und sich nichts gefallen lassen. Dann aber denke ich . och wieder an die Unannehmlichkeiten und an das Aufsehen, es muss doch heute ein jeder für sich selbst sorgen, nicht? Und ich hoffe noch immer, dass mit Bescheidenheit und Demuth friedlichere Zustände zu erreichen wären. In Amerika scheint man gegen die Juden noch nicht so strenge zu sein. Dort hat man gestattet, dass sich ein jüdisches Regiment aus 5000 Freiwilligen bilde und zum Kriegsdienst melde. Ich habe noch nicht gehört, dass jemand darin eine Aufdringlichkeit erblickt hat, oder dass amerikanische Studenten diesen jüdischen Soldaten im voraus die Waffenehre ab gesprochen hätten. Am Ende gelingt es diesem Regiment noch, sich im Felde auszuzeichnen, ohne dass deshalb der Antisemitismus in Amerika größer wird. Bei uns dürfte so etwas nicht Vorkommen, gleich würde es heißen, dass die Schlachtfelder verjudet sind. Im übrigen geht es bei uns den armen Juden auch nicht so gut als ich geglaubt habe. Dass jüdische Bettler bettelarm sind, wußte ich zwar, aber dass sie jetzt doppelt leiden müssen, erfuhr ich erst, als mir ein Bekannter erzählte, er habe einen Bettler als Juden erkannt und ihm die Thüre gewiesen. Mein Bekannter hatte keine Ahnung, dass ich ein Jude sei. Nun ja. man besitzt ja nicht immer den moralischen Muth, den der „Sohn des vielbelobten, großen, schriftgelehrten Rabbi Israel von Saragossa" der antisemitischen Alcaldentochter gegenüber bewiesen. Kurz, ich hatte meinen Bekannten noch nicht über diesen dunklen Punkt in meinem Leben aufgeklärt, und als er mir diese Geschichte erzählte, schwieg ich, weil ich ihm eine Verlegenheit ersparen wollte. Nun aber habe ich nachträglich doch so viel daran denken müssen, wie die Armen und Schutzlosen am meisten erdulden müssen von jenem Hass, den wir meistens aus Zeitungsberichten erfahren, und so schrieb ich meinem Freund, er möchte mir in Zukunft doch lieber solche Sachen nicht erzählen, weil — und ich sagte ihm, wer ich bin, rund heraus. Wie gesagt, ich stehe Ihrer Bewegung sympathisch gegenüber, und Sie sehen, ich fange schon an, meine Gesinnungen zu bethätigen. Ihr ergebener Unentschlossener. p Büchrrwrlt. Geschichte der Religio» im Altcrthum bis ans Alexander den Große». Von E. P. Tiele. Deutsche autorisierte Ausgabe von G. Gehr ich. I. Band. Erste Halste: Geschichte der ägyptischen und der babylonisch-assyrischen Religion. Gotha, 1867. Octav. Wer niemals vergleichende Studien aus dem Gebiete der Religionsgeschichte getrieben hat, vermag dem wissenschaftlichen Verständnis des Judentums eben so wenig gerecht zu werden, als der Mediciner, welcher die Anatomie und Physiologie der Wirbelthiere nicht kennt, den menschlichen Organismus wissenschaftlich zu begreifen und zu würdigen im Stande ist. Es ist daher unumgänglich nothwendig, dass Jeder, welcher zu einer wissenschaftlichen Erkenntnis des jüdischen Glaubens und Lebens gelangen will, außer der eigenen die bedeutenderen historischen Religionen in ihrer Entwicklung genauer kennen lernt. Erst durch das Studium fremder Religionen schärft sich das Auge für die specifische Eigenthümlichkeit und den ewigen Inhalt der eigenen; nur so lernt man es, auch in dieser objectiv und pietätvoll die unvergängliche Wahrheit von dem vergänglichen Gleichnis zu scheiden. Das uns vorliegende treffliche Buch enthält keine allgemeine Geschichte der Religionen des Alterthums, sondern nur die eigentliche Geschichte der Religion. Diese ist keine nach einem gewissen Princip, sei es nun nach der wechselseitigen Verwandtschaft oder nach dem erreichten Entwicklungsgrade, geordnete Beschreibung aller Religionen, sondern eine Schilderung der Entwicklung der Religion, d. h. des religiösen Menschen, in der Geschichte der Menschheit. Sie geht nicht von einer bestimmten Voraussetzung aus, sondern gründet sich auf Wahrnehmung und Untersuchung des wirklich Geschehenen; sie wird lediglich aus der Geschichte historisch zusammenhängender Religionen erkannt. Jede historische Religion trägt durch ihre eigenartige, einseitige Entwicklung zu der allgemeinen Entwicklung der Religion das Ihrige bei, und die Religionen der Völker, welche miteinander in Berührung kommen, wirken entweder befruchtend oder, selbst wenn sie sich bekämpfen, bildend auf einander ein. 6. „Ucber jüdische Kolonisten in Erez Israel", von S. Bromberg. Warschau 5658. (Jüdisch-deutsch). Der Autor dieser kleinen Schrift will eine „richtige Erklärung des Zionismus" geben. Wenn ihm das nicht in dem Maße gelungen ist, wie den von uns bereits besprochenen Jargonarbeilen Scholem-Alechems, so verdanken wir der Brochure die Mittheilung eines Briefes, den Rabbi Elias aus G r ö d i tz an den Rabbi Chaim Elcasar aus K a l i s ch gerichtet und den dieser in sein Werk "HTi ausgenommen hat. Rabbi Elias führt hier mit dem großen Apparate seiner talmudischen Gelehrsamkeit den Nachweis, dass die Erlösung Israels nur dann eintreten könne, wenn es auf dem Boden seiner Väter leben und arbeiten werde. Dieser Brief eines orthodoxen Rabbiners ist ein Argument mehr für die Haltlosigkeit jener Bedenken, die man in gewissen Kreisen aus religiösen (?) Gründen gegen den Zionismus zu hegen vorgibt. K; Unser Gesinnungsgenosse Bernard L a z a r e hat jüngst eme Sammlung von Skizzen und symbolischen Erzählungen „La Porte Vifcoire“ (Das Elfenbeinthor) bei Armand Eolin & Eie. in Paris veröffentlicht.