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Die Welt · 1898-05-13 · 19 (13.5.1898) · p. 12

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
19 (13.5.1898)
Article
Wien
Date
1898-05-13
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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Nr LS. ©eite 12 der Juden des X. Bezirkes in Erfüllung gegangen. Schon zur Zeit, als sie durch das Entgegenkommen des Herrn S. Eibus ch i tz in seinem Hause mehrere Wohnräume zum Gottesdienste adaptierten, dachten sie an den Bau eines eigenen Gotteshauses. Seit Jahren wurde für diesen Zweck unter der Aegide der Herren S. Rosenthal, Fried mann, Engel und zahlreicher anderer, die wir namentlich nicht aufzählen können, deren Verdienste aber nicht geringere waren, mit unermüdlicher Ausdauer gearbeitet. Im Jubiläumsjahre des Kaisers wurde endlich chr Streben vom schönsten Erfolge gekrönt. Zu dem Festacte hatten sich außer den Vertretern der Behörden die Mitglieder des Tempelvereines, Doceut Dr. Herz, der Präsident des Zionsvereiues im X. Bezirke, Dr. Max Rosenthal, die Vertreter fast aller Tempel- und Bethausvereine der verschiedenen Bezirke und noch zahlreiche andere Festgäste eingefunden. Rabbiner L ö w y hielt die durch Form und Inhalt hervorragende Festrede. Dr. T r i t s ch, der Schriftführer des Comites, brachte ein Hoch auf den Kaiser aus. Der Präses des Comites, Herr Carl Seligmann, der in aufopfernder Weise für den Tempelbau thätig war, darf auf den Erfolg seiner Thätigkeit und auf die überaus glänzende Feier mit Recht stolz sein und verdient reichlich die Anerkennung, die ihm von allen Seiten gespendet wurde. Bulgarien. Sofia. Die große Lücke, welche die Vacanz des Graudrabbinats in dem Gemeindeleben der Juden in Bulgarien verursacht, macht sich allenthalben fühlbar — fühlbar sogar in millifteriellen Kreisen. Wenn wir gut unterrichtet sind, so hat die Regierung bereits chren Unwillen über diese Sedisvacanz den Leitern ausgedrückt und diese beauftragt, dem Proviforiumsrabbinat ein Ende zu machen und einen Organisationsentwurf vorzulegen. Das Oomite synacogal fe£te hierauf eine Commission ad lioc zusammen, welche, wie verlautet, sich arbeitsmüde zeigte und ihr Mandat zurücklegte. Schwieriger noch wie jene organisatorische Arbeit stellt sich die Wahl des ersten jüdischen Würdenträgers der bulgarischen Juden dar. Die r Alliance Israelite Universelle“ wurde vom gestürzten Vorstände mit der Auswahl eines Rabbiners betraut, was dieselbe auch zusagte. Wir müsien nur lebhaft dieses Jndiefernefchweifen des ehemaligen assimilator' fchen Vorstandes bedauern, da das Beste am nächsten liegr. Im Lager der deutschsprechenden Rabbinerder jüngeren Generation gibt es sehr tüchtige jüdisch-wissenschaftliche Gelehrte, die nur allzusehr von ihren Collegen höherer Jahrgänge aus der Epoche des Assimilationspredigerthnms znrückgedrängt werden. Die heutige zionistische Strömung in Bulgarien würde einen antizionistischen Rabbiner nicht aufkommen lassen: der jetzige, als zionistisch bekannte Vorstand begeht daher einen Verrath an der eigenen Sache, so er noch immer nach dem heiligen Paris schielt. Von dort aus wurde ein Rabbiner Herr Samuel Schest in Vorschlag gebracht. Demgegenüber wird von zionistischer Seite Herr Dr. Marcus Ehrenpreis, gegenwärtig in Diakovar, bestens und nachdrücklichst empfohlen, ohne Wissen des genannten Candidaten. Wenn man zu den vorzüglichen rabbinischen Eigenschaften des Rabbiners Ehrenpreis noch in Erwägung zieht, dass derselbe mehrerer slavischer Sprachen kmrdig, dass er ferner gleich tüchtig im Deutschen ist, so sind dies besondere Bortheile für einen Rabbiner, der hierzulande mit slavischer Amtssprache zu amtieren hat. Auch für die deutschen Aschkenasim-Gemeinden kann keine bessere Wahl zu treffen sein, als diejenige, welche Herrn Dr. Ehrenpreis auf den Landesrabbinatssitz bringt, da dieser Brrrchtheil der jüdischen Bevölkerung mit ihm am leichtesten und angenehmsten verkehren könnte. Nimmt man noch fein großes talmudisch-hebräisches Wissen, seine Liebe zum Berufe als Lehrer und Unterweiser seiner Gemeinden, dann wird der Vorstand wohl nicht zaudern und nicht in Zweifel darüber gerathen, wen er als Seelenhirten der bulgarischen jüdischen Gemeinden zu berufen hätte. Russland. Lodz. Trotzdem sich viele unserer Glaubensgenossen großen Wohlstandes erfreuen, herrscht doch in unserer Stadt unter der Masse der jüdischen Bevölkerung endloses Elend und unsägliche Noth. Von den 80.000 jüdischen Einwohnern, die Lodz in seinem Weichbilde beherbergt, sind 15% Großindustrielle und Kaufleute; die übrige Bevölkerung machen die Gewerbe- und Kleinhandeltreibenden und die Fabriksarbeiter aus. Die letzten theilen das gleiche Los mit ihren Brüdern in anderen Ländern: 12—14-stündige schwere Arbeit, kümmerlichen Lohn, schlechte Wohnung, spärliche Nahrung, geistige und moralische Verkrüppelung. Sie siedeln sich in den ärmeren Stadttbeilen an, welche mit allen Attributen solcher Armenquartiere, wie sie in den großen Jndustriecentren anzutressen sind, ansgestattet sind. Werfen wir einen Blick in dieses „moderne Ghetto", so entrollt sich vor uns ein trauriges Bild: in engen Räumlichkeiten, die nicht selten von einem Webstuhl oder von einer anderen technischen Vorrichtung ganz occupiert sind, sind Familien von 5—6 Seelen zusammengepfercht. Die in diesen, den modernen hygienischen Forderungen keineswegs entsprechenden Wohnstätten vorherrschende ungesunde Luft, hat die schrecklichsten Krankheiten zur Folge. Vater, Mutter und Kinder sind die ganze Woche hindurch bei der Arbeit und nur an den Feier- und Samstagen halten diese Unglücklichen gemeinsames Mahl. Ihr geistiges Niveau ist sehr niedrig. Unsere Cnltusgemeinde hat bis jetzt nur sehr kümmerlich gesorgt für die intellectuelle Hebung dieser Elenden, indem sie zwar Krankenhäuser und Altersasyle errichtet hatte, aber keine Schulen und dergleichen Anstalten. Jedoch in jüngster Zeit lässt sich eine Wendung zum Besseren bemerken. Man spricht sehr viel von der Gründung neuer Schulen und eine Frau Rabinowicz plant sogar eine Sonnabendschule, speciell für die Arbeiterclasse. Möge ihr an dieser Stelle unser aufrichtigster Dank ausgesprochen sein. Der Zionismus hat bekanntlich bei uns viele Anhänger gefunden. Es waren aber nur die Intelligenten aus der mittleren Classe, die sich der Bewegung angeschlossen, während sich die wohlhabende Classe ziemlich indifferent verhielt. Auch dies hat sich jetzt geändert; unsere Reichen legen gegenwärtig großes Interesse für die Volkssache an den Tag nnd nehmen sich ihrer mit starkem Eifer an. Einen Gegner von Gewicht haben wir aber in der Person des Rabbiners M e i s e l, der mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln den Zionismus bekämpft und ihn im Keime zu ersticken sucht. So hat er beispielsweise vor einiger Zeit einem hier angelangten bedeutenden zionistischen Agitator aus Bialystok das öffentliche Reden untersagt. Hoffentlich werden unsere Gemeindevorsteher ihn: bald die Weisung zugehen lassen, wie er sich zu verhalten hat. Tie „Hazefirah" bespricht in einem Leitartikel die Lage der jüdischen Colonisten in Südrussland. Von den 17 Colonien, sagt das Blatt, leiden 3, Trudoljubowka, Njetschajewka und Grafskaja an Wassermangel; alle Versuche Brunnen zu graben, sind misslungen. Man denke sich nur die Colonisten während eines heißen Sommertages bei der Feldarbeit ohne Wasser. Dazu kommen noch die Schwierigkeiten beim Anbau des unftuchtbaren Bodens. Auch in den übrigen 14 Colonien ist der Boden nicht sehr ergiebig und der knapp zugemessene Landbesitz reicht kaum aus, die Ansiedler zu ernähren. Wie verlautet, soll die Regierung demnächst Maßregeln behufs Besserung der Lage der jüdischen Colonisten vornehmen. J. U. Frankreich. Paris. Die Wahlen sind, wie man schon jetzt sägen kann, regierungsfteundlich ausgefallen. Das hat bisher noch jede einigermaßen geschickte Regierung zuwege gebracht. Dass diesmal Clericale, Monarchisten und sogenannte Ralliierte mit den gemäßigten Republikanern Hand in Hand giengen, hat den Wahlen ein ganz eigenthümliches Gepräge gegeben. Es handelt sich in Wahrheit um einen Erfolg des clerical-militaristischen Vorstoßes. Auch die Boulangisten haben ziemlich bedeutende Erfolge zu verzeichnen. Zwei Facta sind besonders bezeichnend. In Remiremont ist M e l i n e mit einer Stimmenzahl von über 13.000 gewählt worden und in Carmaux Jaures gegen den Monarchisten Marquis So läge unterlegen. Es ist zweifellos, dass Jaures nur durch seine Stellungnahme im Zolaprocess sich die Gunst seiner Wähler verscherzt hat. In Algier ist

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