Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 19 (13.5.1898)
- Article
- Pariser Brief
- Date
- 1898-05-13
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 19 cette 7 Veranlagungen geziehen werden, nicht am seltensten einer proteusartigen, unfassbaren und gänzlich unverlässlichen Bolksindividualrtät. Dieser-Zwiespalt erstreckt sich auch auf die Rolle, die wir in der Gesellschaft spielen. Wir müssen zugeben dass der Jude ein ganz besonders gesellschaftlich veranlagtes Wesen ist. Und trotzdem fehlt ihm die von seinen Feinden so oft betonte, von seinen Freunden so sehr gewünschte Solidarität und der zielbewusste Organisationsgeist in hohem Maße. Als Beleg für diese Behauptung will ich nicht etwa die orientalischen Juden anführen, sondern die ftanzösischen und unter diesen sogar die zionistischen. Zionisten gibt es in Paris genug. Mehr als ihre bisherigen Erfolge vermuthen lasten. Es existieren die Vereine „Jischub Erez Israel", O'ile Regel", „Dorsche Zion", „Pirche Zion" ec. Namentlich die letztgenannten bestehen in ihrer größeren aus Hälfte russischen und rumänischen Juden. Die meisten französischen Juden zählt die Vereinigung „Jischub Erez Israel". Ueberall sind es die Verbannten und aus ihrer bisherigen Heimat schnöde Verjagten, welche die Liebe zu Zion und die Begeisterung für die nationale Sache mit sich bringen. Es scheint fast, als ob sie eine tragische Aufgabe auf ihren Schultern lasten hätten, als ob sie dazu ausersehen seien, ihre emancipierten, in größerer Sicherheit lebenden Brüder nicht vergesten zu lasten, von welchem Schicksal auch sie eines Tages bedroht werden könnten. Wenn diese in satter Ruhe und Behaglichkeit dahindämmern, dann müsten ihre Klagen und Schmerzensschreie dazu dienen, diesem traumseligen Zustande einen Hintergrund zu geben, von dem er sich grauenhaft abhebt. Und das fällt den guten behäbigen Leuten auf die Nerven, das macht sie ungeduldig, aufgeregt, das erfüllt sie mit Hass und Widerwillen gegen die typisch jüdischen Gestalten, welche durch die Straßen von Paris schleichen, gedrückt von Hunger und Seelenpein. Voll Ekel werfen sie ihnen ein Almosen hin. Aber gerade diese Armen verstehen den Zionismus zu würdigen und wenn sie ihn auch im Rahmen ihres Verständnistes sich zurechtlegen, so sind sie nichtsdestoweniger der Grundstock der zionistischen Vereine von Paris. Es gibt wenige Bereinsmitglieder die 12 Francs per Jahr zahlen, und nur wenige von diesen wohlhabenden Leuten sind ehrlich für unsere Idee begeistert. Manche verknüpfen auch mit dem Zionismus ganz persönliche Hoffnungen und Anschauungen. So hat im Vorjahre ein junger Advocat des Appellgerichtshofes seinem Zionismus eine eigenthümliche Fastung gegeben. Er sieht in Palästina das Land, in dem sich alle Völker verbrüdern werden, wo sie alle zusammenkommen werden, um sich dem ewigen Frieden zu weihen. Die Juden müssten mehr als andere Völker für diese Zukunft arbeiten und deshalb besondere Anstrengungen machen, um nach Palästina zu kommen, denn für sie sei es durch Vergangenheit und Zukunft (wie er sicher glaubt) ein doppelt heiliges Land. Nur auf diesem Umwege, auf welchem ihn, vielleicht unbewusst, auch biblische Erinnerungen leiteten, konnte dieser französische Jude nicht nur vor den Anderen, sondern auch vor sich selbst seine Liebe zu Zion rechtfertigen. Aber wie gesagt, die französischen Juden, die sich in irgend einer Weise mit dem Zionismus beschäftigen, sind verhältnismäßig sehr wenige — oder waren es wenigstens bis in die jüngste Zeit. Die Schuld liegt wohl zum größten Theile in der Lauheit der Vereine, namentlich des „Jischub Erez Israel", der doch eine Anzahl einflussreicherer Personen unter seinen Mitgliedern zählt. Bor allen muss aber die Taktik der Vereine als eine verfehlte bezeichnet werden. Diese Taktik bekundet die weitestgehende Rücksicht auf die Borurtheile der französischen Juden. Aengstlich vermeidet man alles, was Anstoß erregen könnte. Als ob eine junge, ihrer ganzen Natur nach dem Alten ganz entgegengesetzte Idee ohne Kampf und Widerstreit zum Durchbruch kommen könnte! Ein Beispiel für viele. Als im Vorjahre ein feuriger Zionist, voll Energie, ohne sich ein Blatt vor den Mund zu nehmen, auf die' Täuschungen hinwies, die uns die Emancipation gebracht habe, und ausführte, dass selbst die Revolution in Frankreich den Inden wenig günstig gesinnt war, erhoben einige französische „Israeliten" heftig Protest gegen diese Ausführungen und drohten, aus dem Vereine auszutreten. Es bedurfte der Erklärung mehrerer Vorstandsmitglieder, dass dies die persönlichen Ansichten des Redners seien, und dass die Vereinsmitglieder auch Frankreich als „das zweite Vaterland aller Juden" ansähen, um die Sache gütlich beizulegen. Auch in Bezug auf die Colonisatiou Palästinas und ihre Resultate hat der Verein „Jischub Erez Israel" so gut wie nichts gethan, um die französischen Inden von ihr zu unterrichten. Auch die übrige Propaganda ist vollständig ungeregelt und ganz unzureichend. Und doch wäre in Frankreich ein so guter Boden für die zionistische Propaganda! Wenn Herzl in einer Anwandlung von Missmuth in seinem „Judenstaat" sagte: „Wenn nun alle oder einige ftanzösische Juden gegen diesen Entwurf protestieren, weil sie sich bereits „assimiliert" hätten, so ist meine Antwort einfach: Die ganze Sache geht sie nichts an. Sie sind israelitische Franzosen, vortrefflich! Dies ist jedoch eine innere Angelegenheit der Juden", so soll das keineswegs als Ausrede dienen, um in Frankreich flir unsere Idee keine Propaganda zu machen. Unterdessen haben ja die französischen Juden erfahren, dass mich ihr Haus nicht so fest gebaut ist, dass sie dem Kampfe der übrigen Juden theilnahmslos znsehen könnten. In zweifacher Hinsicht könnten die französischen Juden dem Zionsmus dienen. Zunächst könnten sie den Juden des Ostens zu einem menschenwürdigen Dasein verhelfen, was sie ja als Juden, sei es nur der Religion nach, nicht ablehnen können. So hat es auch der Gran§rabbin Zadoc-Kahn einem Redacteur des „Journal" auseinandergesetzt, der die Beziehungen der französischen Juden zum Zionismus erkunden wollte. Dann könnten sie auch, selbst von ihrem Standpunkte, die historisch-literarische Bewegung unterstützen, deren fortwährendes erfreuliches Wachsthum das beste Zeugiris fiir das Wiedererwachen und die Stärkung des jüdischen Nationalgefühles ablegt. Und die „jüdischen" Franzosen werden zum Judeirthum zurückkehren. Das ist fraglos, wenn sie sich auch jetzt noch wehren. Sie werden zurückkehren, weil sie die Verhaktniste dazu zwingen werden. Und weil das sicher der Fall sein wird, so sollte die Propaganda nicht erlahmen, sondern kräftiger einsetzen. Sie mag ihr Actionsprogramm vielleicht nicht genau so einhalten können, wie in anderen Ländern, das thut ja nichts. 100.000 Inden, unter denen soviel Talent und Arbeitskraft sich vorfindet, einfach aufgeben, das wäre eine große Ungeschicklichkeit und ein noch größerer Fehler. Wollen die französischen Juden nicht gleich unser ganzes Programm anerkennen, so soll das die Propaganda nicht abschrecken. Einen Anfang aber muss sie machen, das Andere kommt dann von selbst. Ce n’est que le premier pas qui coüte. Argus. ft Ratzels Grab. (Zur Illustration.) Eine Stimme der Klage wird zu Ramah gehört, bitterlich Weinen, Rachel weint um ihre Kinder; sie verweigert es, sich trösten zu lassen um ihre Kinder; denn sic sind dahin. Also spricht der Ewige: Halte zurück Deine Stimme vom Weinen und Deine Augen von Thränen; denn ein Lohn ist für Dein Thun, ist der Spruch des Ewigen, und sie werden zurückkehren aus dem Lande des Feindes; Und Hoffnung ist für Deine Zukunft, ist der Spruch des Ewigen, und es werden zurückkehren die Kinder in ihr Gebiet. Jeremias XXXI. 14-, 15, 16.